Ausstellung über Vertreibung

Die Glocke der „Gustloff“

Von Heinrich Wefing

08. August 2006 Gemessen an dem häufig geradezu hysterischen Streit der vergangenen Jahre, ist es derzeit irritierend still um die Ausstellung „Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung in Europa im 20.Jahrhundert“, die am Donnerstag abend im Berliner Kronprinzenpalais Unter den Linden eröffnet werden soll. Es gibt keine Vorab-Empörung über vermeintlichen Geschichtsrevisionismus der Vertriebenenverbände, die die Schau maßgeblich finanziert haben, keine Mahnungen von besorgten Protestanten, nur ja nicht Ursachen und Folgen der Vertreibungen zu verwechseln, und selbst der polnische Boulevard, der Erika Steinbach, die Chefin des Bundes der Vertriebenen, schon als SS-Domina des damaligen Kanzlers Schröder karikierte, hält sich mit präemptiven Verrissen zurück.

Noch ist allerdings nicht recht klar, ob diese Ruhe wohlwollender Neugier entspringt und schon ein Vorzeichen jener geschichtspolitischen Entkrampfung ist, zu der die Ausstellung erklärtermaßen beitragen will, oder ob sie schlicht dem Umstand geschuldet ist, daß ihre Eröffnung in die Sommerpause des Berliner Betriebs fällt.

Gratwanderung zwischen Zurückhaltung und Emotionalisierung

Enorm bleibt der Druck ohnehin, der auf den Organisatoren und Kuratoren lastet. Die Ausstellung muß nicht nur dem tiefen, bisweilen irrationalen Mißtrauen in Osteuropa, in Prag und Warschau zumal, gegen alle Aktivitäten der Vertriebenen standhalten; sie muß auch neben der weitaus üppiger alimentierten Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ bestehen (siehe auch: Ausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ in Bonn). Die Schau aus dem Bonner „Haus der Geschichte“ ist derzeit auf der anderen Straßenseite der Linden, im Deutschen Historischen Museum, zu sehen. Andererseits darf, wie Wilfried Rogasch, der leitende Kurator, vorsichtig formuliert, den heute hochbetagten Vertriebenen und ihren Angehörigen beim Rundgang „nicht nur Kälte entgegenschlagen“.

Jedes Exponat, jede Präsentationsentscheidung, jedes Wort in den Begleittexten wird zwischen diesen Polen von Zurückhaltung und Emotionalisierung zur Gratwanderung. Mit möglicherweise weitreichenden kulturpolitischen Folgen. Scheitert die Ausstellung, daran läßt Frau Steinbach, die Initiatorin, im Gespräch wenig Zweifel, dann dürften sich auch die ehrgeizigen Pläne für ein Berliner „Zentrum gegen Vertreibungen“ erledigt haben. Gerät die Ausstellung zum Erfolg, wird es schwer sein, sie bei dem „sichtbaren Zeichen gegen Vertreibungen“ zu übergehen, das im Koalitionsvertrag verabredet wurde und dessen „Herzstück“ nach dem Willen von Kulturstaatsminister Neumann die Bonner Schau werden soll.

Stilleben europäischer Vertreibungsgeschichte

Anders als diese, die vor allem die Erfolgsgeschichte der Integration der Heimatvertriebenen in der frühen Bundesrepublik erzählt, hat das Zentrum gegen Vertreibungen von Anfang an, auch auf Drängen des verstorbenen Peter Glotz, auf einen europäischen Blick auf die Geschichte der Vertreibung gesetzt. Indem der Vertriebene als Opfer dargestellt wird, das immer wieder in der europäischen Geschichte auftaucht, in allen Winkeln des geplagten Kontinents, sucht nun auch die Ausstellung dem erwartbaren Vorwurf zu begegnen, sie betreibe Revanchismus, verliere sich in deutscher Nabelschau oder Opferstolz. Auf sechshundert Quadratmetern soll die ebenso verwickelte wie mörderische Geschichte der erzwungenen Völkerwanderungen in Europa im zwanzigsten Jahrhundert entfaltet werden. Und ein erster Gang durch die Ausstellungsräume deutet darauf hin, daß diese „Europäisierung“ nicht nur ein Versprechen ist.

Schon im weitläufigen Büro der Kuratoren begegnet dem Neugierigen ein erster Hinweis. Da steht, zwischen einem Modell der Ausstellungsräume, zwischen Bücherstapeln und beständig fiepsenden Handys, in einer Ecke eine lange Kleiderstange, an der eine farbenprächtige donauschwäbische Tracht neben einem grauen gefütterten Arbeitsanzug aus einem sowjetischen Lager hängt. Und gleich daneben lehnt an der Wand ein kunsthistorisch eher unbedeutender Ölschinken, der zwei Elche auf einer Lichtung zeigt, ein Hinweis auf die Umsiedlung der West-Karelier aus ehemals finnischen Gebieten unter Stalin: ein Stilleben europäischer Vertreibungsgeschichte, durch Zufall zusammengedrängt auf einem halben Quadratmeter.

Die polnische Küstenwache leiht die Glocke der „Gustloff“

Deutlicher noch wird die politisch-didaktische Absicht im ersten Ausstellungssaal im Obergeschoß des Kronprinzenpalais. Noch türmen sich dort Kisten, Kabel und Kartons. Handwerker verdrahten die kreuz und quer gestapelten Leuchtkästen, deren Durcheinander an Kofferberge auf überfüllten Bahnsteigen erinnern soll. Andere Arbeiter schneiden aus schwarzer und weißer Folie eine riesige Landkarte Europas zurecht, die Boden und Wände des Raumes bedecken wird, um den Besucher auf die geographischen und politischen Dimensionen des Themas einzustimmen. Neun Fallbeispiele sollen die „unterschiedlichen Beweggründe und Rahmenbedingungen für Vertreibungen“ deutlich machen, angefangen mit dem Völkermord an den Armeniern, über die Vertreibung der Juden Europas als „Baustein des Holocaust“ (Moshe Zimmermann), die Abschiebung der Italiener aus Jugoslawien nach 1944 bis hin zu den „ethnischen Säuberungen“ in Bosnien.

„Europäisierung“ ist aber nicht nur das bisweilen fast defensiv klingende Leitmotiv der Ausstellung, die jede Hervorhebung der Leiden deutscher Vertriebener offenbar sorgsam meiden will. Der Begriff beschreibt auch die Erfahrungen, die Rogasch und seine beiden Kolleginnen Katharina Klotz und Doris Müller-Toovey, allesamt ehemalige Mitarbeiter des Deutschen Historischen Museums, bei ihrer Fahndung nach Exponaten überall auf dem Kontinent gemacht haben. „Wir werben um die Polen“, sagt Rogasch und erzählt, wie es ihnen trotz des jüngsten Frosteinbruchs in den offiziellen Beziehungen zwischen Warschau und Berlin in langen Gesprächen mit Kollegen gelungen sei, viele Ausstellungsobjekte aus polnischen Sammlungen ins Kronprinzenpalais zu holen. Einen Nußknacker etwa, den ein deutscher Soldat gegen Ende des Krieges in Warschau gestohlen und Mitte der siebziger Jahre, offenbar reumütig geworden, an die polnischen Behörden zurückgegeben hatte. Oder, weitaus heikler, die Glocke der „Wilhelm Gustloff“, die nach zähen Verhandlungen von der polnischen Küstenwache ausgeliehen wurde und nun einen prominenten Platz im Ausstellungsraum „Fluchtwege“ erhalten soll.

Kern einer republikanischen Gedenkstätte

Es heißt gar, die Regierung in Warschau habe einen angesehenen polnischen Historiker gebeten, sich während einer halbamtlichen Inspektionsreise nach Berlin einen Eindruck von der Ausstellung zu verschaffen. So ungewöhnlich eine solche kulturdiplomatische Visite sein mag, vielleicht wäre sie, käme sie tatsächlich zustande, ein vielversprechendes Zeichen. Immerhin deutet sie darauf hin, daß vor dem Urteil eine Erkundung des Sachverhalts stehen soll. Das wäre im gereizten Verhältnis von Vertriebenenpolitikern und polnischen Regierungsstellen ein Fortschritt. Und es könnte ein Signal sein auch zur Abrüstung der innerdeutschen Debatten über die angemessene Erinnerung an die Vertreibungen.

Vom zweiten Ausstellungsraum im Obergeschoß des Kronprinzenpalais geht der Blick hinüber auf die zartrosa leuchtende Barockfassade des Zeughauses. So wird der Besucher von „Erzwungene Wege“ immer wieder beiläufig auf die Parallelausstellung „Flucht, Vertreibung, Integration“ verwiesen. Natürlich begegnen sich die beiden Versuche einer Darstellung des Vertreibungstraumas mindestens unterschwellig auch als Konkurrenzunternehmen. Sie kämen sich gelegentlich vor wie David gegen Goliath, sagen die Ausstellungsmacher von „Erzwungene Wege“, und in dem durchaus selbstbewußten Vergleich schwingt gleichermaßen Frustration über die eigenen begrenzten finanziellen Mittel wie Befriedigung darüber mit, die Schau dennoch auf die Beine gestellt zu haben.

Auf Dauer aber wäre eine latente Konfrontation wenig erstrebenswert, mag sie einstweilen auch anspornend wirken. Noch ist es zu früh, die Ausstellung im Kronprinzenpalais zu beurteilen. Aber bereits jetzt drängt sich die Frage auf, ob das Gegeneinander sein muß, ob nicht aus der Verbindung der beiden Ausstellungen der Kern einer republikanischen Gedenkstätte an die Geschichte der Vertreibungen erwachsen könnte, die in der ausdifferenzierten Erinnerungslandschaft der Hauptstadt noch unübersehbar fehlt.



Text: F.A.Z., 08.08.2006, Nr. 182 / Seite 31
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
 
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