Anti-Graffiti-Kongreß

Sittenlose Schreiben waschen wir ab

Von Klaus Ungerer

Ist das Kunst? Der Berliner Kongreß sagt: nein

Ist das Kunst? Der Berliner Kongreß sagt: nein

03. Mai 2006 Im Dorf der Hausbesitzer rumort es. Viel zu lange hat die Öffentlichkeit das Graffiti-Problem als eines von ästhetischer Natur abgetan, viel zu lange haben die Grünen als verlängerter Arm der Sprayerszene eine schärfere Gesetzgebung verhindern können.

Nun aber tagt schon zum zweiten Mal ein Anti-Graffiti-Kongreß, im Roten Rathaus in Berlin, international besetzt sogar. Der englische Teilnehmer zwar, der direkt aus dem Kriegsgebiet „Londoner U-Bahn“ hätte berichten können, zeigte sich wegen einer Bronchitis verhindert, jedoch gibt es Herolde aus den umkämpften Zonen Norwegens, Schwedens, der Schweiz. Saubere, anständige Länder, die allesamt entschlossen sind, sich zu wehren. Und nicht nur sie allein.

„Gut organisierte Banden“

Einen riesigen Bismarck in Öl vor Augen, spricht Roland Gewalt, Mitglied des Europäischen Parlaments, der von „gut organisierten Banden“ zu berichten hat, von Revierkriegen und einer „ernstzunehmenden Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“. Es spricht der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Jörg van Essen, welcher von der „Gewaltbereitschaft in der Szene“ weiß und sich nicht scheut, diese auch vom Podium herunter zu benennen, ein Mann mit einer einschlägigen Karriere unter anderem als Jugendstaatsanwalt, der also weiß, was er tut, wenn er flammend informiert. Graffiti stellten einen Einstieg dar „bis hin zur Schwerstkriminalität“, weshalb er er die Anwesenden mobilisiert: „Der Kampf geht weiter!“

Es spricht nicht ganz zuletzt auch noch die Koordinatorin der „Kölner Anti Spray Aktion“ Christine Geis, welche sich - ganz herzlichen Dank! - die Mühe gemacht hat, einmal die gesundheitliche Seite des scheinbar so munteren Farbauftrags aus der Fachliteratur heraus zusammenzustellen: Bald rauscht der Saal von Xylol, Butan und Propan, bald wird einem ganz matschig zumut' von den lebhaft auszumalenden Konsequenzen der Sprüherei, in deren Verlauf zumeist ja verabsäumt wird, „Atemschutzmasken mitzuführen und fachgerecht einzusetzen“. Und dann drohen also, um nur ein paar der prominenteren Folgen zu nennen: Augenreizung, Schläfrigkeit, toxische Rhinitis (i. e. Schnupfen), Asthmaanfälle, Hitzegefühl oder narkoseähnliche Zustände, wie sie durchaus auch den einen oder anderen Kongreßteilnehmer anfallen.

Fest geschlossen sind die Reihen

Doch hier ist man Realist und gebeutelt genug. Niemand der Anwesenden mag sich darauf verlassen, daß die allgegenwärtige Bedrohung durch die Heerscharen der schwerstkriminellen Spraydosenganoven sich selbst irgendwann in die Kampfunfähigkeit sprühen wird. So wilhelminisch-schnauzbärtig der Veranstalter, der Vorsitzende des Vereins „Nofitti“, Karl Hennig, durch die Veranstaltung leitet, so fest geschlossen sind die Reihen, so entschlossen will man nun endlich einmal vorgehen: Die intensiv gesäuberten Städte Göteborg und Oslo stellen ihre rigiden Anti-Graffiti-Programme vor, und aus Hamburg berichtet ein echter Kriminalist von den Erfolgen der Aktion „Stoppt illegale Graffiti. Wählt 110!“.

Da fürs Hemdsärmlige, fürs Zupackende hinlänglich gesorgt ist, gönnt das Programm den Anwesenden kurz vor der Mittagspause auch noch den Händedruck mit dem allgemein viel zuwenig gewürdigten Feld der Farbphilosophie. Angereist ist der Architekt und Farbvordenker Friedrich von Garnier, ein Mann mit einer Mission, der vor keiner geistigen Schwarzweißmalerei zurückschreckt. Jahrzehntelang schon kämpft er seinen Zweifrontenkampf: gegen das Graue. Und das viel zu Bunte. Jahrzehntelang schon verziert er Kläranlagen, Kraftwerke, Fabrikhallen, Plattenbauten, Gefängnisse, U-Bahn-Stationen, Schulen und was sonst noch so anliegt mit Pastellfarben, mal riffelig, mal steinig, mal mehr schwammig; immer aber: bläulich-grünlich oder bräunlich-gräulich-gelblich. Das nämlich sind Farben, die er aus den Farben unserer guten alten Natur herausanalysiert hat, und diese Farben führen dazu, daß in den Fabrikhallen der Krankenstand sinkt.

Kunst, die herrschen will

Ob Graffiti Kunst seien, dazu hat von Garnier eine Meinung, die sich in eine Silbe und einen höhnischen Unterton fassen läßt und die doch der Vertiefung und Erweiterung bedarf. Denn schließlich sind es nicht die Graffiti allein, die allenthalben die Optik und das naturromantische Grundempfinden zerstören, vielmehr hängt da ja eine ganze, aus dem Ruder gelaufene Gesellschaft dran: häßliche Häuser, Kinder, die wegen schrillbunter Wandgemälde nachts nicht mehr schlafen könnten - und nicht zuletzt eine Kunst, die nicht mehr dienen wolle, sondern herrschen; eine Kunst, in der eine Kunstszene bestimme, was Kunst sei, nicht aber seine, von Garniers, Schwiegermutter - und wo wir gerade beim Kennenlernen sind, gibt es zur allgemeinen Beruhigung auch noch ein Foto von der Schwiegertochter. Als fröhliche Badenixe. Im heimischen Pool, grünlich und bläulich. Natürlich.

Dann kommt aber der ganze gerechte Ärger noch einmal hoch, und Gefühle müssen ja wohl herausgelassen werden, wenn die Verschandelgesellschaft einem so dauerhaft auf den Sehnerv geht. Also: Man müßte einmal eine Handvoll Sprayer einfangen und ein paar Tage in der Berliner „Akademie der Künste“ einsperren - „einem der peinlichsten Gebäude, deren unsere Baukultur fähig ist“. Was die dann daraus machen sollen, kann man nur ahnen. Und den Rest erledigen Xylol, Butan und Propan.



Text: F.A.Z., 03.05.2006, Nr. 102 / Seite 41
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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