Hauptbahnhof-Urteil

Ein guter Tag für die Baukultur

Meine Kompromißbereitschaft war ein Irrtum: Meinhard von Gerkan

Meine Kompromißbereitschaft war ein Irrtum: Meinhard von Gerkan

29. November 2006 Meinhard von Gerkan hat Recht bekommen: Die Deutsche Bahn wurde verurteilt, eine gegen seinen Willen eingebaute Flachdecke im Berliner Hauptbahnhof zu entfernen. Die F.A.Z. sprach mit dem Architekten in der Austernbar seines Bahnhofs.

Herr von Gerkan, Sie sitzen gerade in der „Austernbar“ des Berliner Hauptbahnhofs und feiern?

Ja, wir haben ein Glas Champagner auf den Erfolg getrunken. Dies ist ein glücklicher Tag. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß uns das Gericht in allen Punkten so deutlich recht geben würde.

Sehen Sie in dem Urteil des Berliner Landgerichts einen Erfolg für die Architektur insgesamt?

Es stärkt jedenfalls die Interessen der Baukultur in Deutschland gegenüber den Interessen der anderenam Bau Beteiligten. Das hat es meines Wissens in dieser Deutlichkeit noch nie gegeben. Ich kann mich an keinen vergleichbaren Fall erinnern, in dem die Urheberrechte eines Architekten und die Authentizität eines Werkes so herausgestellt wurden. Aber das mag auch daran liegen, daß Architekten üblicherweise nicht klagen. Auch für uns war die Klage ja Ultima ratio, weil alle unsere Versuche, zu einem Kompromiß zu kommen, von der Bahn abgeschmettert wurden. Wir wären ja gern bereit gewesen, uns zu einigen. Aber es ging nicht, und deshalb war es richtig, schließlich zu klagen. Es ging uns ja auch um die öffentliche Wirkung eines solchen Bauwerks, das im Ausland sehr stark wahrgenommen wird als Ausdruck deutscher Baukultur. Und natürlich ging es uns auch, keine Frage, um unser eigenes Renommee und um unser eigenes Selbstverständnis.

Vor Gericht gestritten wurde heute nur um die Gestaltung der Decken im Untergeschoß des Hauptbahnhofs. Ästhetisch mindestens so verheerend war die vom Bahnchef angeordnete Verkürzung der Glasdächer im Obergeschoß. Bedauern Sie heute, nicht auch dagegen geklagt zu haben?

Ja, sehr sogar. Heute weiß ich, daß es ein großer Fehler war zu glauben, mit Entgegenkommen und Kompromißbereitschaft lasse sich die starre Haltung der Bahn aufweichen. Das war ein Irrtum. Aber das wußte ich damals nicht, und ich habe nie geglaubt, daß Hartmut Mehdorn seine Drohung wahrmachen werde, das Dach zu verkürzen.

Rechnen Sie damit, daß wir den Einbau der von Ihnen geplanten Gewölbedecken tatsächlich eines Tages erleben werden?

Angesichts meines biologischen Status kann ich das nur hoffen. Aber Sie sind jünger, Sie werden es erleben, das glaube ich fest.

Die Fragen stellte Heinrich Wefing.



Text: F.A.Z., 29.11.2006, Nr. 278 / Seite 37
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche