Von David Gelernter
01. März 2010Das Internet, wie wir es heute kennen, ist eine Maschine zur Verstärkung von Vorurteilen. Dabei wissen wir angeblich mehr als je zuvor.
Doch was wissen unsere Kinder, was unsere Eltern nicht wussten? Sie wissen ums Jetzt. Aber mit der Jetzigkeit ist es wie mit der Lichtverschmutzung in Großstädten, die es unmöglich macht, die Sterne zu sehen.

Das Internet der allernächsten Zukunft wird jedem seinen eigenen Lebensstrom geben, der sich von allen anderen unterscheidet, ein Fluss aus all den Informationen, an denen uns gelegen ist. Die Frage ist nur, was wir tun können, um nicht in ihm zu ertrinken.
Noch nie zuvor standen wir an einem so aufregenden und gefährlichen Punkt der technologischen Entwicklung wie heute. Das Internet ist wie ein neuer Computer, auf dem eine grellbunte, faszinierende Vorführung läuft - von der wir uns seit fünfzehn Jahren in Bann schlagen lassen. Es ist an der Zeit, sie abzuschalten und an die Arbeit zu gehen. Wir müssen das Internet dazu bringen, dass es das macht, was wir von ihm wollen; dass es richtig funktioniert.
Ein Zeichen des Problems ist das Grundrätsel des Internet: Wenn dies das Informationszeitalter ist, worüber sind wir dann so gut informiert? Was wissen unsere Kinder, das unsere Eltern nicht wussten? Natürlich wissen sie mit ihren Computern umzugehen, aber das ist eine leichte Übung etwa im Vergleich damit, Auto zu fahren. Ich werde auf dieses Rätsel zurückkommen.
Hier ist ein leichteres Rätsel, und eine offensichtliche Lösung gleich dazu: Wo immer es Computer gibt, benutzt praktisch jeder, der schreibt, ein Textverarbeitungsprogramm. Die Textverarbeitung ist eine der erfolgreichsten Erfindungen, die es je gab; für die meisten Autoren ist sie nicht nur nützlich, sondern unverzichtbar. Wenn aber die entsprechende Software unverzichtbar ist - was hat sie Gutes bewirkt? Hat sie die Qualität dessen verbessert, was in unserer Gesellschaft geschrieben wird? Natürlich nicht. Man vergleiche die Lyrik oder Prosa, die Zeitungen oder wissenschaftlichen Zeitschriften unserer Tage mit denselben Produkten von vor fünfzig Jahren: Von einer Verbesserung kann keine Rede sein.
Textverarbeitungsprogramme haben unterm Strich dazu geführt, dass wir mehr, nicht dass wir besser schreiben. Insgesamt hat das Internet die Quantität und nicht die Qualität der uns zugänglichen Informationen gesteigert. Statt das Internet zur Lösung einfacher Probleme einzusetzen, ist es nunmehr an der Zeit, dass wir es die wichtigen Probleme lösen lassen.
Die Internetsuche ist ein Beispiel. Moderne Suchmaschinen verbinden die Funktionen der Bibliotheken und Branchenführer von einst in globalem Maßstab. Natürlich sind sie nützlich, sogar unverzichtbar - wie Schreibprogramme. Aber es war immer schon schwieriger, die passende Person zu finden als die passende Tatsache. Die wertvollste Ressource, die im Internet zur Verfügung steht, ist die Erfahrung und das Wissen von Menschen. Selbst heute, wo uns das Schreiben leicht gemacht wird, wissen die Experten so viel mehr, als sie jemals schriftlich festhalten; und Menschen nehmen an nichts so sehr Anteil wie an anderen Menschen.
Zu ermöglichen, dass man mit Hilfe einer Suchmaschine die richtige Person finden (oder von ihr gefunden werden) kann, ist eine anspruchsvollere Herausforderung als die übliche Internetsuche. Kleine Teilbereiche dieser Aufgabe sind in Angriff genommen worden; in Zukunft aber werden wir dieses schwierige Problem lösen, statt uns mit Fallobst zu begnügen und den Früchten, die uns in den Mund hängen.
Bekanntlich führt das Internet zu einer Informationsflut, die ein Problem mit zwei Aspekten ist: Einer zunehmenden Zahl von Quellen steht ein zunehmender Informationsfluss pro Quelle gegenüber. Der erste Aspekt ist der schwierigere: Es bereitet mehr Mühe, fünf Leuten zuzuhören, die gleichzeitig in normalem Tempo sprechen, als einer Person, die schnell spricht - besonders, wenn man diese Person um eine Pause oder eine Wiederholung bitten kann. (Und es ist anstrengender, die Lexington Avenue in New York entlangzufahren, wo der Verkehr um Hindernisse brandet und man von allen Seiten überholt wird, als in derselben Verkehrsdichte auf einer gewöhnlichen zweispurigen Autobahn.)
Blogs und andere Anthologie-Websites kombinieren Informationen aus vielen Quellen. Wir werden die Informationsflut aber nicht in den Griff bekommen, solange nicht jeder Internetnutzer selbst entscheiden kann, welche Quellen er kombinieren möchte, und zu dieser Mischung die wichtigste Quelle überhaupt hinzufügen kann: seine persönlichen Informationen - E-Mails und andere Nachrichten, Erinnerungsstützen, Dokumente aller Art.
Was besagt eigentlich der Ausdruck Internetnutzer? Dass Nutzer eines Computersystems über eine einfache, einheitliche Bedienoberfläche und ein entsprechendes Betriebssystem verfügen sollten. Aber das Internet hat bislang keine Benutzeroberfläche und kein Betriebssystem.
Das Internet wird nie eine neue Ökonomie hervorbringen, die auf freiwilliger statt auf bezahlter Arbeit beruht; aber es kann dazu beitragen, die beste Wirtschaft aller Zeiten entstehen zu lassen, in der neue Märkte, zum Beispiel ein freier Bildungsmarkt, die Welt verändern. Eine gute Nachricht ist auch, dass das Netz die Universität, wie wir sie kennen, zerstören wird (von dem einen oder anderen besonders angesehenen oder schönen Campus abgesehen).
Das Netz wird sich niemals in einen Geist verwandeln, aber es kann uns dabei helfen, unsere Denkgewohnheiten und auch den Geist der Zeit zum Besseren zu verändern. Doch befinden wir uns heute zugleich an einem gefährlichen Punkt: Virtuelle Universitäten sind eine gute Sache, virtuelle Nationen nicht. Virtuelle Nationen, deren Angehörige irgendwo leben können, solange sie übers Internet miteinander verbunden sind, drohen die Menschheit wie eine Glaskugel in tausend tödliche Splitter zu zerbrechen. Von virtuellen Nationen haben wir bereits eine erste Vorstellung bekommen: Al Qaida hat sie uns vermittelt.
Eine praktische Frage: Wer wird das Tauziehen zwischen privaten Maschinen und der Rechnerwolke gewinnen? Werden wir unsere persönlichen Informationen auf unseren eigenen Geräten speichern oder auf namenlosen Servern irgendwo da draußen im Netz, oder auf beidem? Die Antwort ist: in der Wolke. Die Wolke wird sich um unsere privaten Geräte kümmern. Sie wird die Informationen, die wir zu einem gegebenen Zeitpunkt brauchen, sorgfältig auf unsere privaten Handys, Laptops, Pads oder Pods übertragen - aber stets die Originalkopie behalten. Wenn wir Änderungen an einem Dokument vornehmen, werden diese Änderungen unmittelbar in der Wolke mitvollzogen.
Weil unsere Informationen in der Wolke leben und nur auf kurze Besuche in unseren persönlichen Geräten vorbeischauen werden, wird jedes von ihnen automatisch über exakt die gleichen Informationen verfügen: Ein neues Gerät wird vom ersten Moment an, in dem man es einschaltet, nützlich sein, und sein Verlust oder Diebstahl kein Problem mehr darstellen - die Daten, die es enthält, werden automatisch gelöscht. Die Wolke wird darauf aufpassen, dass unsere Informationen sicher verschlüsselt, verbreitet und aufbewahrt werden.
In den vergangenen Monaten haben neue Geräte wie die von Google und Apple große Aufmerksamkeit erregt. Zweifellos wird gutes Design immer wichtig sein. Worauf es in Zukunft aber ankommt, ist nicht, wie sich neue elektronische Geräte auf aufregende Weise unterscheiden, sondern worin sie sich alle gleich sind. Wir werden die gleichen Informationen, unsere Informationen, auf jeder elektronischen Vorrichtung sehen können, sei sie klein oder groß, privat oder öffentlich; und unsere Informationen werden im Wesentlichen auf allen Geräten gleich aussehen, so wie man durch jedes beliebige Teleskop denselben Himmel sehen kann.
Ein praktischer Aspekt: Im Augenblick ist der wichtigste Computertyp das Mobiltelefon. In Büros und zu Hause werden jedoch zunehmend Großbildrechner an die Stelle der herkömmlichen Desktops und Laptops treten. Man sitzt dann ein- bis zweieinhalb Meter vom Bildschirm entfernt in einem bequemen Stuhl und hat Tastatur und Bedienelemente auf dem Schoß. Die Arbeit wird angenehmer, und, was nicht ganz unwichtig ist, die Augen werden weniger beansprucht. Großbildrechner werden die Gestalt von Bürogebäuden verändern und ihre eigene Architektur hervorbringen. Büroangestellte werden die meiste Zeit in Großbildrechner-Modulen sitzen, die zwar kleiner, aber auch gemütlicher sind als die meisten Einzelzimmer heute. In einem Gebäude, das auf Großbildrechner ausgelegt ist, könnte es beispielsweise Module geben, die um einen zentralen Innenhof auf zahlreichen Ebenen übereinander angeordnet sind; die Säule, die sich aus den aufeinandergestapelten Modulen ergibt, könnte sich spiralförmig in die Höhe schrauben ...
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Die traditionelle Website ist statisch. Die Spezialität des Internet besteht aber in fließender, sich verändernder Information. Was im Netz zählt, ist nicht die Information allein, sondern ihre Geschwindigkeit - Durchsatz und Fließrichtung.
Die typische Website ist wie ein Buntglasfenster, bei dem viele kleine Glasstücke in Bleifassungen zusammengelötet sind. Es gibt keine praktikable Möglichkeit, das Buntglas zu verändern, was ja auch niemand erwartet. Von daher überrascht es nicht, wenn das Internet nun eine andere kybernetische Struktur bekommen wird.
Diese Struktur namens Cyberstream oder Lifestream ist besser für das Internet geeignet als die konventionelle Website, weil sie die Information-im-Fluss zeigt, einen Strom von Informationen und nicht einen statischen Pool.
Von Monat zu Monat fließen mehr Informationen in Form von Lifestreams durch die Cybersphäre, von denen sich manche Blogs, andere feeds, Activity Streams, Ereignisflüsse oder Twitterstreams nennen. (Twitter ist ein tosender, imposanter Wasserfall - die Niagarafälle des Netzes.) Alle diese Ströme oder Flüsse sind Spezialfälle jener digitalen Struktur, die wir Mitte der 1990er Jahre als Lebensstrom bezeichneten: ein Strom von digitalen Dokumenten jeglicher Art, die nach ihrer Erstellungszeit oder nach ihrem Eingang sortiert sind und sich in Echtzeit verändern; ein Strom, den man durchsuchen oder fokussieren kann (einen Strom nach Wörtern, Sätzen, Tönen oder Bildern zu durchsuchen, erzeugt einen neuen Strom); einen Strom mit einer Vergangenheit, einer Gegenwart und einer Zukunft.
Unsere eigenen Daten, alle unsere Mitteilungen, Dokumente, Fotos, Videos - einschließlich netzwerkübergreifender Daten wie Telefongespräche, Sprach- und Textnachrichten - werden ein Lebensstrom in der Wolke sein; ein Strom, den man einschalten kann wie einen Fernseher oder Computer. (In der Zukunft des Stroms speichern wir die Erinnerungshilfen, Terminkalendereinträge und aus der Gegenwart weitergeleiteten E-Mails, die wir unbedingt beantworten müssen.) Die Zukunft fließt durch die Gegenwart und in die Vergangenheit - mit Zeitgeschwindigkeit. Das Wort Lifestreaming ist zu einem neuen Oberbegriff geworden, und Ströme sind der wichtigste neue Trend im Netz.
Es gibt keinen eindeutigen Weg zur Verschmelzung zweier Standard-Websites; wie man aber zwei Ströme verschmilzt, ist offensichtlich: Man mischt sie ineinander wie zwei Kartensätze, wobei die zeitliche Reihenfolge beibehalten bleibt und das ältere Dokument zuerst kommt. Die Datenintegration ist entscheidend, um die Informationsflut in den Griff zu kriegen, und Ströme machen die Integration leicht. Dass Ströme dazu beitragen können, die Informationsflut zu bewältigen, ist keine Überraschung.
In Zukunft werden nahezu alle beweglichen, fließenden, sich verändernden Informationen im Internet in Form von Lifestreams dargestellt. Wir werden alle Ströme, die uns interessieren, wie Blumen zu einem Blumenstrauß zusammenstellen können. Ströme auszuwählen und zu vereinigen wird eine neue Basisfunktion der Benutzeroberfläche und des Betriebssystems, die das Internet bekommen wird. Ströme, die Nachrichten aus aller Welt bringen oder Neuigkeiten von unseren Freunden, Ströme, die über Preise oder Auktionen oder neue Erkenntnisse auf egal welchem Gebiet informieren, über den Verkehr, das Wetter, die Märkte - was auch immer einen interessiert, wird man auswählen und zu einem Strom vereinigen können. Dies ergänzt man um seine persönlichen Informationen: E-Mails, Dokumente und so weiter. Das Ergebnis ist der eigene Lebensstrom, der sich von allen anderen unterscheidet, ein schneller, sauberer Fluss aus all den Informationen, an denen uns gelegen ist.
Man kann einen Knopf drehen und seinen Lifestream verlangsamen: Weniger wichtige Elemente des Stroms fließen nun unsichtbar weiter und lenken nicht mehr ab, stehen aber jederzeit wieder zur Verfügung, wenn man sie aufruft oder nach ihnen sucht. Man kann seinen Lifestream jederzeit zurückspulen und die Vergangenheit noch einmal betrachten. Fließen Dokumente oder Nachrichten vorbei, die wichtig aussehen, für die man aber gerade keine Zeit hat, so kopiert man sie einfach in die Zukunft, zum Beispiel auf heute Abend um zehn, und dann kommen sie wieder vorbei. Mit einem weiteren Knopf können wir unseren schnell fließenden Strom in mehrere langsame aufspalten, sofern unser Bildschirm groß genug ist, um sie alle im Auge zu behalten. Wir werden diese separaten Ströme aber immer wieder zu einem zusammenfügen können, wenn wir dies wollen.
Manchmal, etwa wenn wir Auto fahren, möchten wir unserem Strom vielleicht zuhören, statt ihn zu sehen. Eine Software wird uns laut vorlesen und am Ende auch Bilder beschreiben. Wenn wir vor unserem hochauflösenden Fernseher sitzen, lassen wir unseren Strom vielleicht am Rand des Bildschirms mitlaufen, um mit unserem Leben in Verbindung zu bleiben.
Für die Software, die unseren Lifestream laufen lässt, ist es ein Leichtes, unsere Gewohnheiten herauszufinden und zu lernen, welche E-Mails, Neuigkeiten aus sozialen Netzwerken oder Nachrichten wir wichtig und interessant finden. Die Software kann daher auch leicht jene Elemente hervorheben, die wir für wichtig halten dürften, und alles andere vorbeirauschen lassen.
Lifestreams werden es der Software noch leichter machen, unser Leben im Detail kennenzulernen und unser Verhalten vorherzusagen, als es heute schon ist. Die potentielle Gefahr für unsere Privatsphäre ist ein zu großes und wichtiges Problem, als dass es hier erörtert werden könnte. Aber die Frage wird sein, ob der Schaden, den unser Privatleben schon genommen hat, uns resigniert aufgeben oder vielmehr energischer um das kämpfen lässt, was noch von ihm übrig ist.
Die Zukunft des Internet liegt nicht im Web 2.0 oder 200.0, sondern im Postweb, einem Internet, in dem nicht mehr der Raum, sondern die Zeit das grundlegende Organisationsprinzip darstellt. Statt vieler Buntglasfenster aus vielen einzelnen Glasflächen, statt Informationen, die im Raum ausgebreitet sind wie Gemüse auf dem Marktstand, werden wir zahlreiche Informationsströme haben, die durch die Zeit fließen, Ströme, die sich leicht vereinigen lassen. Das Internet als Ganzes ist so, als wären alle Ströme der Cybersphäre zu einem verschmolzen, als erzählte die ganze Welt ihre Geschichte. Nur dass die Geschichte der Welt voller privater Informationen ist, und deshalb darf sie leider kein Mensch lesen.
Vor zehn Jahren schrieb ich über die zunehmende Bedeutung von Lifestreams. Im vergangenen Jahr fragte der Technikjournalist Erick Schonfeld in einem Artikel, ob ein bestimmtes Großunternehmen das zentrale Kommunikationsmodell der sozialen Netzwerke - den Lifestream - nehmen und wiederum seinen Instant-Messaging-Kunden überstülpen kann. Lifestreaming ist allgegenwärtig im Netz. Vor zehn Jahren beschrieb ich den Computer der Zukunft als eine am Strand ausgehobene Kuhle, in der sich die Informationen aus dem Cyberspace sammeln. Die Ausbreitung drahtloser Netzwerke und die zunehmende Leistungsfähigkeit der mobilen Geräte bedeutet, dass sich Informationen tatsächlich fast überall sammeln, wo wir unseren Laptop oder unser Handy einschalten; und sehr bald werden wir das fast streichen können.
Woraus wir lernen können, dass es a) ein Leichtes ist, zutreffende Vorhersagen über die Zukunft der Technik zu machen, und b) man gut daran tut, diese Vorhersagen in einer poetischen Sprache zu halten - umso leichter behält man recht!
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Das Internet ist kein Thema, über das man sprechen könnte wie über Mobiltelefone, Videospiele oder künstliche Intelligenz. Es ist in seiner Bedeutung nur mit einem Thema wie Bildung zu vergleichen. Vorsicht also: Um hier ein Lehrer zu werden, muss man ein Feld beherrschen, das man unterrichten kann. Es empfiehlt sich nicht, auf die Pädagogikschule zu gehen und am Ende nichts zu beherrschen. Um am Internet mitzuarbeiten, muss man in irgendeinem Teilbereich des Netzes fachlich beschlagen sein: in technischer Planung, Software, Computerwissenschaft, Kommunikationstheorie, Volks- oder Betriebswirtschaft, Literatur oder Design.
Geht nicht auf die Internetschule und werdet in gar nichts Meister. Gewiss gibt es brillante Leute in Internetinstituten, die höchsten Respekt verdienen. Wenn aber Internetinstitute den gleichen Effekt auf das Internet haben wie Pädagogikinstitute auf die Bildung, dann gute Nacht.
Und das Interneträtsel? Wenn dies das Informationszeitalter ist, was wissen dann unsere Kinder, das unsere Eltern nicht wussten? Sie wissen ums Jetzt.
Die Netzkultur ist eine Kultur der Jetzigkeit. Das Internet lässt uns wissen, was unsere Freunde und die Welt jetzt gerade treiben, wie Geschäfte und Märkte und das Wetter jetzt gerade sind, wie die öffentliche Meinung, die Trends und Moden jetzt aussehen. Das Internet verbindet jeden von uns gerade jetzt mit vielen verschiedenen Sites - mit vielen verschiedenen Orten in diesem einen Moment.
Jetzigkeit ist eines der wichtigsten kulturellen Phänomene der Moderne: Nach und nach hat sich die Aufmerksamkeit der westlichen Welt von dem engen Raum einer Familie oder Ortschaft und ihrer Geschichte auf eine größere Gemeinschaft, die ganze Nation, die ganze Welt gerichtet. Der Starkult, der Einfluss von Meinungsumfragen, die schwindende Bedeutung geschichtlichen Wissens, die Uniformität der Meinungen und Einstellungen unter Akademikern und anderen gebildeten Eliten - all dies ist Teil desselben Phänomens. Jetzigkeit blendet alle anderen Momente als diesen einen aus. In der idealen Internetkultur, die von Jetzigkeit überflutet wäre wie eine Strandpromenade vom Meerwasser, sprächen alle gleich, kleideten sich alle gleich, dächten alle gleich.
Je mehr wir über das Jetzt lernen, desto weniger wissen wir über das Damals. Das Internet steigert das Informationsangebot ins Unermessliche, lässt aber das Aufnahmevermögen des menschlichen Geistes unverändert. (Manche Wissenschaftler sprechen davon, die Leistungsfähigkeit von Geist und Gedächtnis zu erhöhen - aber sie sprechen damit nicht über Menschen, sondern über eine andere, verwandte Spezies, von der wir nichts wissen.) Der Effekt der Jetzigkeit gleicht dem der Lichtverschmutzung in Großstädten, die es unmöglich macht, die Sterne zu sehen. Eine Flut von Informationen über die Gegenwart schließt die Vergangenheit aus.
Und doch könnte das Internet das mächtigste Hilfsmittel aller Zeiten sein, um die Vergangenheit, den Fluss der Zeit und das, was Vladimir Nabokov die Textur der Zeit genannt hat, zu verstehen. Sobald wir die Verzerrung erkennen, die in ein Instrument eingebaut ist, können wir sie korrigieren. Das Internet verzerrt gewaltig zugunsten des Jetzt. Mithilfe von Lifestreams (die Informationen zeitlich und nicht räumlich organisieren) können Historiker Zeitleisten historischer Daten zusammenstellen, erörtern und immer weiter verfeinern. Solche Zeitleisten sind nicht die Geschichte, aber sie bilden das Rohmaterial, um sie zu verstehen. Sie werden heftig umstritten sein, doch wird man leicht zwei verschiedene Versionen und die Belege, auf die sie sich stützen, nebeneinanderstellen und vergleichen können. Bilder, Videos und Dokumente werden sich um solche Ströme ansammeln. Am Ende wird ein gut gemachter historischer Strom eine kulturelle Ressource in der Cybersphäre sein, die jedermann nutzen kann.
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Und schließlich: Jeder, der schon einmal den Mond durch ein Teleskop betrachtet hat, wird bemerkt haben, wie er durch die Erdumdrehung langsam aus dem Sichtbereich gleitet. In Zukunft wird auch die Cybersphäre gleiten: Wenn wir uns lange genug mit einer Sache beschäftigt haben, so dass unsere Aufmerksamkeit nachlässt und unsere Gedanken abzuschweifen beginnen, dann sollte das Netz reagieren, indem es ablegt und sich selbst langsam zu neuen Themen, neuen Bereichen gleiten lässt - nicht zu solchen, die in einem offensichtlichen Zusammenhang mit dem vorherigen stehen, sondern zu neuen Themen, die tiefere, emotionalere Verbindungen mit ihm haben.
Das Internet, wie es heute ist, ist im Grunde genommen eine Maschine zur Verstärkung unserer Vorurteile. Je größer das Angebot an Informationen ist, desto pingeliger entscheiden wir uns mitunter für genau das, was uns zusagt, und ignorieren alles andere. Das Netz gewährt uns die Befriedigung, nur Meinungen zur Kenntnis zu nehmen, mit denen wir bereits konform gehen, nur Fakten (oder angebliche Fakten), die wir schon kennen. In einer herkömmlichen Zeitung können wir zehn Texte zu zehn verschiedenen Themen lesen, während im Netz viele Menschen genau die gleiche Zeit dafür aufwenden, zehn Texte über ein und denselben Gegenstand zu lesen. Eines der schwierigsten und faszinierendsten Probleme unseres digitalen Jahrhunderts ist die Frage, wie wir dem Netz eine gewisse Drift geben, so dass unser Blick manchmal in Gegenden abschweift, in die wir gar nicht wollten. Und mit einem Tastendruck wäre das ursprüngliche Thema wieder da. In unserem strikt materialistischen, trocken rationalen und allem Spirituellen feindlichen Zeitalter brauchen wir Unterstützung, um gelegentlich die Rationalität zu überwinden und unseren Gedanken zu ermöglichen, umherzuschweifen und sich zu verwandeln, wie sie es auch im Schlaf tun. Das rationale, wissenschaftliche Denken ist gesund; wollten wir aber ausschließlich von ihm zehren, wäre das fatal.
Aus dem Englischen von Michael Adrian
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv