Serie zur Zukunft der Festspiele

Was in Bayreuth möglich wäre

Von Julia Spinola

Die Bayreuther Festspiele stehen unmittelbar vor einer neuen Ära. Wolfgang Wagner hat vor einigen Wochen für den 31. August, den Tag nach seinem neunundachtzigsten Geburtstag, seinen Rücktritt als Leiter der Festspiele angekündigt. Die bevorstehende Festivalsaison, die am 25. Juli mit der Neuinszenierung des „Parsifal“ eröffnet wird, ist die letzte, die unter seiner Führung stattfindet.

Wagner ließ sich zu diesem lange erwarteten Schritt jedoch überhaupt nur bewegen, weil ihm seitens des für die Nachfolge zuständigen Stiftungsrates der Bayreuther Festspiele signalisiert worden war, man werde sich für die von ihm bevorzugte Doppelspitze mit seinen beiden leiblichen Töchtern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier entscheiden. Dies war satzungswidrig geschehen, noch bevor ein geregeltes Verfahren überhaupt eröffnet worden war. Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der bayerische Staatsminister Thomas Goppel hatten die beiden Halbschwestern, die sich zuvor kaum kannten und nicht im Traum daran gedacht hatten, sich gemeinsam zu bewerben, in einem Brief dazu aufgefordert, ein Konzept für die Leitung der Festspiele einzureichen – und dies, obwohl Eva Wagner-Pasquier ein solches bereits gemeinsam mit ihrer Cousine Nike Wagner eingereicht hatte, während sich Katharina Wagner schon zusammen mit Christian Thielemann und Peter Ruzicka beworben hatte.

Auch externe Bewerber dürfen Konzepte einreichen

Tatsächlich ist das Verfahren mit der letzten Stiftungsratssitzung am 29. April eröffnet worden. Seitdem läuft eine viermonatige Bewerbungsfrist, innerhalb deren die vier Stämme der Nachkommenschaft Richard Wagners mit der Mehrheit ihrer Stimmen einen Kandidaten aus dem Kreis der Familie vorschlagen können. Gleichzeitig sind – auch wenn der Stiftungsrat dies lieber verschweigen möchte – laut Satzung externe Bewerber eingeladen, ihre Konzepte einzureichen. Der Bayreuther Oberbürgermeister Michael Hohl kommentierte diesen Punkt auf der im Anschluss an die letzte Stiftungsratsitzung abgehaltenen Pressekonferenz immerhin mit den Worten, der Briefkasten sei „nicht zugeklebt“.

Schließlich sieht die Satzung noch die Einberufung einer „dreiköpfigen Sachverständigenkommission“ vor, wenn der Rat „Zweifel darüber“ hat, „ob ein Mitglied der Familie Wagner für den Posten des Festspielunternehmers besser oder ebenso gut geeignet ist wie andere Bewerber“. Die Mitglieder der Kommission wären aus dem Kreis der Intendanten der großen Opernhäuser des deutschsprachigen Raumes zu berufen.

Eine Serie zur Zukunft der Richard-Wagner-Festspiele

Von der durch die Vertreter der öffentlichen Hand lancierten Intrige (siehe auch: Bayreuth: Feudaler Staatsstreich) wollte man nach der Stiftungsratssitzung naturgemäß nichts mehr wissen. So versuchte die Vertreterin des Bundes, Ingeborg Berggreen-Merkel, auf der Pressekonferenz, den regelwidrigen Eingriff der Politiker zu rechtfertigen, indem sie vorgab, Sinn des Briefes an die Wagner-Halbschwestern sei es lediglich gewesen, eine „inhaltliche Diskussion“ darüber anzuregen, „was in Bayreuth alles möglich sei“.

Diese Diskussion, die im Stiftungsrat nicht stattzufinden scheint, möchten wir mit einer Serie zur Zukunft der Richard-Wagner-Festspiele eröffnen. Wir haben maßgebliche Protagonisten des kulturellen Lebens – Intendanten führender Opernhäuser, Regisseure, Komponisten, Dirigenten, Schriftsteller und Wissenschaftler – nach ihren Visionen für Bayreuth befragt. Denn mit der Chance eines Neubeginns steht das Festival nun auch vor der Verpflichtung, sich die Festspielidee Richard Wagners neu zu vergegenwärtigen und die Möglichkeiten ihrer heutigen Realisierung ernsthaft zu durchdenken.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 

Bayreuther Visionen (15)

Schluss mit dem Versteckspiel

Es wurde in Bayreuth zuletzt zuviel über Besetzungen geredet, meint Christoph von Dohnányi. Wolle man hier weiterkommen, so müsse man die Sängergagen erhöhen, das Repertoire nicht unbedingt auf Richard Wagner beschränken und sich endlich der nationalsozialistischen Vergangenheit stellen. Von Christoph von Dohnányi

Bayreuther Visionen (14)

Ganz auf das Ohr zurückgeworfen

Wir haben Personen des Musiklebens befragt, was sie als Leiter der Bayreuther Festspiele ändern würden. Der Dirgent und Buchautor Ingo Metzmacher träumt von einem Ort der Stille. Einem Ort, an dem Musik anders klingt und anders wahrgenommen wird. Von Ingo Metzmacher

Bayreuther Visionen (13)

Heilige Kühe schlachten

Wir haben Personen des Musiklebens befragt, was sie als Leiter der Bayreuther Festspiele ändern würden. Lothar Zagrosek, der Leiter des Berliner Konzerthausorchesters, fordert eine neue Lesart der Wagnerschen Musik. Im Programm sollte die Leitung ruhig über Wagner hinausgehen. Von Lothar Zagrosek

Bayreuther Visionen (12)

Wollen wir dort etwa „Carmen“ hören?

Wir haben bekannte Personen des Musiklebens gefragt, was sie als Leiter der Bayreuther Festspiele ändern würden. Der Musikwissenschaftler Martin Geck meint, dass man bei aller Diskussion über Regiekonzepte den genialen Komponisten Richard Wagner nicht aus den Augen verlieren sollte.

Bayreuther Visionen: Uwe Eric Laufenberg

Götterspeise für alle

Bayreuth ist bis heute einzigartig, als eine Form gewordene Gründungsidee. Vorderste und vornehmste Aufgabe ist es, jene zehn Opern, für die dieses Institut vom Meister gegründet wurde, jedes Jahr in der bestmöglichen Qualität aufzuführen. Von Uwe Eric Laufenberg

Bayreuther Visionen (9)

Bayreuth als virtuelle Installation

Wir haben Protagonisten des Musiklebens gefragt: Was würden Sie in Bayreuth ändern wollen? Der Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg würde die Festspiele in eine virtuelle Installation verwandeln.

Bayreuther Visionen: Elke Heidenreich

Gebt der Oper das Unerhörte zurück!

Die hoch beachteten Festspiele auf dem grünen Hügel sollen nicht im Muff der Tradition versinken, sondern wie ein Phönix aus der Asche leuchtend aufsteigen und zeigen, was Oper alles sein kann und sein muss. Elke Heidenreichs Visionen zur Zukunft Bayreuths.

Bayreuther Visionen: Jossi Wieler

Was wird hier gefeiert?

Wagner, antwortet Regisseur Jossi Wieler auf unsere Frage nach seiner Vision für die Zukunft der Bayreuther Festspiele, habe etwas Neues geschaffen. Er habe für die Gegenwart komponiert, seine Idee müsse deshalb gegenwärtig neu belebt werden.

Bayreuther Visionen: Peter Konwitschny

Erst dann

Er inszenierte den „Tannhäuser“ in Dresden, „Lohengrin“ und die „Meistersinger“ in Hamburg sowie die „Götterdämmerung“ im legendären Stuttgarter „Ring“ der vier Regisseure. Wir fragten Peter Konwitschny nach seinen Visionen zur Zukunft Bayreuths.

Bayreuther Visionen: Peter Jonas

Entschuldigung, das ist doch kein Sommerstaatstheater!

Preiswerte Karten für junge Zuschauer, eine Dreimädelherrschaft und keine Kanzlerin, die bei der Eröffnungsfeier die Kaiserin spielt: Elf Wünsche von Peter Jonas begleiten die Richard-Wagner-Festspiele in die Zukunft.

Bayreuther Visionen: Peter Wapnewski

Kritische Totalrevision

Die Wagner-Festspiele drohen vom Gesamtkunstwerk zum Gesamtdesaster zu werden. Was ist zu tun? Bayreuth darf sich nicht umstürzlerisch reformieren, meint der Germanist Peter Wapnewski, doch auf neue Medien sollte es schon setzen. Und nicht auf schrille Vermarktungskünstler in der Festspielleitung.

Bayreuther Visionen: Bernd Loebe

Nur keine Nibelungentreue

Wir haben Protagonisten des Musiklebens gefragt: Was würden Sie als Leiter der Festspiele ändern wollen? Bernd Loebe, Intendant der Frankfurter Oper, wünscht sich weniger Nibelungentreue an alte Traditionen, professionellere Vorbereitung und andere Festspielorte in der Bayreuther Umgebung.

Bayreuth-Visionen: Wolfgang Rihm

Ich bin für Bayreuth zu groß

Wir haben bedeutende Protagonisten des Musiklebens befragt: Was würden sie als Leiter der Richard-Wagner-Festspiele ändern? Der Komponist Wolfgang Rihm hält einem Wettstreit der Ideen entgegen, dass Bayreuth letztlich vor allem eines sei: eine Idee.

Bayreuther Visionen: Ioan Holender

Schluss mit den Experimenten

Wir haben Protagonisten des Musiklebens gefragt: Was würden Sie als Leiter in Bayreuth ändern wollen? Als erster antwortet Ioan Holender, Direktor der Wiener Staatsoper und Mitglied der Sachverständigenkommission der Festspiele. Er fordert mehr Professionalität.

Bayreuth

Wo sind die Visionäre?

Spezial Wolfgang Wagners Rücktritt ist ein epochaler Einschnitt in der Geschichte eines weltweit einzigartigen, hochrenommierten Festivals. Wer immer ihm nachfolgt, muss über das Gesamtkunstwerk Richard Wagners neu nachdenken. Von Julia Spinola

Bayreuther Festspiele

Bewerber, bitte melden!

Die Bayreuther Festspiele sind nicht der Privatbesitz der Familie Wagner. Der Stiftungsrat will bei der Nachfolge von Festspielleiter Wolfgang Wagner zwar die dynastische Kontinuität wahren. Die Satzung berechtigt jedoch alle Opernmacher von Rang, ihre Bewerbungsunterlagen einzureichen. Von Patrick Bahners

Festspielleitung

Feudaler Staatsstreich in Bayreuth

Wenn die Öffentlichkeit es hinnimmt, dass die Bayreuther Festspiele in der Hand der Gründerfamilie bleiben, dann hat sie ein Interesse daran, dass Nike Wagner eine Chance erhält. Jetzt aber will Eva Wagner-Pasquier mit ihrer Schwester Katharina die Festspiele leiten. Nike Wagner war letztlich nur Spielfigur. Von Patrick Bahners

Wolfgang Wagners Schritt

Komödie des Rücktritts

Wolfgang Wagner tritt zurück: Natürlich ist das zunächst einmal eine wunderbare Nachricht, nach so vielen Jahren der Stagnation in Bayreuth. Doch es ist bloß ein Schachzug in einem durch und durch korrupten Spiel. Nicht ohne Risiko. Von Julia Spinola, Bayreuth

Bayreuth

Wagner tritt als Festspielchef zurück

In einem Schreiben an den Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele hat Festspielchef Wolfgang Wagner seinen Rücktritt offiziell angekündigt. Jetzt kann die Suche nach seinem Nachfolger beginnen, die Wagner selbst verhindern wollte.

Wagner-Schwestern

Zu gemeinsamer Leitung in Bayreuth bereit

Eva Wagner-Pasquier ist bereit, mit ihrer Halbschwester Katharina Wagner die Leitung der Bayreuther Festspiele zu übernehmen. „Nach reiflicher Überlegung will ich mich - aus privaten wie sachlichen Gründen - dieser Bitte nicht verschließen“, sagte sie.

Nike Wagner

Das ist doch ein Spiel gegenseitiger Erpressungen

Nike Wagner ist vom neuen Coup der Bewerbungspolitik ihrer Cousinen Eva und Katharina überrascht, wittert Machterhaltungsinstinkte ihres Onkels und fürchtet eine Boulevardisierung der Festspiele: Die ausgebootete Bayreuth-Bewerberin im Gespräch.