13. Oktober 2007 Am Beginn der Woche tagte der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri mit fünfzehn Nobelpreisträgern in Potsdam. Bei dieser Gelegenheit sprach er mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nun ist er selbst ein Nobelpreisträger, geehrt als Spitzenkraft der Institution, die verlässliche Prognosen über die Zukunft des Planeten abgeben und Optionen für die Klimapolitik entwerfen soll.
Herr Pachauri, die Angst vor weltweiten irreversiblen Klimaveränderungen ist groß. Wie optimistisch sind Sie, dass es der Staatengemeinschaft gelingen wird, angemessen zu handeln?
Ich bin guter Dinge, denn auf höchster Ebene setzt derzeit ein tief greifender Bewusstseinswandel ein. Als ich im September auf Einladung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen in New York sprach, haben achtzig Staats- und Regierungschefs einen ganzen Tag über die Herausforderung gesprochen. So eine Zusammenkunft hatte es zuvor noch nicht gegeben. Wichtiger noch, es waren sich alle einig, dass die Aussagen des IPCC seriös und glaubwürdig sind und dass es Zeit zum Handeln ist. Mit einer Ausnahme: Vaclav Klaus, der Regierungschef der Tschechischen Republik, forderte, eine Gegenorganisation zur IPCC zu schaffen, um die Klimaforschung in Frage zu stellen. Aber damit war er völlig isoliert.
Anfang November wird der IPCC eine Zusammenfassung aller Berichte und Schlussfolgerungen der letzten Sitzungen vorlegen. Was haben wir zu erwarten?
Der Klimagipfel von Bali ist extra um einen Monat nach hinten auf den Dezember verschoben worden, damit wir genug Zeit haben, diesen Bericht vorzulegen. Wir wollen die Grundlage für fruchtbare Verhandlungen darüber legen, was in der Zeit nach dem Jahr 2012 auf den Klimavertrag von Kyoto folgen soll, der dann ausläuft. Der Bericht wird nur dreißig Seiten lang sein. Dreißig Seiten zur Zukunft des Planeten, das zu lesen wird wohl jeder verantwortliche Politiker und jeder Manager schaffen.
Wie groß sind die Kosten des Klimaschutzes und die des Nichtstuns?
Unsere Berechnungen besagen, dass es im Jahre 2030 rund drei Prozent des globalen Bruttosozialprodukts kosten wird, die Konzentration von Kohlendioxid bei einem Wert von etwa 445 ppm (parts per million parts) zu stabilisieren, also bei einem Wert, der eine wirklich starke Erderwärmung unwahrscheinlich erscheinen lässt. Das entspricht Kosten von etwa 0,12 Prozent des Bruttosozialprodukts pro Jahr. Anders formuliert: Wenn die Weltwirtschaft weiter jährlich um vier bis fünf Prozent wächst, würden wir den Zuwachs an dem, was wir Wohlstand nennen, um insgesamt acht Monate verschieben. Das ist wohl erträglich im Vergleich zu den schrecklichen Dingen, die geschehen, wenn der Klimawandel einfach so weiterläuft.
Und mit welchen konkreten Maßnahmen soll diese Stabilisierung der Kohlendioxid-Konzentration erreicht werden?
Am wichtigsten ist es, dass Kohlenstoff einen Preis bekommt, dass niemand mehr die Atmosphäre kostenlos zur Entsorgung des Verbrennungsprodukts Kohlendioxid benutzen kann. Anders geht das gar nicht. Es gibt verschiedene Wege, einen solchen Preis festzulegen: Etwa durch eine globale Kohlendioxid-Steuer oder durch einen Handel mit Erlaubnisscheinen zum Ausstoß von Kohlendioxid, wie es der Kyoto-Vertrag bereits vorsieht.
Kann man in der Klimapolitik alles mit Geld lösen?
Nein, denn es gibt so vieles, für das man keinen Preis festlegen kann. Die Fachleute des IPCC gehen davon aus, dass dreißig bis vierzig Prozent der Tier- und Pflanzenarten aussterben werden, wenn sich die globale Durchschnittstemperatur um mehr als eineinhalb bis zweieinhalb Grad Celsius erhöht. Die Kosten solcher Verluste sind gewissermaßen unendlich groß.
Schätzungen wie die der Aussterberate haben die IPCC in die Kritik gebracht. Es ist nicht einmal bekannt, wie viele Tier- und Pflanzenarten es gibt. Wie kann man da seriös sagen, dass bis zu vierzig Prozent der Arten unter bestimmten Bedingungen aussterben werden? Ist das nicht Panikmache?
Diese Schätzung greift auf Untersuchungen an vielen tausend Tier- und Pflanzenarten zurück. Das ist sicher nur ein Mikrokosmos im Vergleich zur vollen Biodiversität des Planeten. Aber wir sind hinreichend sicher, dass die untersuchten Arten repräsentativ sind für die Ökosysteme der Welt. Es ist in der Ökologie üblich, nur einen Teil der Vielfalt zu untersuchen und mit Hilfe der gängigen statistischen Methoden Aussagen für das Gesamtsystem zu machen. Das ist eine belastbare Vorgehensweise.
Dem IPCC wird von seinen Kritikern systematische Übertreibung vorgeworfen. Was antworten sie darauf?
Wer so etwas sagt, sollte sich mal einen Tag oder noch besser eine Nacht in die Verhandlungen setzen. Im IPCC arbeiten die führenden Klimaforscher der Welt mit Regierungsvertretern zusammen. Die Regierungen verlangen ganz zu recht für alles, was die Wissenschaftlicher formulieren wollen, Belege und Beweise. Die Zusammenfassungen und Abschlusstexte werden Zeile für Zeile ausgehandelt. Mir hat noch niemand erklärt, wie es dabei zu Übertreibungen kommen soll.
Trotzdem heißt es immer wieder, Sie würden skeptischen Sachverstand ausschließen.
Die Fachleute des IPCC werden von Regierungen und anderen berufenen Stellen nominiert. Wir schauen uns dann ihren Lebenslauf an, ihre wissenschaftlichen Qualifikationen. Wie jemand den Klimawandel beurteilt, spielt dabei keine Rolle. Es geht primär nach wissenschaftlicher Exzellenz. Sekundär suchen wir eine gewisse geographische Balance. Im IPCC arbeiten Industrievertreter ebenso mit wie Entsandte aus Saudi-Arabien. Niemand wird wegen seiner Meinung geschnitten, solange er sie wissenschaftlich belegen kann. Es gehört zu den Stärken der IPCC, dass alle Beschlüsse im Konsens gefasst werden und dass Sachverstand aus aller Welt vertreten ist. Zudem sind wir an die wissenschaftliche Literatur gebunden. Was wir verwenden, muss gutachterlich überprüft worden sein. All das gibt uns eine hohe Akzeptanz und eine hohe Glaubwürdigkeit.
Bundeskanzlerin Merkel wirbt derzeit für eine völlig neue Herangehensweise an die internationale Klimapolitik. Sie hat vorgeschlagen, dass im Jahr 2050 jeder Erdenbürger nur noch zwei Tonnen Kohlendioxid-Emissionen pro Jahr verursachen darf. Heute sind es in Deutschland elf Tonnen, in Amerika zwanzig und in Entwicklungsländern ein bis vier Tonnen pro Jahr. Wie beurteilen Sie diesen Vorschlag?
Es ist eine brillante, ja revolutionäre Idee, die eine tektonische Veränderung in der Klimapolitik bewirken sollte. So könnte die gegenseitige Blockade zwischen den Entwicklungsnationen China, Indien, Brasilien und den Vereinigten Staaten in der Klimapolitik überwunden werden. Das Pro-Kopf-Konzept würde den Entwicklungsländern einen Zuwachs an Wohlstand zugestehen, ihnen aber gleichzeitig zusammen mit den Industriestaaten klare Pflichten auferlegen. Ich würde mir sehr wünschen, dass dieses Konzept verwirklicht wird.
Was sind Ihre Erwartungen für den UN-Klimagipfel auf Bali im Dezember?
Bei dieser Konferenz geht es noch nicht darum, einen neuen Klimavertrag auszuarbeiten, sondern darum, die Marschrichtung und den Zeitplan festzulegen. In Bali sollten die Zutaten des nächsten Klimavertrags ausgehandelt werden, aber ein fertiges Ergebnis wird den beiden Folgekonferenzen vorbehalten bleiben.
Muss man für eine internationale Einigung in der Klimapolitik den Abgang des amerikanischen Präsidenten George W. Bush abwarten?
Ich mag in der Minderheit sein, aber ich nehme auch in Amerika grundlegende positive Veränderungen wahr. Die Städte und viele Bundesstaaten sind im Klimaschutz ungemein aktiv, man schaue nur Kalifornien an. Amerika ist eine Demokratie, und deshalb werden Veränderungen an der Wurzel bald auch in Washington ankommen. Außerdem liegen zwischen der Verhandlungsführung der Regierung Bush von heute und der von vor fünf Jahren Welten. Auch das stimmt mich optimistisch.
Die Person und ihr Werk
Rajendra Pachauri steht dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dem Weltklimarat, seit dem Jahr 2002 vor. Der Weltklimarat erhält nun den Friedensnobelpreis. Pachauri wurde am 20. August 1940 im indischen Nainatal geboren. In den siebziger Jahren erwarb er an der North Carolina State University Doktortitel als Ingenieur und Ökonom. Seit fünfundzwanzig Jahren leitet er das Energy and Resources Institute (TERI) in Neu-Delhi, das Forschung zu Umweltfragen, Forstwirtschaft und nachhaltiger Entwicklung betreibt.
Er hat als Berater für die Weltbank, die indische Regierung und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen gearbeitet. Für seine Tätigkeiten hat er bereits mehrere indische und internationale Preise erhalten. Schon seit 1995 ist Pachauri für das IPCC als Fachmann tätig. Pachauri hat dreiundzwanzig Bücher verfasst, darunter eines über englische Gedichte, wie im Lebenslauf hervorgehoben wird. Wenn er sich nicht gerade um das Weltklima kümmert, spielt er gerne Cricket.
csl.
Das Gespräch führte Christian Schwägerl.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP