Von Christian Schwägerl
15. März 2006 Keine der Erkenntnisse ist für sich genommen neu. Miteinander verbunden, binnen weniger Tage im politischen Berlin erscheinend, zeichnen sie aber eine Gesellschaft an den Himmel der Republik, die ganz anders ist als die Wohlstandsgesellschaft, die wir kennen: Die Staatsministerin für Integration, Maria Böhmer, berichtet dem Innenausschuß, daß schon 2010 in deutschen Großstädten die Hälfte der Bevölkerung unter vierzig Jahren aus Einwandererfamilien stammen wird, während vierzig Prozent der Einwandererkinder ohne Berufsabschluß bleiben. Das Statistische Bundesamt gibt bekannt, daß 2005 in Deutschland nur 676.000 Kinder geboren wurden - so wenige wie nie zuvor. Selbst die gewünschte Kinderzahl geht zurück.
Weiter: Das Berlin-Institut von Reiner Klingholz zeigt an diesem Mittwoch in einem Kompendium des demographischen Wandels die vielen deutschen Regionen, die sich in einem radikalen Schrumpfungsprozeß befinden. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern tief im Westen, in Nordhessen, in Ostbayern. Und der Arbeitsminister ringt vor dem Tagesschaupublikum mit Zahlen, die eine Implosion der Sozialsysteme anzeigen, sollte es nicht gelingen, Frauen, Migranten und Ältere in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Wir müssen umlernen
Eine andere Gesellschaft entsteht, keinen Zweifel. Aber das heißt nicht: Die Katastrophe ist unausweichlich. Sondern: Wir müssen umlernen, schneller und dramatischer als wir es gewohnt sind umzulernen. Das kulturelle Muster, das den nun sichtbaren Fehlentwicklungen zugrunde liegt, sitzt tief. Es speist sich nicht nur aus dem familienfeindlichen Hedonismus der Achtundsechziger, sondern auch aus den Biographien der Nachkriegsgeneration, die sich auf den Lorbeeren des Wiederaufbaus ausgeruht und jede Wohlstandsklimax für sich reklamiert hat: Wir haben das erarbeitet, das steht uns zu, das teilen wir nicht.
So wurden drei Generationen Einwanderer aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeblendet, so entstand die Botschaft, daß die Kosten von Kindern wohlstandsgefährdend sein könnten, daß es besser sei, auf sich zu schauen. Kindergärten, Schulen, Universitäten blieben unterfinanziert, während die Staatsschulden explodierten. Das selbstbezogene Anspruchsdenken wird am besten repräsentiert durch die 1942 geborene Gewerkschaftsfunktionärin Engelen-Kefer, die propagiert, von durchschnittlich achtzig Lebensjahren nur dreißig produktiv zu arbeiten.
Eine neue Unterschicht
Unterbliebene Anstrengungen - darauf gehen die Erosionsprozesse der Gesellschaft zurück: Lange ignoriert, stolpert eine neue Unterschicht (Klingholz), kaum zum Leben in der globalisierten Welt fähig, aber zur Finanzierung der morgigen Renten bestimmt, aus den Schulen. Mangels Kindern und der Aufgabe, sie zu erziehen, dünnen Familien aus, verwandeln sich von Netzen der Lebenshilfe in schwache Fäden. Manager sortieren Ältere lieber aus, als sich für ihre Fortbildung einzusetzen.
Das Land reagiert sensibel auf diese Prozesse, das wird auf den Landkarten regionalen Wandelns deutlich, die das Berlin-Institut erarbeitet hat: Von Sachsen bis ins Ruhrgebiet erstreckt sich ein Band kollabierender Schwundregionen. Ist dort die Zukunft des Landes zu besichtigen? Um das abzuwenden, unterbreitet das Institut symbolkräftige Vorschläge - Bildungsoffensive für Migrantenkinder, Kindergärten an Universitäten, Abschaffung der fixen Ruhestandsgrenze.
Politische Aktionen bewirken aber nichts, wenn die demographischen Krisenzeichen Egoismus und Anspruchsdenken noch verstärken. Das anhaltende Sinken der Kinderzahlen weist in diese Richtung ebenso wie der Widerstand der Rentnerlobby gegen Kürzungen. Noch sind andere Pfade möglich: Kinderarmut kann auch eine neue Sehnsucht nach Großfamilien erzeugen; auf der siebten Rentner-Kreuzfahrt kann die Idee entstehen, den türkischen Nachbarkindern Nachhilfe zu geben; Ältere kann neue Wißbegier befallen, um auch mit siebzig Jahren noch ein Unternehmen zu gründen. Die Gesellschaft muß sich umprogrammieren, zum Geben bereit werden: von Zeit, Engagement, Geld und Status. Nur ein Gemeinwesen, das Gemeinsinn lebt und seine Kinder wieder als Selbstwert begreift, wird diesen demographischen Umbruch bestehen.
Text: F.A.Z., 15.03.2006, Nr. 63 / Seite 37
Bildmaterial: Berlin-Institut/dtv 2006
