China

Nehmt euch ein Beispiel an der Schraube

Von Mark Siemons, Peking

Blick auf die Skyline von Pudong, dem Wirtschaftsviertel Schanghais, 2002

Blick auf die Skyline von Pudong, dem Wirtschaftsviertel Schanghais, 2002

24. November 2005 Eine Erfahrung des Chinas von heute ist die außergewöhnliche Verdichtung der Zeit. Wofür Europa vierhundert Jahre brauchte, sagte kürzlich Yu Hua, der Autor der Romane „Leben!“ und zuletzt „Brüder“, den Weg vom Mittelalter zur Postmoderne nämlich, lege China in vierzig zurück.

Der Vergleich hinkt natürlich. Die chinesische „Moderne“ hat längst vor ihrer Selbstverstümmelung in der Kulturrevolution begonnen. Und wenn man denn die europäische Geschichte zum Maßstab nehmen will, müßte man sogar von siebenhundert Jahren sprechen, die China zu dreißig zusammenrafft. Jedenfalls haben die vom Westen bestaunten Wachstumsraten die Innenseite eines kulturellen Umbruchs, wie er für ein einzelnes Menschenleben kaum zu fassen scheint.

Man muß sich die Kargheit und Geschlossenheit der Volkskommunenwelt in den siebziger Jahren vor Augen halten, um die Schwindelgefühle zu begreifen, die der geöffnete Markt mit seinen immer rascheren Kapitalbewegungen auslöst. Das betrifft nicht nur die Ausweitung des Konsums (eine Waschmaschine in hundert Haushalten 1985, heute sind es 59). Genauso voll wie die immer größeren und immer luxuriöseren Kaufhäuser sind in einer Stadt wie Peking die Kunst-Vernissagen in ausgedienten Fabrikgebäuden, die Russendiskos, Gottesdienste, Filmfestivals, wissenschaftlichen Kongresse und Fußballspiele, etwas weniger voll die Punk-Konzerte.

Raubkopien für Cineasten

In einer großen Buchhandlung wie „Guang He Zuo Yong“ (Fotosynthese) im Studentenviertel Wudakou liegt an der Kasse eine Übersetzung von Thomas Nagels „What does it all mean?“ neben einem Buch über Mutter Teresa. Weiter hinten gibt es neben der umfangreichen zeitgenössischen Theorieproduktion und der zunehmenden Beschäftigung mit klassischer chinesischer Philosophie das ganze Arsenal des Westens, von Simmel über Foucault bis Isaiah Berlin. Was den Film angeht, ist man in schummrigen Raubkopie-Läden hier oft besser bedient als in Berliner Kunst-Videotheken: Kurosawa und Fassbinder sind auch mit frühen Werken erhältlich, neue Filme oft schon vor dem Kinostart, für jeweils weniger als einen Euro pro Stück, zu haben.

Die Gesellschaft scheint in nicht minder ausdifferenzierte, nebeneinander bestehende und wählbare Milieus zu zerfallen wie im Westen - mit all den auch aus dem Westen bekannten Veränderungen im Verhältnis der einzelnen zu sich selbst, zueinander und zur gesamten Gesellschaft. Freilich gehören selbst bei einer Vernissage Männer in olivgrünen Uniformen zur selbstverständlichen Ausstattung und erinnern an die Omnipräsenz des Staates, der das eine verbietet, das andere erlaubt und jedenfalls alles unter Kontrolle halten will. So kann einen manchmal das Gefühl beschleichen, all diese Vielfalt sei nur die von einem höheren Willen bewußt gesteuerte Simulation eines wirklichen, organisch gewachsenen Pluralismus.

Dieser Verdacht geht zu weit. Wenngleich alles beobachtet und manches bewußt zur Schau gestellt, instrumentalisiert wird, kann doch das, was in den einzelnen Milieus geschieht, nicht davor bewahrt werden, eine reale Eigenlogik zu entfalten und reale Wirkungen auf Menschen und Entwicklungen freizusetzen.

Rapide vertiefte Unterschiede

Tatsächlich ist es aber nicht nur das Tempo der Veränderung, das einem die Begriffe verwirrt. Die Zeitkurve verläuft nicht linear. Neben Verbindungen zu den avanciertesten Tendenzen der ökonomischen, technischen und kulturellen Globalisierung existieren andere Zeitebenen weiter fort. Es ist, als ob, wieder in europäischen Kategorien gesprochen, Moderne, Vormoderne und Postmoderne gleichzeitig Geltung beanspruchen würden - und dies nicht nur wegen der eklatanten, sich noch rapide vertiefenden Unterschiede der Einkommensverhältnisse und Lebensbedingungen.

Ein Blick in die sechzig verfügbaren Kanäle des staatlichen Fernsehens genügt, um zu sehen, welche kulturellen Gleichzeitigkeiten das Publikum zu verkraften hat. Da werden die täglichen Dokumentationen über die Helden der Revolution und des Kriegs gegen Japan von Werbespots für Seifen und Gesichtscremes unterbrochen, in denen sich schöne Frauen in gigantischen, strahlend weißen Badezimmern räkeln; eine Serie nach dem Roman des China-Enthusiasten Lin Yutang über eine traditionelle Familie in den zwanziger Jahren zeigt im Abspann das Bild eines chinesischen Raketenstarts; die zahlreichen Galashows voll süßlicher Popmusik finden unter starker Beteiligung von Offizieren der Volksbefreiungsarmee statt, und zum Frühlingsfest rezitieren die beliebtesten Moderatoren Gedichte aus der Tang-Dynastie.

Bill Gates und der Soldat

Ein besonders sprechendes Bild für die Verkapselung der Zeitebenen findet sich im früheren Revolutionsmuseum am Tiananmen-Platz. Dort gibt es ein Wachsfigurenkabinett der offiziell anerkannten nationalen Helden, worunter der blutrünstige erste Kaiser Qin Shi Huang ebenso zu verstehen ist wie die Denker des neuen China in den zwanziger Jahren, die Funktionäre und Generäle der Volksrepublik und heutige Popstars wie der Filmregisseur Zhang Yimou oder der Basketballspieler Yao Ming. Am Ende, dort wo der Besucher in die Zukunft entlassen wird, stehen zwei Figuren einander gegenüber, die alle übrigen zusammenfassen: auf der einen Seite Bill Gates, auf der anderen, neben einem Armeelastwagen, Lei Feng mit seiner Pelzmütze.

Lei Feng war ein junger Soldat der Volksbefreiungsarmee, der nie an sich und immer an das Kollektiv dachte, eine kleine Schraube der Revolution, wie er sich selbst nannte, und der seit den sechziger Jahren immer wieder neu als Vorbild der Selbstlosigkeit vorgestellt wird. Heute ist Lei Feng zum Popstar der neuerdings propagierten „harmonischen Gesellschaft“ mutiert. Die Firma Shanda brachte ein Computerspiel mit dem Titel „Von Lei Feng lernen“ heraus, bei dem derjenige gewinnt, der den meisten Menschen hilft oder sie durch Zurechtweisung von verkehrtem Verhalten (auf den Boden spucken, bei Rot über die Straße gehen) abbringt. Bill Gates und Lei Feng zusammen scheinen die gültigen Maßstäbe der chinesischen Gegenwart zu sein.

Der Machtwille der Partei bleibt robust

Dies ist nicht bloß Folklore, das kuriose Überbleibsel einer Entwicklung, die sich im übrigen immer mehr der westlichen Gegenwart annähern würde. Lei Feng kann vielmehr als Symbol für all die Rahmenbedingungen genommen werden, durch die sich Chinas neue Buntheit, äußerlichen Ähnlichkeiten zum Trotz, von der westlichen erheblich unterscheidet. Zunächst ist das offenkundig der Über- und Unterbau der Kommunistischen Partei, die in allen Subsystemen der Gesellschaft präsent ist, gewissermaßen eine Parallelwelt bildet, mit deren Autoritätsanspruch jeder zu rechnen hat, der öffentlich agiert. Es ist unklar, wie groß der Spielraum im einzelnen Fall ist; er scheint um so mehr von Zufällen abzuhängen, je unschärfer die ideologische Signatur der Partei wird. Offenbar sind die erwachenden Kontingenzgefühle der Gesamtgesellschaft bis in die Mitte dieser Partei vorgedrungen - was freilich der Robustheit ihres Machtwillens keinen Abbruch tut.

Entscheidend für das besondere chinesische Gegenwartsbewußtsein ist außerdem die Armut des Landes, die keineswegs nur als Erinnerung präsent ist. Nur wenige Kilometer von den glitzernden Metropolen entfernt beginnt eine Zone, deren Lebensbedingungen sich in weiten, vor allem den westlichen, Teilen kaum von denen der Vergangenheit unterscheiden. In den Städten selbst macht sich diese Welt durch die Wanderarbeiter bemerkbar, die, ohne selber Stadtrechte zu haben, deren Reichtum überhaupt erst ermöglichen. So übt die Armut einen starken Einfluß auf das Denken und die Wahrnehmung aus: Sie sorgt dafür, daß die materiellen Fortschritte und Maßstäbe der neuen Zeit nicht für selbstverständlich genommen werden, und zugleich relativiert sie diese auch. Anders als manchen westlichen Beobachtern, die sich vom Glanz der Städte blenden lassen, würde es den Stadtbewohnern selbst nicht einfallen, diesen Glanz für die ganze Wirklichkeit zu nehmen.

Privatisiertes Denken

Wie diese eigenartige Jetztzeit nun historisch einzuordnen sei, daran scheiden sich die Geister. Alle beziehen sich auf die Stunde Null der neuen Ära, die Kulturrevolution, die durch ihre Tabula rasa die Entideologisierung der nachfolgenden Ära in gewisser Weise erst möglich machte. Aber soll man die Kulturrevolution tatsächlich als einen Exzeß der „Moderne“ verstehen, von der sich das Land durch den Pluralismus seither abgestoßen habe, wie manche Künstler und Theoretiker der neunziger Jahre glauben machen wollten?

Mittlerweile mehren sich, etwa in der Zeitschrift „Arts Criticism“, die Stimmen, die die neunziger Jahre für ihre leere Beliebigkeit kritisieren und ihnen die aufklärerischen, an die reformerische „4. Mai-Bewegung“ der zwanziger Jahre anschließenden Strömungen der achtziger Jahre gegenüberstellen, die sie für die wahre Moderne halten. Seit der Niederschlagung der Studentenbewegung von 1989, die dieser Epoche ihr Ende setzte, habe sich das Denken jedoch genauso verzettelt und privatisiert wie der Markt, dessen Gesetzen es nun gehorche.

Uneindeutig scheint alles

So folgen die Generationen und Nostalgiebewegungen in immer kürzeren Abständen aufeinander. Die Erfahrungen von Menschen, deren Geburtsdatum nur zehn Jahre auseinander liegt, scheinen kaum mehr etwas miteinander zu tun zu haben. Jedenfalls ist die Übersichtlichkeit, die noch die an den alten nationalen Fragen orientierten Debatten der achtziger Jahre besaßen, dahin. Den Umgang mit Ambiguitäten nimmt auch die westliche Gegenwart für sich in Anspruch. Doch gegen die Uneindeutigkeiten, mit denen die chinesischen Intellektuellen klarkommen müssen, wirken die Bedingungen des westlichen Denkens wohlgeordnet und behütet. Uneindeutig scheint in China alles: die Kennzeichnung der Zeit und die Richtung, die diese nimmt, die öffentlichen Worte, die Reaktionen des Staates, die Rolle, die das eigene Sprechen hat. Sich in solchen Untiefen zu behaupten erfordert offenkundig ein beträchtliches Maß an Abgeklärtheit, Uneingeschüchtertheit, List, Ironie und spielerischem Geist. Es sieht so aus, als ob nicht wenige Chinesen solche Eigenschaften heute mitbringen.

Czeslaw Milosz berichtete in der „Verführung des Denkens“ von der Verachtung, die die osteuropäischen Intellektuellen nach dem Zweiten Weltkrieg für die Naivität des Westens empfanden, der sich die Abgründe, denen das Denken in den kommunistischen Staaten ausgesetzt ist, nicht vorstellen konnte. Ähnlich vermeint man bei chinesischen Intellektuellen heute leichtes Befremden gegenüber einem Westen zu vernehmen, der China bloß für die noch etwas defizitäre Version der eigenen Entwicklung hält und dabei nicht merkt, daß dort eine Generation herangewachsen ist, die viel grundstürzender über diese Entwicklung nachzudenken gezwungen ist als er selbst.



Text: F.A.Z., 24.11.2005, Nr. 274 / Seite 33
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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