Von Stefan Chwin
25. August 2006 Als Günter Grass mir im Juni 2005 beim Abendessen im Danziger Rathaus von seiner Kriegsjugend erzählte, fiel das Wort SS-Mann kein einziges Mal. Es war von der Luftschutzartillerie und den U-Booten die Rede. Später, als wir den Karpfen auf jüdische Art, die Rote-Bete-Suppe mit Teigtaschen und die Pischingertorte verspeist hatten, kamen wir nicht mehr darauf zurück. Wir waren gut gelaunt. Die anderen Gäste übrigens auch. Grass las auf deutsch einen Auszug aus meinem Roman Tod in Danzig, und ich trug auf polnisch einige seiner Gedichte vor. Er war nach Danzig mit zwanzig seiner Übersetzer aus aller Welt gekommen, um ihnen die Stadt des Oskar Matzerath zu zeigen.
Sein öffentliches Bekenntnis, er habe der Waffen-SS angehört, hat in Polen einen Schock ausgelöst. Das Wort SS-Mann bedeutet in polnischer Sprache so viel wie reine Verkörperung des Bösen, Teufels Sohn.
Grenzenlosigkeit der Einbildungskraft
Für die Menschen meiner Generation war Grass immer wichtig. Wir lernten von ihm die antitotalitäre Haltung, die Freiheit des Denkens, die Grenzenlosigkeit der Einbildungskraft. Aber auch die Kunst des Vergebens. Zum ersten Mal erreichte uns Die Blechtrommel als eine zusammengeheftete, auf schlechtem Papier gedruckte konspirative Untergrundausgabe, die heimlich von Hand zu Hand gereicht wurde. Ich las sie neben den Schriften von Havel und Solschenizyn an einem geschenkten schwarzen Tisch, auf dem der Graphiker Jerzy Janiszewski das Logo der Solidarnosc - den berühmten, aus roten Buchstaben zusammengeflochtenen Namen - entwarf.
Volker Schlöndorffs Verfilmung der Blechtrommel, die in Polen damals absolut verboten war, durfte ich mir zusammen mit einer Gruppe von Danziger Schriftstellern im Gebäude des lokalen Parteikomitees anschauen, weil die Partei nach der Aufhebung des Kriegszustands eine versöhnliche Geste in Richtung der Kulturschaffenden tun wollte. Nachdem wir im Arbeitszimmer des Parteisekretärs vor dem Fernseher Platz genommen hatten, holte der kommunistische Würdenträger die Videokassette aus einer Panzerkasse hervor. Übrigens hatten wir uns, allen Parteirestriktionen zum Trotz, schon früher mit dem Werk von Grass an der Danziger Universität unter der Leitung von Maria Janion beschäftigt. Es ist ein Paradox, daß zu den polnischen Kindern von Grass auch diejenigen zählen, die ihn heute verbissen attackieren.
Grass ist wie seine Bücher
Grass ist ein geheimnisvoller, ein bei aller Vitalität in sich gekehrter Mensch, und ich habe niemals versucht, ihn zu verstehen. Es war mir lieber, daß er so blieb wie seine Bücher: verworren, unklar, zweideutig. Oskar Matzerath ist keineswegs ein positiver Held, und Die Blechtrommel ist kein sauberes Buch. Ich spürte darin immer etwas Ungutes. Genau deshalb schätzte ich es. Wahre Literatur spielt mit der Wahrheit und der Moral, wie man mit dem Feuer spielt.
Doch einen solchen Grass wollen viele Menschen nicht. Sein Geständnis fiel in Polen mit dem Wahlkampfbeginn vor den Kommunalwahlen, mit der Lustration von Politikern und Künstlern und mit den Spannungen zusammen, die zwischen der polnischen Regierung und Deutschland wegen der Berliner Ausstellung Erzwungene Wege, aber auch zwischen ihr und der Europäischen Union herrschen. Deshalb rief es eine so heftige Debatte hervor. Einige Politiker der regierenden national-konservativen Koalition griffen sofort die konkurrierende Bürgerplattform (PO) an, deren Mitglieder, die im Danziger Stadtrat eine Mehrheit bilden, Grass 1993 die Ehrenbürgerschaft von Danzig zuerkannt hatten. Der gleiche Abgeordnete, der die Forderung formulierte, der Stadtrat solle sie Grass wieder aberkennen, hatte übrigens im Lebenslauf des PO-Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten, Donald Tusk, eine fatale Episode entdeckt: daß nämlich Tusks Großvater, ein gebürtiger Kaschube, in der Wehrmacht gedient habe. Das hatte bis zu einem gewissen Grad über Tusk' Niederlage bei den Wahlen entschieden.
Instrumentalisierung von Literatur
Die national-konservativen Politiker stellten in ihren Attacken Grass in eine Reihe mit Erika Steinbach, deren Bild in einer schwarzen SS-Uniform vor einiger Zeit auf der Titelseite einer polnischen Wochenschrift erschienen war. Die Affäre Grass wurde auch dazu benutzt, die polnische laizistische liberale Linke anzugreifen, die, ähnlich wie Grass, an die Tradition der europäischen Aufklärung anknüpft und für die national-konservativen Parteien die Verfaultheit des gesamten Westeuropa verkörpert. Man versuchte auch, verschiedene Sozialdemokraten zu kompromittieren, indem man suggerierte, die Verteidigung von Grass komme einem Pakt mit den roten Postkommunisten vom Bündnis der Demokratischen Linken (SLD) gleich. Diese Art von politischer Instrumentalisierung der Literatur hat in mir stets eine tiefe Abneigung geweckt.
Durch das Bekenntnis von Grass fühlen sich natürlich viele Polen verletzt, und das ist kaum verwunderlich. Lech Walesa hat - bevor er sich zum Verzeihen entschloß - gesagt, die Erinnerung an seinen Vater, der von den Deutschen umgebracht wurde, erlaube ihm nicht, mit einem ehemaligen SS-Mann befreundet zu sein. Meine Mutter, die Sanitäterin im Warschauer Aufstand 1944 war und während der Bombardierung der Stadt fast ihre ganze Familie verlor, spricht von Grass ebenfalls mit tiefer Abneigung. Auf Distanz gehen aber auch Menschen, die Grass bisher besonders wohlgesinnt waren. Der ehemalige Außenminister Bartoszewski etwa fragt immer wieder, warum Grass so lange geschwiegen habe.
Vergangenheit soll nicht verborgen werden
Es ist in Polen gang und gebe geworden, dunkle Kapitel der Lebensläufe moralischer Autoritäten ans Tageslicht zu holen. Die Menschen haben sich mittlerweile daran gewöhnt. Es überwiegt allerdings die Meinung, daß eine negative Episode im vergangenen Leben nicht den ganzen Menschen disqualifizieren sollte, wenn er sich später anständig benahm - und diese Art zu denken macht sich auch in der Grass-Affäre bemerkbar.
Die im Rahmen der Lustration erhobenen Beschuldigungen trafen sogar die größte Autorität der antikommunistischen Opposition, den bereits verstorbenen Dichter Zbigniew Herbert, dem ein Wochenblatt den Vorwurf machte, er sei drei Jahre lang Informant des Geheimdienstes gewesen. All das bewirkt, daß die Menschen auf die Rücksichtslosigkeit der Lustration mit Reserve reagieren. Es sind auch Stimmen zu hören, Grass' Bekenntnis solle den Polen und Deutschen ein Vorbild sein, die ihre schlechte Vergangenheit immer noch verbergen würden. Walesa nahm, nachdem er den Brief von Grass an den Stadtrat von Danzig gelesen hatte, all seine Beschuldigungen zurück.
Verzeihung hat er aber nicht gesagt
Trotzdem brodelt es auf den Straßen von Danzig weiter. Nach Erika Steinbachs Appell, Grass solle auf sein Honorar für Beim Häuten der Zwiebel zugunsten der polnischen Opfer des Nazismus verzichten, kam der polnische Bildungsvizeminister nach Danzig, posierte vor dem Geburtshaus von Grass in der Lelewelstraße 13 und forderte den Schriftsteller auf, er solle seine Einnahmen für den Druck von Geschichtsbüchern für polnische Kinder stiften.
Grass selbst war sich wohl nicht bewußt, wie sehr er mit seinem Geständnis die polnischen Erwartungen enttäuschen würde. Die barocke, emotionsgeladene Religiosität der Polen liebt Zeremonien, Vergoldungen und symbolische Gesten der Buße. Man erwartete von Grass mehr Reue und eine offene Bitte um Vergebung. Auch sein Brief hat nicht alle zufriedengestellt. ,Verzeihung' hat er aber nicht gesagt, sagen viele Menschen.
Schwarzes As im Ärmel
Ich selbst bin der Meinung, daß man hier zu leicht vergißt, daß es sich bei Grass um einen großen Künstler und nicht um einen publizistischen Moralisten oder Politiker mit Jugendsünden auf dem Gewissen handelt. Wer den Vorwurf der Heuchelei erhebt, spricht die Stimme der Trivialität, die nicht wissen will, was Literatur ist. Ein Schriftsteller mit Flecken auf dem Lebenslauf hat durchaus das Recht, anderen ihre Lebenslaufflecken vorzuhalten. Dazu berechtigt ihn die Tatsache, daß er das Böse gut kennt, und zwar nicht nur vom Hörensagen.
Denn in Wirklichkeit zählen nur die Meisterwerke, der Rest ist eine Eintagsfliege. Als Künstler hat Grass das Recht, seine Biographie zu kreieren, sie zu enthüllen, sich zu verstecken, die Spuren zu verwischen, vor unseren Augen seinen komplizierten, beunruhigenden, faszinierenden, inkonsequenten, verworrenen Lebenslauf zu formen, den er niemals vollkommen preisgeben wird. Ebendieses Selbstporträt von Grass, das er parallel zu seinen Büchern kreiert, wird in die Geschichte eingehen, nicht die detaillierte Wahrheit, die wir alle von ihm fordern.
Und es stört mich gar nicht, daß Grass auch in seinem Brief an die Polen nicht alles enthüllt hat. Ein echter Schriftsteller trägt sein Leben lang in seinem Ärmel ein schwarzes As, das er niemals auf den Tisch werfen wird. Die Kunst speist sich aus dem Geheimnis.
Aus dem Polnischen von Marta Kijowska.
Text: F.A.Z., 25.08.2006, Nr. 197 / Seite 35
Bildmaterial: CINETEXT, dpa
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