Littells „Bienveillants“ in Spanien

Der Roman ist hinreichend böse

Von Paul Ingendaay, Madrid

„Ereignis des Jahrhunderts” - Semprún wird auf der Banderole zitiert, aber me...

„Ereignis des Jahrhunderts” - Semprún wird auf der Banderole zitiert, aber meinte er Littells Roman?

04. November 2007 Seit einer Woche liegt der Tausend-Seiten-Roman „Les bienveillantes“ („Die Wohlgesinnten“) von Jonathan Littell unter dem Titel „Las benévolas“ in spanischer Übersetzung vor (siehe auch: Jonathan Littell: Die Nazis hatten Kultur), und der Blickfang ist die rote Banderole, die der Verlag RBA aus Barcelona dem schweren Band verpasst hat: „Das Ereignis des Jahrhunderts“, urteilt Jorge Semprún.

Man darf darüber rätseln, ob der illustre Zeuge das Buch meint oder das Thema. Der Name Semprúns lässt ahnen, dass Littells Erfolgsroman in die Grauzone zwischen Dokumentation und Fiktion vorgestoßen ist, die durch die künstlerische Verarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus entstanden ist. Tatsächlich nimmt der Stoff in den ersten spanischen Rezensionen so breiten Raum ein, dass kaum Platz für die ästhetische Wertung bleibt. José Carlos Mainer bringt in „El País“ sogar das Kunststück fertig, sich jedes Urteils zu enthalten.

Eine „literarische Schönheit neuer Prägung“

Ein begleitender Artikel stellt „Die Wohlgesinnten“ in den Kontext anderer Werke über die Ermordung der europäischen Juden. Littells Roman wird zugutegehalten, nicht in die Banalisierungsfalle getappt zu sein. Mit anderen Worten: Der Roman ist hinreichend böse. Schon jetzt sei es unmöglich, heißt es abschließend, „den Holocaust ohne Lanzmann zu denken; doch ebenso unmöglich ist es, ihn sich ohne Littell vorzustellen und ohne Spielberg zu visualisieren“. Auch in der Zeitung „El Mundo“ nimmt das Darstellungsproblem breiten Raum ein. Der Rezensent Germán Gullón weist darauf hin, der dem Werk zugesprochene Goncourt-Preis sei problematisch, da dieser Fiktion prämiere; die Vorstellungskraft jedoch spiele in Littells „gewaltigem Text“ eine Nebenrolle.

Romanästhetisch orientiere sich der Autor weniger an der Moderne als am epischen Erzählen eines Tolstoi, wenngleich der finstere Erzähler Maximilien Aue, der den Leser zum Mitwisser der Grausamkeiten mache, der eigentliche Kunstgriff sei. Anders als Claude Lanzmann, der Regisseur des Dokumentarfilms „Shoah“, der den Roman wegen seiner kalten, unmoralischen Perspektive eine „giftige Blume“ nannte, erkennt der Rezensent in Littells Dokumentationsleistung, die besonders den ukrainischen Opfern gelte, eine „literarische Schönheit neuer Prägung“.

Respekt äußert auch der französische Journalist Jean-François Fogel in seinem vielgelesenen spanischen Blog. Es handele sich um einen „großen historischen Roman“, allerdings nicht um ein „großes Werk der Weltliteratur“. Fogel sagt auch gleich, was er damit meint: ein Buch, das dem Wesen des universalen Bösen wirklich auf den Grund gehe, etwa so wie der tausendseitige Roman „Leben und Schicksal“ des Russen Wassili Grossman aus dem Jahr 1959.



Text: F.A.Z., 05.11.2007, Nr. 257 / Seite 37
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