Von Robert von Lucius, Kopenhagen
09. Februar 2006 Seit einigen Wochen lebt er unter Todesdrohungen und unter Polizeischutz. Eine der zwölf Mohammed-Karikaturen, die zur größten Krise Dänemarks seit dem Zweiten Weltkrieg und zu Gewalttaten in der muslimischen Welt führten, hat er gezeichnet.
Die Polizei und der Dänische Journalistenverband haben ihm und den anderen elf nahegelegt, nicht über die Zeichnungen zu sprechen. Der Zeichner - seinen Namen oder Wohnort nennen wir wegen seiner persönlichen Gefährdung nicht - sagt dieser Zeitung, es sei alles aus der Spur gelaufen, und dies sei eine sehr dumme Situation. Inzwischen gehe es nicht mehr um Religion, sondern um Politik. Sein ganz kleines Land könne gegen den Wahnsinn, der aus den kleinen Bildern erwachsen sei, nicht ankämpfen.
Wir sind ja naiv
Er und seine Mitzeichner hätten niemanden verletzen wollen, aber wir Dänen sind ja naiv und wissen wenig von der großen Welt und vom Islam, so wie auch diese wenig von Dänemark wisse. Als Karikaturist habe er wie mehrere der anderen Zeichner früher auch die christliche Religion und ihre Symbole karikiert. Politische Karikaturen hätten eine alte Tradition in seinem Land; wenn man dort lebe, müsse man auch damit rechnen. Keiner von ihnen aber habe mit solchen Folgen gerechnet. Diese seien auch durch Lügen der Imame geschürt worden, die im Nahen Osten mehrere Bilder gezeigt hatten, die keiner von ihnen gezeichnet hatte - nach Zeitungsberichten offenbar auch eine Abbildung von Mohammed mit den Antlitz eines Schweins.
Seit dem 11. September 2001 sei, so der Karikaturist, die ganze Welt aus den Fugen geraten. Und so kontrolliert die Polizei sein Haus zweimal täglich, ob alles in Ordnung sei, und er stehe elektronisch in direkter Verbindung mit ihr. Er lobt wie auch andere Zeichner die Professionalität und Fürsorge der Polizei.
Kopfgeld auf die Zeichner?
Eine der Todesdrohungen, die direkt aus Mekka gekommen sei, habe die Namen aller zwölf Zeichner aufgeführt und jenen des bei der Jyllands-Posten verantwortlichen Kulturredakteurs, der just von einer anderen dänischen Zeitung für sein Eintreten für die Pressefreiheit ausgezeichnet wurde. Eine andere Todesdrohung kam von einer pakistanischen Jugendorganisation, weitere islamistische Gruppen erwägen offenbar, ein Kopfgeld auf die Zeichner auszusetzen. Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen wie auch die sozialdemokratische Oppositionsführerin sagten, solche Drohungen stellten einen völlig inakzeptablen Angriff auf die Demokratie dar.
Kritik erfuhr die Jyllands-Posten indes von einem anderen Zeichner, der mitteilte, er habe im April 2003 der Zeitung Karikaturen von Jesus angeboten. Sie habe den Druck abgelehnt mit der Bemerkung, sie seien zu umstritten. Die Ablehnung beruhe darauf, so dieser Zeichner, daß die Zeitung Gefühle ihrer christlichen Leser höher bewerte als die der Muslime. Die Zeitung sagt nun, sie habe die Entwürfe damals aus Qualitätsgründen abgelehnt.
Die Reaktionen unterschätzt
Auf der ersten Seite hat die Jyllands-Posten an diesem Mittwoch (siehe Bild) die Forderung des ehemaligen dänischen Außenministers Uffe Ellemann-Jensen abgedruckt, daß der Chefredakteur des Blattes, Carsten Juste, zurücktreten müsse. Juste habe schließlich selbst eingestanden, daß er die Reaktionen auf die Karikaturen unterschätzt habe. Wenn man einen solchen fatalen Fehler zugibt, der bereits etliche Menschenleben gekostet hat, ist man seiner Aufgabe nicht gewachsen, meint Ellemann-Jensen. Der Chefredakteur Juste hat die Rücktrittsforderung abgelehnt.
Das Interesse an der Webseite der Jyllands-Posten ist innerhalb einer Woche gleichsam explodiert. Die elektronischen Abrufe der Seite jp.dk haben sich innerhalb weniger Tage nahezu verdoppelt. Auch die Internet-Aufrufe der liberalen Tageszeitung Politiken - die mit der Jyllands-Posten in einem Verlagsverbund steht - stiegen innerhalb von sieben Tagen um mehr als ein Drittel. Die zuvor wenig beachtete Webseite der JP stieg von Rang dreizehn auf den zweiten Platz. Dänische Internetmedien berichten historische Höchststände auf ihren Webseiten: Die Dänen seien neuheitssüchtig geworden. Vor zwei Wochen noch hatten 320.000 Nutzer die Seiten der Jyllands-Posten aufgerufen, derzeit sind es 1,3 Millionen einzelne Besucher (gezählt ohne Mehrfachabrufe vom gleichen Computer), darunter etwa die Hälfte aus dem Ausland.
Wahnwitziges Interesse
Auf besonderes Interesse stieß die Seite, auf der die Zeitung sich auf Englisch und auf Arabisch dafür entschuldigt, religiöse Gefühle von Muslimen verletzt zu haben. Auch auf einigen internationalen Websuchseiten steht die Sucheingabe Jyllands-Posten an erster und muslim cartoon an zweiter Stelle. Ein Internetredakteur der Jyllands-Posten sprach von einem wahnwitzigen Interesse, das aber auch wieder abflauen werde.
Dänische Zeitungen wollen indes einen französischen Automechaniker und Hobbykomiker als Urheber der vermeinlichen Abbildung Mohammeds mit Schweinsnase ausfindig gemacht haben. Er, schreibt das Ekstra Bladet, habe sich im letzten Sommer kostümiert mit aufgesetzter Nase und Ohren bei einer Jux-Meisterschaft im Schweinequieken in Trie-sur-Baise ablichten lassen. Das entsprechende Bild eines Agenturfotografen sei in leicht verfremdeter Form wieder aufgetaucht, weil es von dänischen Imamen bei ihrer Ortest-Reise gegen die Jyllands-Posten durch arabische Länder neben den zwölf Karikaturen der Zeitung als Beispiel für beleidigende Darstellungen des Propheten vorgelegt worden sei. Der Kopenhagener Imam Ahmed Akkari sagte dazu, das Bild sei dänischen Muslimen in höhnischer Absicht anonym als Mohammed-Darstellung zugeschickt worden.
Hundert Euro Honorar
Einige der zwölf Zeichner der Jyllands-Posten bedauern derweil, daß ihre Zeichnungen inzwischen tausendfach im Fernsehen gezeigt und in Zeitungen nachgedruckt worden seien, ohne daß sie um Zustimmung gebeten worden waren; das nehme Druck weg von der Jyllands-Posten, erhöhe aber die Gefährdung für sie. Sie hätten die Bilder ausschließlich für ihren Auftraggeber gezeichnet. Meist seien die Nachdrucke von Internetseiten kopiert worden. Der Dänische Journalistenverband glaube, daß der Nachdruck rechtlich nicht mehr zu verbieten sei, da das öffentliche Interesse mittlerweile das Urheberrecht verdränge.
Die Zeichner, die jeweils nur hundert Euro für ihr Bild erhielten, haben Anfang Januar einen Hilfsfonds gestiftet, der ihre Honorare von den etwa achtzig Zeitungen, mehr als zweihundert Fernsehsendern und vielen Internetzeitungen eintreiben soll, die die Karikaturen nachgedruckt haben. Der Fonds soll einen Preis für Meinungsfreiheit verleihen - eher an einen Ausländer, etwa einen Muslim aus Beirut, als an einen Dänen - und Zeichner in aller Welt unterstützen; da bisher indes neun von zehn Zeitungen eine Bezahlung ablehnten, dürfte der Ertrag nicht hoch ausfallen. Niemand habe sie richtig verstanden, sagen die Zeichner - ihnen sei es nicht um Muslime und den Islam gegangen, sondern um die Selbstzensur dänischer Zeichner, Autoren und Journalisten. Gegen diese hätten sie angehen wollen.
Text: F.A.Z., 09.02.2006, Nr. 34 / Seite 46
Bildmaterial: Jyllands-Posten
