Sterbehilfe

Kuschs Appell zum süßen und ehrenvollen Sterben

Von Frank Schirrmacher

Er möchte noch von der Autonomie des Sterbewilligen sprechen: der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch

Er möchte noch von der Autonomie des Sterbewilligen sprechen: der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch

10. Juli 2008 Kusch ist Lieferant. Sein Geschäftsmodell reduziert sich auf zwei Versprechen: Erfüllung des Kundenwunsches und zeitgenaue Lieferung des Produkts. So hat er beim Fall Bettina Schardt auffallend genau erläutert, dass sein Tötungsmittel „just in time“ geliefert und verabreicht wurde. Die Bestellung selbst hat er auf Video dokumentiert.

Diesen Prozess des Warenaustauschs nennt Kusch „Autonomie“. Die Lebenserfahrung, wonach kaum ein Produkt, das man bestellt, hält, was es verspricht, und man oft schon nach kürzester Zeit seiner überdrüssig wird, lässt Kusch nicht gelten. Seine Klienten können nicht reklamieren. Im Gegenteil: Sie sind ja des Lebens selbst überdrüssig geworden und wollen es gegen den Tod umtauschen. Kusch, sagen seine Kritiker, ökonomisiere Sterben und Tod.

Der Tod als Botschaft

Doch wer sie hört, beispielsweise die Bischöfin Käsmann, die im Fernsehen auf dem würdevollen Sterben und dem „Danach“ beharrte, musste festellen, dass diese Kategorien angesichts des scheinbar pragmatischen Idealismus des Roger Kusch abstrakt bleiben. Der Sterbehelfer beruft sich auf die Rentnerin und damit auf das Unhintergehbare ihres Schicksals. Sie selbst hat sich, wenn seine Aussagen zutreffen, als Pionierin des begleiteten Selbstmords verstanden. Kusch besteht auf dem individuellen Tod und der individuellen Autonomie der Bettina Schardt. Doch versieht er, im Einverständnis mit seiner Klientin, diesen Tod mit einer öffentlichen Botschaft.

Darin liegt der Skandal seiner Aktion, und es ist bestürzend zu sehen, wie er gerade damit durchzukommen scheint. Die westliche Kultur kannte (jenseits der Religiösen) öffentliche Tode, Hinrichtungen und Kriege - den erzwungenen Tod und den vorgeblich süßen Tod fürs Vaterland. In diesen Ritualen wurde der Tod zur Botschaft an die Lebenden. Das klingt weither. Und doch beschreibt es exakt die Mechanik von Kuschs Intervention.

Verfügbarmachung des Lebens

Kusch betreibt keine Ökonomisierung des Todes. Wo immer ihm dies vorgehalten wird, kann er sich, wie im Fernsehen geschehen, auf die individuelle Autononmie seiner Klienten berufen, von denen Gegenmeinungen nicht mehr zu erwarten sind. Kusch betreibt eine Ökonomisierung des Lebens. Und damit gehen seine Taten alle an. Indem er das Lebensende verfügbar und planbar macht, greift er nicht nur in das Leben aller, sondern auch in die Ökonomie einer alternden Gesellschaft ein.

Man braucht nicht die alten kulturkritischen Begriffe wie die vom „Warencharakter“ der Gesellschaft aufrufen, man muss nur Kusch selbst zuhören: Immer wieder sagt er, die alte Dame sei reich, resolut, entscheidungsfroh und selbstbestimmt gewesen. Warum sagt er das? Weil er weiß, dass die Durchsetzung seines Programms nach Lage der Dinge vor allem die treffen wird, die arm, unsicher, verängstigt und schwach sind. Die Rentnerin, sagt Kusch, sei anders als bei den bisher bekannten Tötungen im Umkreis von „Dignitas“ auch nicht todkrank gewesen. Sie war das alles nicht. Aber sie war alt.

Ideologische Vorarbeiten für die alternde Gesellschaft

Jene, die Kusch heute als Tabubrecher bejubeln, verkennen die spezifische Situation der nächsten Generationen. Frau Schardts Alter, so bedrückend es gewesen sein mag, hat nichts mit den Altersproblemen unserer Zukunft zu tun. Noch hat unsere Gesellschaft der große Altersschub nicht erreicht. Unter den demographisch immer noch vergleichsweise günstigen Bedingungen des Jahres 2008 funktionieren Pflegeheime und Sozialsysteme schon jetzt immer weniger. Es gehört keine große Phantasie dazu, sich die Lage in zehn oder zwanzig Jahren auszumalen.

Und hier, an der Schwelle einer Gesellschaft, die mit existentiellen Zumutungen ganz neuer Art zu tun haben wird, ist Kuschs Aktion, die sich den Anschein der Autonomie gibt, ein Angriff auf die Lebenden selbst. Wie wird Altern in einer Gesellschaft erlebt, die das hohe Alter zunehmend als ökonomische Last begreift? Anfang der neunziger Jahre sagte der amerikanische Gesundheitsminister in einer mittlerweile legendären Rede: „Der teuerste Tag Ihres Lebens ist der Tag, an dem Sie sterben werden. Wir geben 14 Dollar unserer Gelder für Ältere aus, aber nur einen Dollar für jedes Kind. An die 70 bis 90 Prozent werden auf die letzten Monate des Lebens verwendet.“

Renaissance der Selbstaufopferung

Nicht der bestellbare und verfügbare Tod ist unter dem ökonomischen Diktat einer alternden Gesellschaft eine Frage der Autonomie: Das Leben ist es. Denn Alternde, die sich zunehmend als ökonomische Last begreifen, als Last für ihre Familie und die Gesellschaft, in der sie leben, haben in einer Gesellschaft, die den Selbstmord legitimiert und unterstützt, den absoluten Schutz verloren. Vorauseilender Gehorsam, selbstaufopfernder Tod - Begriffe, die in den letzten Jahrzehnten keine Rolle mehr spielten, werden in den Köpfen und im moralischen Diskurs der Gesellschaft zu unerhörten Waffen.

Nicht zufällig haben vor einigen Jahren Ärzte mit Blick auf die Niederlande eine Untersuchung veröffentlicht, die den Titel trägt: „Kostenersparnisse im Gesundheitssystem durch ärztlich begleitenden Selbstmord“. Ihr Ergebnis, unter den Annahmen des Jahres 1998: „Obgleich die Summe, die durch die Legalisierung des ärztlich begleiteten Selbstmordes gespart werden könnte, vergleichsweise gering ist, befürchten wir, dass der Preiswettbewerb im Gesundheitswesen dazu führen könnte, diese Praxis auszuweiten.“

Entscheidung ohne Autonomie

Es ist ein schönes, melancholisches Rollenspiel, mit umwölkter Stirn über Tod und Sterben zu reden, und darüber, dass jeder seinen eigenen Tod haben soll. Und nichts ist wichtiger, als dass die Politik den unmittelbar bevorstehenden Umbruch begreift, der die gesellschaftlichen Subjekte einfach dadurch verwandeln wird, dass sie mehrheitlich in alten, also todesnahen Zonen leben. Dabei geht es nicht nur darum, dass eine kalte Gesellschaft die unproduktiven Alten unterversorgt. Es geht darum, dass die Individuen der Gesellschaft, die Einzelnen und ihre Familien, gar nicht mehr imstande sind, autonom zu entscheiden.

Dieser Prozess setzt nicht erst ein, wenn wir alt geworden sind. Er erreicht die Gesellschaft bereits jetzt, da immer mehr erwachsene Kinder mit ihren noch lebenden Eltern gleichzeitig leben, und ihre ökonomische und emotionale Zuwendung neu verteilen müssen. So neu ist dieser Vorgang, dass wir noch nicht einmal funktionierende Rollenbilder aus der Vergangenheit haben, um ihn zu gestalten. Um 1900 - um nur ein Beispiel zu nennen - lag die Chance eines Europäers, im Alter von fünfundvierzig Jahren noch zwei lebende Eltern zu haben bei fünf Prozent. 61 Prozent hatten überhaupt keine lebenden Eltern mehr. Im Jahre 2000 lag die Chance, dass beide Eltern noch leben, aufgrund ständig steigender Lebenserwartung bei einem Fünfundvierzigjährigen bei 42 Prozent. Wie wird diese Verantwortung in Zukunft wahrgenommen werden? Was werden Ältere tun, die spüren, dass sie möglicherweise Belastungen sind, und daraus die falschen Schlüsse ziehen?

Ethik und Technik

An dieser Pforte zu einer Unterwelt, die nichts mehr mit Autonomie zu tun hat, steht Roger Kusch. Er bereitet die ökonomischen Grundlagen einer Gesellschaft vor, die das Alter als Last und finanzielle Belastung sieht. Er verändert die Haltung zum Leben, indem er den Tod zum Gegenstand der Wahl des „richtigen Zeitpunkts“ macht. Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch hat vor vielen Jahren vorhergesagt, dass die westlichen Gesellschaften eine „Angleichung der Ethik und der Psychologie des Sterbens an den Stand der medizinischen Technik“ leisten werden.

Aber auch er, eigentlich ein Befürworter des begleiteten Selbstmords, sah angesichts der alternden Gesellschaft voraus, dass daraus ein Imperativ des Sterbens werden könnte. „Denkbar ist, dass der Appell zum süßen und ehrenvollen Sterben einmal anstatt militärisch an die Jugend gerontologisch an die Alten gerichtet und - sofern genügend sozialer und moralischer Druck vorhanden ist - ähnlich konformistisch befolgt werden könnte wie 1914.“ Das Jahr 2014 ist nicht weit. Kusch sollte als Ideologe des neuen Kriegs nicht gewinnen dürfen. Frau Schardt hat eine Botschaft. Wir sind nicht ihr Publikum.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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