Heine-Preis

Handke-Debatte: Löffler und Lefèbvre verlassen Jury

Sigrid Löffler und Jean-Pierre Lefèbvre haben die Jury des Heine-Preises verlassen - aus Protest gegen die Politiker, die Peter Handke den Preis nicht geben wollen. Wim Wenders und Elfriede Jelinek verteidigen den Dichter.

Lesermeinungen zum Beitrag

02. Juni 2006 15:56

Rangelei, aber keine Irritation

Niko Akathari (NikoA)

Wer die Demokratie als das höchste ansieht oder ihr auch das Recht zumaßt, die Gelder des Steuervolkes zu verteilen, sollte ob dieser Stellvertretersicht der Dinge, auch keine Probleme damit haben, daß die Juroren als sachkundige Stellvertreter ebenso legitimiert sind.
Kippe ich das eine, so kippe ich argumentativ auch das andere.

Meiner Meinung nach werden viel zu viele Dinge demokratisch entschieden, anstatt die Betroffenen selbst entscheiden zu lassen. Über den Rang demokratischer Entscheidungen kann man eben rangeln, und dies ist nicht eine Irritation. Ein Irritation ist meines Erachtens eben der Glaube, eine Entscheidung könnte schon deshalb legitim sein, nur weil sie demokratisch gefällt wird. Da unterscheiden sich würfeln, abstimmen und russisches Roulett überhaupt nicht voneinander. Soviel zum Grundsätzlichen.

Wenn man also den Volksvertretern das Recht zuspricht das Volk zu vertreten und eben diese Volksvertreter, eine Jury einsetzen, dann ist diese Jury ebenso demokratisch legitimiert, wie eben die Volksvertreter selbst, die sich diese Jury ja selbst gegeben haben.
Die Jury hat sogar noch eine weitergehende Legitimation: Sie ist sachkundig!
Wenn nun die Volksvertreter diese Jury kassieren, dann kann auch das Volk seine Vertreter kassieren - und das kann es de jure (Souverän oder nicht!) eben nicht. Die Volksvertreter nehmen sich zuviel Recht heraus. Ein Selbstverständnis als ungebundene Letztentscheider brüskiert Volk und Jury gleichermaßen.

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02. Juni 2006 13:48

Rangirritationen

jens tuengerthal (jenstuengerthal)

Die Empörung der Juroren, ob der relativen Gültigkeit ihrer Entscheidung ist verständlich. Wer wird schon gern auf seine Inkompetenz verwiesen. Dennoch zeugt sie wie Frank Schirrmachers gestriger Beitrag von einem seltsamen Demokratieverständnis.

Ist eine Jury heilig, sind ihre Entscheidungen ewig gültig und unantastbar?

Wir mögen der Kunst in Momenten diese dauerhafte Gültigkeit zusprechen, auch Teilen des hervorragenden Werks Handkes. Dem Werk als Ding an sich, nicht seinem Schöpfer und noch viel weniger den nachgeordneten Beurteilern dieser Schöpfung. Sie irren und wanken, unterwerfen sich Moden und verfolgen auch eigene Interessen, sind glücklicherweise weit entfernt von aller Heiligkeit.

Wer sollte sie kontrollieren, wenn nicht eine gewählte politische Kammer?

Deren zentrale Aufgabe ist die Verteilung und Verwaltung des Geldes, unseres wohl größten verbliebenen Heiligen. Alle Empörung über die Kompetenz des gewählten Repräsentanten, die Vergabe eines auch politisch bewerteten Preisgeldes an einen den moralischen Konsens in Zweifel ziehenden Dichter zu prüfen, so friedlich er seiner Seele nach sein mag, zeugt von Irritation über den Rang demokratischer Institutionen, verkennt Entscheidendes. Es steht für eine verbreitete Spezialistenanbetung, deren Urteil absolute Gültigkeit besitzen soll, die sich immer weiter im einzelnen verliert, Fachkunde gege demokratische Legitimation tauscht.

Hier ist sicher Vorsicht geboten!

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