Papstbesuch

Die Subkultur des Westens

Von Christian Geyer

14. September 2006 Auch am Bahnhof von Regensburg paßt man inzwischen auf, wenn irgendwo ein herrenloser Koffer herumsteht. Insoweit brauchte der Papst sich nicht in langen Begründungen zu ergehen, als er in der Regensburger Universität darlegte, warum der Katholizismus eine vernünftige Option des Denkens sei, ja, warum das Christentum die Welt retten kann.

Hatte die Verteidigung des Glaubens ehemals aufwendige ontologische Tüfteleien erfordert (Seinsmetaphysik, Naturrecht), so kann sich die moderne Apologie darauf verlegen, Atheismus als Sicherheitsrisiko zu beschreiben. In der Annahme, der Rest (volle Kirchen) komme dann schon von allein. Nach dem Motto: Eine Kultur, die nicht glaubt, darf sich nicht wundern, wenn sie zur Zielscheibe der islamistischen Aggression wird. So hat es der Papst natürlich nicht gesagt. Aber so ähnlich.

Christentum als Therapie?

Er hat in der Regensburger Universität, einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt, gesagt: „In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörenden Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluß des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.“ Wer aber unfähig zum Dialog der Kulturen ist, der begeht heutzutage kein Kavaliersdelikt. Der holt sich vielmehr die Bomben ins Haus. Ist der Katholizismus also ein Angebot, das man nicht ablehnen kann? Schon John Locke hatte den Atheismus als Sicherheitsrisiko eingestuft, als er meinte, auf die Eide von Nichtgläubigen könne man nichts geben.

Der Papst hat sich in Regensburg auf die Seite derer geschlagen, die im Dialog der Kulturen eine Selbstkritik des Westens fordern. Gegen die islamistische Bedrohung tritt das Christentum, so wie es aussieht, nicht im Zeichen der „Wahrheit“ an, sondern im Zeichen der Therapie. Als Gegengift zu „uns bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft, die notwendig ausbrechen müssen, wo die Vernunft so verengt wird, daß ihr die Fragen der Religion und des Ethos nicht mehr zugehören. Was an ethischen Versuchen von den Regeln der Evolution oder von Psychologie und Soziologie her bleibt, reicht ganz einfach nicht aus.“ Ohne Gott reicht“s nicht aus, ohne Gott geht“s nicht auf - klingt hier, mit sicherheitspolitischer Pointe, eine Kompensationstheorie des Christentums an?

Kritik an Patchwork-Religiosität

Ratzinger in Regensburg ist wie Paulus vor dem Areopag. Ach, ein unbekannter Gott wird hier verehrt? Ja, da hätte ich etwas anzubieten! Die heilige Kuh nicht nur der Regensburger Intellektuellen ist die Kultur. Das Erstaunliche der Rede Benedikts ist denn auch, wie in ihr Kulturelles kurzerhand als theologisches Argument verwendet, die nonchalante Art, wie kulturelle Praxis ins Verhältnis zur religiösen Theorie gesetzt wird. Wenn ein atheistisches Konzept des Denkens als „Verstoß gegen innerste Überzeugungen“ anderer erscheint, dann ist dieses Konzept per se unzureichend, revisionsbedürftig, versteht man den Papst. So erhalten Überzeugungen ontologischen Rang. Das ist, auf dem Regensburger Areopag, die Rechtfertigung der Metaphysik mit pragmatistischen Mitteln. „Das Subjekt entscheidet mit seinen Erfahrungen, was ihm religiös tragbar erscheint“ - was innerkirchlich ganz offensichtlich als Kritik an den Formen der Patchwork-Religiosität gemeint ist, ist zugleich die Formel, mit der die Erwartungen der „tief religiösen Kulturen der Welt“ an den Westen ins Recht gesetzt werden. Erfahrungen und Überzeugungen der islamischen Welt sind für den Papst insofern ernst zu nehmen, als sie für den Westen einen Imperativ darstellen, die eigene Rationalität nicht länger als Ausschlußformel für Religiosität zu sehen. Eine paulinische Strategie, bei der gewissermaßen nichts verloren geht: Jede Anstrengung des Islam, dem unbekannten Gott einen Altar zu bauen, wird zum Argument fürs Christentum.

Das Überraschende ist, daß der Papst mit seiner Forderung, Identitätsfragen stärker als philosophische zu gewichten, auf der Linie neuerer Entwicklungen in Philosophie und Philosophiegeschichtsschreibung liegt. Sein Appell, das griechische Erbe des Christlichen beizubehalten, ja es als konstitutiv für die Religion der Bibel anzusehen, steht nur scheinbar im Gegensatz zu der Feststellung, selbstverständlich könne man „nun nicht wieder hinter die Aufklärung zurück“. Denn schon im Mittelalter war das theologische Denken skeptisch geprägt, bei Thomas von Aquin, dem Hauptdenker des Christlichen und anderen. So legt es jedenfalls überzeugend das soeben erschienene Buch „Zweifel und Gewißheit“ des Berliner Philosophen Dominik Perler dar.

Das Sicherheitsrisiko der westlichen Welt

Und Dieter Henrich gibt in seinem neuen Band „Die Philosophie im Prozeß der Kultur“ einen philosophiegschichtlichen Abriß, an dessen Ende er eine neue Hinwendung zur „Philosophie als Lebenslehre“ sieht. Damit ist eine Philosophie gemeint, die sich an den Grenzen dessen, was sich wissen läßt, ansiedelt und dort gleichsam nach dem Rechten sieht: „Es muß sowohl zu dem, was ausweisbare Erkenntnis ist, wie auch zu dem, was solcher Erkenntnis entzogen bliebt, eine wohlbegründete Beziehung ermöglicht werden, und beide Beziehungen müssen miteinander koordiniert sein.“ Ist es das, was der Papst im Auge hat, wenn er in Regensburg erklärte, Philosophie dürfe nicht auf „positivistische Vernunft“ festgelegt werden? Sie müsse eine akademische Form finden, in der sich auch „die eigentlich menschlichen Fragen, die nach unserem Woher und Wohin“ stellen ließen?

Worin besteht das Sicherheitsrisiko der westlichen Welt? In der Akkumulation von Problemen, die nicht an Wissenschaften mit gesicherten Entscheidungsverfahren abgetreten werden können. Was heißt es, wenn für solche Probleme nur Antworten aus der Subkultur bereitstehen? Der Papst ist kein Kompensationstheoretiker. Aber er will die kulturelle Lücke schließen, in der die Sensibilität für die Rätselfragen des menschlichen Lebens verlorengegangen ist.



Text: F.A.Z., 14.09.2006, Nr. 214 / Seite 33
Bildmaterial: AP, F.A.Z.-Mohr

 
 
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