Rückkehr der Großmächte

Der alte Krieg ist wieder da

Von Andreas Herberg-Rothe

Die Bildsprache einer die zeithistorischen Zäsuren überbrückenden Ordnungsidee: Militärparade am 9. Mai 2008 in Petersburg

Die Bildsprache einer die zeithistorischen Zäsuren überbrückenden Ordnungsidee: Militärparade am 9. Mai 2008 in Petersburg

12. August 2008 Um die unerwarteten Formen der exzessiven Gewalt nach den Epochenjahren 1989 bis 1991 begreifbar zu machen, haben einige Autoren den Begriff der „neuen Kriege“ eingeführt. Diese seien gekennzeichnet durch den Verfall von Staatlichkeit und das Überhandnehmen privatisierter Gewalt, die Entwicklung von Bürgerkriegs-Ökonomien, das Auftreten scheinbar längst untergegangener Waffenträger wie Söldner, Kindersoldaten und Kriegsherren („Warlords“) sowie durch Kämpfe um Identität, Bodenschätze und grundlegende existentielle Ressourcen wie Wasser. Als ihr äußeres Kennzeichen gilt das vermehrte Auftreten irrational scheinender und exzessiver Gewalt: Selbstmordanschläge, Formen von „Mega-Terrorismus“ wie bei den Anschlägen des 11. September 2001, Massaker linker wie rechter, islamistischer oder sonstiger religiöser Bewegungen oder das Umschlagen von nachbarschaftlichen Beziehungen in den „Kampf aller gegen alle“ in ethnisch überformten Konflikten.

Neben dem Begriff der „neuen Kriege“ fanden außerdem Bezeichnungen wie privatisierte Gewalt, asymmetrische Gewaltstrategien, kleine Kriege, wilde Kriege, „low intensity conflicts“, postnationale Kriege, Kriege im Prozess von Globalisierung und der Durchsetzung des Kapitalismus sowie Kriege im Rahmen „globaler Fragmentierung“ Eingang in den politischen und wissenschaftlichen Diskurs. Allerdings wurde mit diesen Begriffen jeweils nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit in einer äußerst dynamischen und vor allem ungewissen Entwicklung beschrieben. Die Vielfalt der Begriffsbildungen deutet auf diese Ungewissheit und die ihr zugrundeliegende veränderte Wahrnehmung des Kriegsgeschehens hin.

Ein „neues Mittelalter“ in der Sicherheitspolitik?

Ein gemeinsamer Bezugspunkt dieser unterschiedlichen Begriffe ist die Annahme, dass sich das Kriegsgeschehen von der Ebene des Staates „nach unten“ verlagert hat. Es handele sich zumeist um Konflikte, in denen zumindest auf einer Seite nichtstaatliche Akteure beteiligt sind. Hieraus wird abgeleitet, dass die Motivation und Zielsetzung dieser nichtstaatlichen Akteure nicht mehr politischen beziehungsweise ideologischen Imperativen folgt, sondern anderen Quellen entspringt, seien es sie nun ethnischer oder ökonomischer Natur oder Prozesse einer Verselbständigung der Gewalt. Ihren deutlichsten Ausdruck fand diese Sichtweise in der Annahme einer kommenden Anarchie, die es zu verhindern gelte. Diesem Zweck dienen neuere Konzepte wie das eines amerikanischen liberalen Imperiums, das ein Mindestmaß an Ordnung gegenüber der kommenden Anarchie gewährleisten möchte. Zusammengefasst wurden diese Tendenzen im Begriff eines neuen Mittelalters in der Sicherheitspolitik.

Anders sähe es jedoch aus, wenn diese Verschiebung der Konflikte auf die Ebene Diffusion „unterhalb“ des Staates lediglich eine Übergangsphase wäre beziehungsweise wenn sich diese unbestreitbare Entwicklung auf bestimmte Teile der Welt beschränken sollte, auf Schwarzafrika sowie die traditionellen Konfliktlinien an den Rändern der ehemaligen Imperien. Zudem könnte es sein, dass Teile der zukünftigen Konflikte politisch oder ideologisch bestimmt sein werden, obwohl nichtstaatliche Akteure mitspielen. Das Paradigma dieser Kriege wäre dann nicht bestimmt durch den Gegensatz von Ordnung oder Anarchie, sondern durch den Gegensatz unterschiedlicher Ordnungsvorstellungen sowohl der Akteure selbst als auch der „interessierten Dritten“, der Öffentlichkeit, auf die sich die verschiedenen Konfliktparteien beziehen.

Zwischen den Supermächten durfte der Krieg nur noch gedacht werden

Das entscheidende Problem in diesem Szenario ist nicht die wertende Beurteilung der Ordnungsvorstellungen als solche, sondern dass die Konfliktdynamik anderen Regeln gehorcht als in einem Paradigma, in dem sich Ordnungsvorstellungen und Anarchie gegenüberstehen. Insbesondere Vorstellungen eines „liberalen Imperiums“, die bezüglich eines Gegensatzes von Ordnung und Anarchie noch angemessen sein mögen, würden ordnungspolitische Konflikte eher noch verschärfen. In der Zeit des Kalten Krieges stand die Welt zwar mehrmals am Rande des atomaren Abgrunds, die Konflikte schienen jedoch in eindeutigen Erklärungsmustern erfassbar zu sein: Ost gegen West beziehungsweise imperialistische Aggression und ökonomische Interessen des militärisch-industriellen Komplexes aus der Sicht der einen Seite versus Totalitarismus als das Reich des Bösen aus Sicht der anderen. Durch ihre Erklärbarkeit innerhalb von zwar gegensätzlichen, aber gleichwohl rationalisierbaren Deutungsmustern konnte die Gewalt auch in den Vorstellungen der Menschen eingegrenzt und eingehegt werden.

Für diesen Versuch, die potentiell unendliche Gewalt der Overkill-Kapazitäten durch eine geistige Anstrengung einzudämmen, steht vielleicht am deutlichsten Raymond Aron mit seinem vielbeachteten Buch „Penser la guerre“ von 1980. Krieg zwischen den Supermächten durfte demnach nur noch gedacht, nicht mehr geführt werden. Obwohl man im „Grand Hotel Abgrund“ am Rand der nuklearen Zerstörung der Welt logierte, hatte der Ost-West-Konflikt eine weltpolitische Ordnungsfunktion sowohl in realpolitischer Hinsicht als auch bezüglich der tatsächlichen oder scheinbaren Erklärbarkeit von Gewalt und Kriegen. Durch die neuen Formen der Gewaltausübung, die nach dem Ost-West-Konflikt zum Teil auch massenmedial inszeniert wurden, haben sich Krieg und Gewalt dem Begreifen entzogen, ohne dass ein neuer übergreifender Ordnungsrahmen gefunden werden konnte.

Nach dem Zusammenbruch großräumiger Ordnungssysteme

Doch diese unbestreitbare Entwicklung war auf die neunziger Jahre begrenzt, wie heute mit Blick auf weite Teile Schwarzafrikas und Lateinamerikas festgestellt werden kann. Genaugenommen ist diese Entwicklung typisch für die unmittelbare Periode nach dem Zusammenbruch großräumiger Ordnungssysteme. Nicht umsonst entstanden Warlord-Systeme bereits nach dem Zusammenbruch des chinesischen Reiches. Besonders deutlich tritt dieser Wandel in der Entwicklung Russlands und Indiens zutage. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde ein allgemeiner Bürgerkrieg befürchtet – heute ist Russland auf die Weltbühne zurückgekehrt und nimmt in traditioneller Manier seine Interessen im Vorraum des eigenen Staatsgebietes wahr. Auch Indien schien kurz davor zu stehen, ein „failed state“ zu werden und auseinanderzubrechen. Auch hiervon kann keine Rede mehr sein, und Indien ist inzwischen wieder eine Großmacht geworden.

Insgesamt fünf Groß- beziehungsweise Weltmächte kämpfen um die „Ordnung der Welt“, um machtpolitischen Einfluss, verfolgen weltweit ihre eigenen Interessen. Die Vereinigten Staaten, Russland, China, Indien und Europa (dessen Zersplitterung seinen ökonomischen, ordnungs- und machtpolitischen Einfluss verdeckt). Hinzu kommen die Bemühungen Irans, Saudi-Arabiens und Ägyptens, den Nahen Osten entsprechend der eigenen Vorstellungen zu ordnen. Die Auseinandersetzungen zwischen diesen Welt- und Großmächten sowie ihre gemeinsamen Aktionen zur „Ordnung der Welt“ werden die kommenden Jahrzehnte dominieren, allerdings begleitet von einer Fortdauer „privatisierter Gewalt“.

Zwar hatte Samuel Huntington mit seiner These eines Zusammenstoßes der Zivilisationen weit überzogen – aber zumindest die in der europäischen Kolonialisierung untergegangenen Großreiche kehren als Welt- oder Großmächte zurück, wie Indien, Russland und China. Selbst im Falle Irans ist die Anknüpfung an frühere islamische Großreiche offensichtlich. Wenn es Sinn ergibt, Beispiele aus der Geschichte zu verwenden, um gegenwärtige Entwicklungen besser zu verstehen, dann steht uns eher ein neues Jahrhundert wie das „lange“ neunzehnte bevor, in das Revolutionen und „privatisierte Gewalt“ eingebunden blieben, als die Rückkehr des Mittelalters in der Sicherheitspolitik.

Der Autor lehrt Theorie der Politik am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität.

Zur Leserdebatte: Krieg im Kaukasus (Diskussion abgeschlossen)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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