Im Gespräch: Kulturwissenschaftler Thomas Macho

Die Rhetorik der Machtabsage

17. Juli 2008 Der niedersächsische Ministerpräsident sagt über sich selbst, ihm fehle der „unbedingte Wille zur Macht“. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho seziert im Gespräch mit der F.A.Z. die rhetorische Figur der Machtabsage und analysiert das deutsche Verhältnis zur Lüge.

Christian Wulff wurde unlängst gefragt, ob er sich vorstellen könne, Bundeskanzler zu werden. Er replizierte darauf mit der Bemerkung: Nein, ihm fehle dafür der unbedingte Wille zur Macht. Verblüfft Sie diese Bemerkung?

Ich finde diese Bemerkung aus verschiedenen Gründen nicht sehr verblüffend. Sieht man zum Beispiel - unter dem Stichwort "Große Koalition" - nach Österreich, so drängt sich der Eindruck auf, dass Menschen, die schon in der Sandkiste Bundeskanzler werden wollten, auch recht schnell nicht mehr Bundeskanzler sein können. Wer zu auffällig und zu sichtbar ein erotisches Verhältnis zur Macht bekennt, der wird bestraft. Ein Politiker, der dagegen ein distanziertes Verhältnis zu seinen Kollegen bekennt, darf durchaus mit Steigerungen seiner Sympathiewerte rechnen. Nicht in Konkurrenz zu anderen Politikern zu treten wird vielleicht sogar als Zeichen einer schon erreichten Popularität genommen. Nach wie vor gilt auch, dass der Schein von Ehrlichkeit und Charakter zum politischen Charisma gehört.

Würden Sie also sagen, dass es tatsächlich zu einem überzeugenden politischen Machtanspruch gehört, eben diesen Anspruch vorsichtig einzuklammern?

Natürlich nicht immer. Aber in der gegenwärtigen politischen Situation in Deutschland war es eine äußerst kluge Entscheidung von Wulff, diesen Anspruch nicht zu erheben.

Und wie kommt es zu dieser Form von Rhetorik der Authentizität? Gibt es für sie historische Anbahnungen?

Diese Rhetorik hat eine lange Tradition. Die Offenheit und Ehrlichkeit des Politikers gehört zum Grundrepertoire öffentlicher politischer Selbstinszenierung.

Aber gibt es vielleicht, im europäischen Querschnitt gesehen, eine spezifisch deutsche Variante?

Ganz sicher. Das hat mit dem besonderen Verhältnis von Politik und Aufrichtigkeit in Deutschland zu tun. Das Thema Lüge wird in Deutschland ganz anders verhandelt als etwa in Italien, Frankreich oder England. Das deutsche Verhältnis zur Lüge ist nach wie vor davon geprägt, dass nichts politisch so schädlich ist wie der Nachweis der Unaufrichtigkeit.

Das Stichwort Lüge bringt uns direkt auf die nietzscheanische Wendung vom "Willen zur Macht", von der Christian Wulff sich distanzierte. Scheint Ihnen der Griff ausgerechnet zu dieser Grundvokabel von Nietzsches Willensmetaphysik von Bedeutung?

Diese Formel kann im Moment offenbar in allen möglichen Kontexten auftauchen. Man hat dabei das Gefühl, dass es sich um eine verschlissene Floskel handelt, über deren Bezug zu Nietzsche man sich kaum den Kopf zerbrechen muss.

Zurück zur politischen Bühne. Kann man sich nicht ebenso gut schneidige Bekenntnisse zur politischen Macht vorstellen, die einen professionellen Umgang mit ihr signalisieren?

Natürlich, diese Rhetorik funktioniert auch in bestimmten Kontexten. Aber gegenwärtig kollidiert sie allzu leicht mit Rollenaspekten der Geschlechterdifferenz. Es geht ja nicht nur um das Verhältnis zu einer anonymen Macht, sondern auch um symbolisch eingespieltes und trainiertes männliches Konkurrenzverhalten, wie es mit dem Begriff der "Alphatiere" von Wulff auch angesprochen wird. Zugleich geht es um eine Frau, die an der Macht ist. Ein Mann wie Wulff wählt hier nicht das Duell, sondern eine Art Kavaliersgeste, in seinem Fall natürlich eine ziemlich vergiftete.

Wulff spricht sich selbst ein respektvoll-demütiges Verhältnis zur Macht zu. Eben nicht eines, wie es die von ihm genannten "Alphatiere der deutschen Politik" Angela Merkel, Franz Müntefering und Roland Koch haben.

Bei Wulff heißt das wohl hauptsächlich, dass er ein respekvoll-demütiges Verhältnis zu Frau Merkel glaubhaft machen möchte. Man sollte dieser Rhetorik nicht zu viel Kredit geben. Sie ist dann angezeigt, wenn es gerade aus strategischen Gründen nicht opportun ist, seine Ansprüche auf die Macht in den Vordergrund zu stellen. Im Moment geht es darum, einen diffusen Vorschein von Wahlkampf zu erzeugen. Eine demonstrative Distanzierung von möglichen eigenen Ansprüchen bedeutet in diesem Fall wenig.

Und was sind die Antworten auf diese Strategie, mit denen in der politischen Arena gerechnet werden muss?

Sie könnten aus dem kritischen Hinweis abgeleitet werden, dass es nicht ausreicht, ein respektvoll-demütiges Verhältnis zur Macht zu entwickeln. Nicht Respekt und Demut, sondern Sinn für Verantwortung kennzeichnet den modernen Politiker. Respektvolle Demut bildet allenfalls ein christliches Gegenmodell zur Erotik. In Wulffs Tonfall wird das Verhältnis zur Macht beinah privatisiert. Wir wollen aber gar nicht wissen, ob Christian Wulff wirklich so machtfern ist, wie er sich zeigt. Ein öffentlicher Diskurs kann nur mit dem Begriff der Verantwortung operieren, mit den wichtigen Stichworten aus Max Webers "Politik als Beruf".

Läuft es bei Wulff also auf eine Abgrenzung von überzogener Identifikation mit der Macht hinaus, ohne sich über diese lustvollen Machtverhältnisse genauer auslassen zu müssen?

Ja, es läuft auf diese Gegenüberstellung hinaus, die aber kaum überzeugt. Die Selbstcharakterisierung als Mann, der im Leben auch noch anderes zu tun hat, funktioniert eben nur in Absetzung von den machtgeilen "Alphatieren".

Man könnte in diesem Zusammenhang auch an eine Formulierung des Bundespräsidenten Horst Köhler denken, der unlängst meinte, sich nach dem Amt seinerzeit nicht gedrängt zu haben, aber ,einmal ins Amt gewählt, an ihm nun auch festhalten wolle. Sehen Sie da Verbindungslinien?

Horst Köhlers Wendung scheint mir rhetorisch deutlich schwächer als Wulffs demonstrative Absage. Auch der Kontext ist ganz anders: Hier ging es ja genau darum, einen Anspruch anzumelden.

Ist denn Machtverzicht auf politisch überzeugende Weise gar nicht vorgesehen?

Er ist dann möglich, wenn Fürsten abdanken, Politiker demissionieren oder sehr komplizierte Allianzen bilden müssen. Sonst ist der Machtverzicht innerhalb der politischen Arena wohl nicht vorgesehen: Man kann nicht gleichzeitig vor und hinter dem Vorhang stehen, Macht ausüben und auf sie verzichten. Dem Willen zur Macht kann kein Wille zur Ohnmacht gegenübergestellt werden. Wulffs Äußerung klang ja auch darum so verblüffend, weil sie an die Ankündigung eines Rücktritts erinnerte, ohne diesen Rücktritt faktisch zu vollziehen.

Einerseits also kann solche Distanzierung von Macht einen Authentizitätsbonus bringen. Andererseits kann sie auch das Misstrauen in die Professionalität des Politikers schärfen. Lautet so Ihre Diagnose?

Ja, das sind die zwei Dimensionen, auf die es hier ankommt. In dieser Doppeldeutigkeit liegt das Heikle an der rhetorischen Strategie des Machtverzichts: die Gefahr, sich eigentlich aus dem politischen Feld hinauszukatapultieren.

Was sind denn auf der europäischen Bühne für Sie die deutlichsten Gegenfiguren, von denen man solche Rhetorik nicht einmal im Falle ihres Rücktritts erwarten würde?

Nun, bei Berlusconi oder Sarkozy kann man sich das wirklich schwer vorstellen. Vermutlich fielen ihnen auch für den unwahrscheinlichen Fall des Rücktritts andere Worte ein. Dabei hat Sarkozy vielleicht seit der Heirat mit Carla Bruni sogar für diesen Fall vorgesorgt - sofern seine Ehefrau mitspielt.

Die Fragen stellte Helmut Mayer.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

 
 
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