05. März 2007 Mina Ahadi war dreiundzwanzig Jahre alt und studierte Medizin in Teheran, als die Mullahs die Macht an sich rissen. Im selben Jahr ging sie für ein freies Leben ohne Schleier auf die Straße. Sie wurde dafür von der Universität verwiesen, musste in einer Fabrik arbeiten und erleben, dass man ihren Mann an ihrer Statt verhaftete, weil sie zufällig nicht in der Wohnung war. Er wurde wenig später hingerichtet, Mina Ahadi steckbrieflich gesucht. Sie tauchte unter, wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt und lebt, nach abenteuerlichen Fluchtjahren, seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Hier versucht sie, bislang mit mäßigem Erfolg, die Öffentlichkeit für die Opfer des politischen Islam zu interessieren, zuletzt für ihr Komitee gegen Steinigung.
Es bringt sie auf, dass selbst Journalisten voraussetzen, sie sei Muslimin, weil sie aus einem islamischen Land stamme. Und es empört sie, wenn nicht nur islamische Vereine meinen, für dreieinhalb Millionen Muslime in Deutschland sprechen zu dürfen, sondern auch Politiker diese Anmaßung unwidersprochen akzeptieren. Sie sei vor dreißig Jahren ausgetreten aus dem Islam, eine von vielen, die nicht einfach untergebuttert werden dürften von Islamfunktionären: Wir sprechen selbst für uns!
Hilfreiche Provokation
Mit Gleichgesinnten hat Frau Ahadi die Erfahrung gemacht, dass in einer Mediengesellschaft Provokation zuweilen hilfreicher ist als ausgefeilte Argumente, um ein politisches Ziel zu erreichen. Ihren höflichen Protest gegen die von den Medien verbreitete Darstellung, der Karikaturenstreit habe die gesamte islamisch dominierte Welt in Aufruhr versetzt und tatsächlich jeden einzelnen Bürger der sogenannten muslimischen Staaten beleidigt, habe man noch übersehen. Dass es in der Migrantengesellschaft Deutschlands Tausende gibt, die das Kopftuch, die Scharia, ja den ganzen Islam ablehnen, müsse aber endlich zur Kenntnis genommen werden. Und weil Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrates der Muslime, im Vorfeld der Islamkonferenz nicht näher Rechte für dreieinhalb Millionen Muslime eingeklagt hat und die Scharia in Einklang bringen will mit der Demokratie, setzt nun der Kreis um Frau Ahadi einen Zentralrat der Ex-Muslime dagegen.
Eine extreme Provokation, unnötig dazu, mäkelten Kritiker sogleich; Menschenrechte und Gewissensfreiheit gälten doch für alle. Das aber bezweifelt Mina Ahadi. Ihr Verein, der eine Kritische Islamkonferenz vorbereitet, sei eine erfolgreiche Provokation. Der Saal der Bundespressekonferenz war jedenfalls bis auf den letzten Platz gefüllt, als sie mit einigen Aktivisten ihre Kampagne Wir haben abgeschworen! vorstellte. Ihre Stellvertreterin Arzu Toker, gebürtige Türkin, erinnerte daran, dass die Türkei das islamische Gebot, wonach jeder Muslim sei, der einen muslimischen Vater habe, unter Atatürk schon 1923 außer Kraft gesetzt hat. Ein Recht, das auch Deutschtürken zuzugestehen sei.
Text: F.A.Z., 05.03.2007, Nr. 54 / Seite 40
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