Steinmeiers Unaufgeregtheit

Muhabbet weiß, was er sagt

Von Esther Schapira

29. November 2007 Natürlich darf ein Politiker singen. Auch mit einem Rapper im Tonstudio. Warum das aber ein Beitrag zur sozialen Integration junger Deutscher sein soll, verstehe ich nicht. Entweder sind die Zuhörer so integriert, dass sie wissen, wer Herr Steinmeier ist: Dann brauchen sie diese Gesangsübung aber nicht, um sich als vollwertiges Mitglied der deutschen Gesellschaft zu fühlen. Oder das Land, in das einst ihre Eltern einwanderten und in dem sie geboren wurden, ist ihnen nie zur Heimat geworden: Dann aber werden sie sich eher ausgegrenzt fühlen, wenn der Außen- und eben nicht der Innenminister ihnen versichert, dass sie dazugehören. Jene aber, die vom Märtyrertod träumen, sind mit solchen Späßen ohnehin nicht zu erreichen.

Wie groß die heimliche Armee dieser „heiligen Krieger“ ist und wie viele unheimliche Sympathisanten es gibt, die das Grundgesetz durch die Scharia ersetzen möchten, weiß keiner. Vielleicht gehört der junge Mann dazu, der mir vor kurzem in Frankfurt begegnete: kurze Haare, kurzgeschnittener Vollbart. An der Hand hielt er seine Frau. Er musste sie durch das Gedränge führen, denn ihr selbst war unter der Burka die Sicht nahezu versperrt. Gern hätte ich sie gefragt, wie freiwillig sie ihr Gewand trug, aber da waren die beiden auch schon in der Menge verschwunden. Frankfurt am Main ist die multikulturellste Stadt Deutschlands. Vierzig Prozent ihrer Einwohner und sogar siebzig Prozent der Neugeborenen im vergangenen Jahr haben einen Migrationshintergrund. Die liberale Tradition meiner Heimatstadt will ich mir von Anhängern totalitärer Ideologien nicht kaputtmachen lassen - und mag weder den Anblick rechter Skins in Springerstiefeln wortlos hinnehmen noch den von Frauen, die im Stoffkäfig durch die Stadt geführt werden.

Unterwürfiger Leisetreterdialog

Es mangelt mir zunehmend an jener Gelassenheit, die der Außenminister einfordert, wenn er verlangt, „unaufgeregt“ damit umzugehen, dass sein Gesangspartner Muhabbet den brutalen Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh gebilligt hat. Ich rege mich auf. Ich werde die Bilder dieser hinterhältigen Schlachtung einfach nicht los. Theo van Gogh wurde am helllichten Tag auf offener Straße massakriert. Er radelte ahnungslos in sein Büro, als der Täter aus nächster Nähe auf ihn schoss, ihm dann mit einer Machete die Kehle durchschnitt und ihm am Ende mit einem Filetiermesser einen Brief in die Brust rammte: eine Kriegserklärung an den Westen, den Geist der Aufklärung, an uns alle.

Ich nehme diese Kriegserklärung ernst. Ich rege mich auf über notorische Verharmloser, für die nicht wahr ist, was nicht wahr sein soll. Auch mir fällt es schwer einzugestehen, wie viel Intoleranz und welches Gewaltpotential sich aus vermeintlicher Toleranz munter entwickeln konnte. Politiker aber müssen sich der Realität stellen, nicht sie verleugnen. Ich rege mich auf, wenn Frauen und Schwule von muslimischen Machos bedroht werden, wenn Kritiker des politisch-militanten Islams Polizeischutz brauchen und einem unterwürfigen Leisetreterdialog das Wort geredet wird.

Der Außenminister mahnte, keine Ursache dafür zu geben, „dass diejenigen Schaden nehmen, die sich eine Zusammenarbeit mit uns vorstellen können“. Seither frage ich mich: Müssen wir dankbar sein, dass mit uns geredet wird, und wer bitte sind „die“, und wer ist „uns“? Theo van Goghs Mörder war ein Niederländer: Mohammed Bouyeri, geboren und aufgewachsen in Amsterdam, Sohn marokkanischer Einwanderer, sechsundzwanzig Jahre alt. Auf welche Seite also gehört Bouyeri? „Sie“ oder „wir“? Gehören er und Muhabbet demselben Kollektiv an? Muhabbet ist kein Extremist. Er ist Mainstream.

Es gibt keinen Kulturbonus für Intoleranz

Die klare Trennung zwischen Integrierten und Islamisten gibt es nicht. Unverbunden stehen bei vielen widersprüchliche Gefühle lange Zeit nebeneinander. Acht Jahre dauerte etwa die Entwicklung Mohammed Bouyeris von einem sympathischen Jugendlichen zum islamistischen Killer. Acht Jahre, in denen er sich nicht versteckte. Die Jeans ersetzte er durch eine Djellaba, trug Kopfbedeckung und einen Vollbart. Und seine Überzeugung schleuderte er seiner Umwelt immer wütender entgegen. Doch keiner nahm davon Notiz.

Auch deshalb halte ich es für falsch, Muhabbets Äußerungen als privates Tischgespräch zu verharmlosen. Der junge Mann weiß, was er sagt. Er ist volljährig und hat ein Anrecht darauf, ernst genommen zu werden. Alles andere ist Rassismus. Es gibt keinen Kulturbonus für Intoleranz und auch keine mildernden Umstände für leicht kränkbare Machos. Auch ich bin ständig mit Äußerungen konfrontiert, die ich unerträglich finde als Frau, als Demokratin - darunter übrigens auch Songtexte von Muhabbet und ignorante Ministeräußerungen.

Appeasement ist gefährliche Überheblichkeit. Weil es die Wut derer, auf die pädagogisch herablassend geschaut wird, nur steigert. Ängstliches Wegducken wird als Toleranz ausgegeben. Das ist nicht nur feige und unmoralisch, weil es unsolidarisch gegenüber mutigen Kritikern wie Ayaan Hirsi Ali ist, die die Errungenschaften der Aufklärung unter Lebensgefahr verteidigen - sondern auch dumm. Der radikale Islam nämlich bezieht seine Stärke aus unserer Schwäche. So wie jeder Amokläufer sich genüsslich ausmalt, selbst Richter über Leben und Tod zu werden, so berauschen sich junge muslimische Männer an der Vorstellung, wie die „Feinde des Islams“ ihnen ausgeliefert sind, wie etwa Theo van Gogh im eigenen Keller gefoltert worden wäre vor seiner Ermordung. Nicht der Tod, die Erniedrigung steht im Vordergrund.

Eine enorme historische Chance

Der Weg von derartigen, äußerst populären Größenphantasien zur Mitgliedschaft im Terrornetzwerk der Al Qaida ist lang, aber am Anfang steht modisch kokettierendes Posing mit den Parolen und Insignien des radikalen Islams. Dessen Diktion ist eine befremdliche Mischung aus pathetischem Herrschaftsanspruch und Gemeinschaftsgedanke, also die Betonung der Überlegenheit des Islams als einzig wahrer Religion und der Solidarität der „Umma“, der Gemeinschaft aller gläubigen Muslime. Wanderprediger reisen durch Europa und halten Ausschau nach jungen Muslimen, die sich für den Dschihad rekrutieren lassen. Die Kriegserklärung der Islamfaschisten richtet sich gegen uns alle. Die Front in diesem Krieg verläuft zwischen den Gegnern der Aufklärung und ihren Verteidigern - nicht zwischen dem Islam und dem Westen. Das definiert die Grenze zwischen „ihnen“ und „uns“.

Wir dürfen kein Terrain preisgeben. Die Frage, ob jemand gekränkt wird, ob also eine Veröffentlichung den Straftatbestand der Beleidigung erfüllt, können getrost Gerichte klären. Die Angst vor der Gewalt eines aufgepeitschten Mobs darf jedenfalls kein Argument sein. Nur wenn wir unsere Freiheit verteidigen, werden wir andere dafür begeistern können. Nicht durch ängstliches Zurückweichen. Für die Errungenschaften der Aufklärung sind Menschen auf den Scheiterhaufen der Inquisition verbrannt worden. Doch warum sollte, was dem Christentum möglich war - die Aussöhnung von Glauben und Vernunft -, nicht auch dem Islam gelingen? Aufklärung aber muss erkämpft werden: durch heftige Debatten, mit zäher Geduld, mit Mut. Und jene, die bereit sind, diesen Kampf zu führen, brauchen zumindest ein Umfeld, das sie unterstützt und ihnen größtmöglichen Schutz gewährt. Mit Appeasement, mit einer Politik der Beschwichtigung und der Verdrängung dagegen stärken wir die Gegner unserer Freiheit.

Wir haben schon lange nicht mehr die Wahl, ob wir diesen Kampf führen wollen oder nicht, denn wir sind mittendrin. Deutschland ist ein Einwanderungsland, und ein erheblicher Teil der Einwanderer waren und sind Muslime. Ihre Kinder sind Deutsche, deutsche Muslime. Sie werden nicht gnädig geduldet, sie gehören dazu. Mit allen Rechten und Pflichten. Aber wer zu Recht ernst genommen werden will, der kann sich aus dieser Debatte nicht heraushalten. Die Muslime in Europa müssen Stellung beziehen. Sie müssen klären, wer den Koran richtig zitiert, die Dschihadisten oder jene, die beteuern, Islam heiße Frieden.

In den nächsten Jahren werden die Kontroversen heftiger werden. Sowohl mit den Vertretern des Islams als auch innerhalb der Gemeinden selbst. Wenn es den europäischen Muslimen gelingt, Islam und Demokratie zu versöhnen, also die Aufklärung des Islams durchzusetzen, dann wird das gravierende Folgen für die gesamte islamische Welt haben. Nur eine Unterstützung der Befreiungsbewegungen gegen die totalitäre Unterjochung wird die Welt zu einem friedlicheren Ort machen. Wir haben hier in Europa eine enorme historische Chance. Wir müssen sie wahrnehmen.

Esther Schapira ist Regisseurin des Films „Der Tag, als Theo van Gogh ermordet wurde“.



Text: F.A.Z., 29.11.2007, Nr. 278 / Seite 35
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa, REUTERS

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