Im Gespräch: Rupert Stadler

„Der Staat sollte sich bei Opel raushalten“

“Volumen allein ist kein Ziel“: Audi-Chef Rupert Stadler

"Volumen allein ist kein Ziel": Audi-Chef Rupert Stadler

12. November 2009 Krise? Welche Krise? Für Audi-Chef Rupert Stadler ist das Schlimmste überstanden. Jetzt will die Tochtergesellschaft des Volkswagen-Konzerns den Angriff auf BMW und Daimler fortsetzen. Das Ziel, im Jahr 2015 „erfolgreichste Premiummarke“ zu werden, verliert Stadler nicht aus den Augen.

Herr Stadler, Kredite und Bürgschaften für Opel. Können Sie diese Wettbewerbsverzerrung noch länger akzeptieren?

Wir sitzen nicht am Verhandlungstisch und haben keine Detailkenntnisse. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass sich der Staat raushalten sollte. Es sind ja schon bei General Motors in Amerika mit umfangreicher Staatshilfe dramatische Sanierungsschritte erfolgt. Wenn es jetzt in Europa zu weiteren Wettbewerbsverzerrungen kommt, können wir das nicht gutheißen. Wie soll man dem Steuerzahler erklären, dass ein kleiner Mittelständler mit 500 Mitarbeitern in die Insolvenz entlassen, einem großen Unternehmen aber geholfen wird? Wenn mit öffentlichen Bürgschaften punktuell für eine Übergangszeit geholfen wird, dann kann man das je nach Situation im Einzelfall tolerieren.

Befürworten Sie also eine geordnete Insolvenz von Opel, weil damit endlich die Marktbereinigung in der Autoindustrie in Gang käme?

Darüber kann ich mir kein Urteil erlauben, weil ich die Konditionen zwischen GM und Opel nicht kenne. In der Autoindustrie herrscht intensiver Wettbewerb, und wenn die Nachfrage kleiner ist als die vorhandene Kapazität, wird es Bereinigungen geben, das ist ein Marktmechanismus. Eine attraktive Marke und ein gutes Produkt sind im Markt und bei den Kunden auch in schwierigen Zeiten erfolgreich, wie wir bei Audi zeigen.

Hätten Sie auch lieber auf die staatliche Abwrackprämie verzichtet?

Die Umweltprämie war in der Wirtschaftskrise die richtige Entscheidung, und wir haben sie im VDA mitgetragen, obwohl wir wussten, dass wir als Premiumhersteller davon kaum profitieren würden. Über die Prämie hat Audi rund 20 000 zusätzliche Autos verkauft. Wir haben davon profitiert, dass die Regierung die Zeitspanne, in der Kurzarbeitergeld bezahlt wird, verlängert hat: Denn was hätte es uns geholfen, wenn es Audi gutgeht, aber 50 Zulieferer in die Knie gehen und uns am Band die Teile fehlen? Die gesamte Wirtschaft war damals wirklich in einer ernsten Krise . . .

. . . und die hat Audi jetzt schon überstanden?

Ich formuliere es so: Wir bei Audi sind besser durch die Krise gefahren als andere und haben schon zu Beginn des Krisenjahres 2009 als Einzige eine konkrete Absatzprognose von 900.000 Autos abgegeben. Stand heute werden wir wohl 925.000 Autos verkaufen, vielleicht auch ein paar mehr, auf jeden Fall aber nicht weniger.

Was macht Sie so sicher?

Wir sind zum Beispiel rechtzeitig auf den Wachstumszug in China aufgesprungen. Allein dort werden wir in diesem Jahr 130.000 Autos verkaufen – ein herausragendes Ergebnis! Damit ist China nach Deutschland zu unserem wichtigsten Markt geworden. Wir haben bereits vor 20 Jahren die Herausforderungen in China angenommen und werden jetzt belohnt.

BMW und Daimler haben dafür schon Fabriken in Nordamerika. Sollte die Krise auf dem größten Automarkt der Welt ausgestanden sein, müssen Sie mit ansehen, wie Ihnen die Konkurrenz wieder davoneilt.

Wir sind dafür auf anderen Märkten erfolgreicher.

So einfach können Sie es sich nicht machen. Wenn Audi, wie Sie sagen, 2015 die erfolgreichste Premiummarke sein soll, dürfen Sie Amerika nicht ignorieren.

Das tun wir auch nicht. Wir arbeiten am Ausbau des Händlernetzes und stärken das Image der Marke. Und wir wollen bis 2015 in Richtung 200.000 Einheiten wachsen, und zwar qualitativ und nicht zu Lasten der Rendite.

Dann verkaufen Sie jenseits des Atlantiks immer noch 100.000 Autos weniger als BMW und Mercedes-Benz heute.

Noch einmal, wir werden keine Marktanteile kaufen. Volumen allein ist für Audi kein Ziel. Schauen Sie sich doch die Renditen in Amerika an, da ist der Wettbewerb doch unter der Grasnarbe.

Ihr Mutterkonzern baut im Bundesstaat Tennessee ein neues Werk. Wann bekommt Audi eines?

Darüber werden wir nachdenken, wenn die Zeit reif ist und wir das richtige Auto für den amerikanischen Markt haben.

Audi stellt im Dezember die Luxuslimousine A8 in Miami vor. Das wäre doch das richtige Auto …

Dieser Markt ist für den A8 enorm wichtig, und deshalb stellen wir ihn auch dort vor. Aber die Frage einer lokalen Fertigung stellt sich angesichts des Volumens für uns nicht.

Sie wollen also im Jahr 2015 rund 1,5 Millionen Autos verkaufen ohne eigenes Werk auf dem größten Automarkt der Welt?

Das habe ich nicht gesagt. Unser Absatzziel für 2015 bestätige ich, auch wenn die Weltmärkte 2008 und 2009 erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurden. Aber wir sind deutlich besser unterwegs als unsere Wettbewerber. Und wir investieren weiter und bauen unsere Modellpalette aus.

Ihr Produktionsziel steuern Sie an, indem Sie überwiegend neue Kleinwagen bauen werden. Das ist bestimmt nicht gut für die Rendite.

Zunächst erneuern wir unser Topmodell, den A8. Dann kommt ein A7 hinterher. Und natürlich werden wir zusätzlich im kommenden Jahr mit dem A1 unsere Modellpalette in einem neuen Einstiegssegment für neue Kunden öffnen. Das ist eine Chance, Premiumgeschäft in den großen Metropolen zu generieren, dort, wo die Kunden eine neue, intelligente Form der Mobilität suchen . . .

… und bei Ihrem Wettbewerber BMW mit dem Mini schon kaufen können. Ist der A1 nicht etwas spät dran? Und warum lassen Sie ihn am Hochlohnstandort Brüssel bauen?

Der A1 wird das erste vollwertige Premium-Automobil seiner Klasse und verwässert keinesfalls unsere Rendite. Wir bauen keine Autos, die unsere Renditeziele nicht erfüllen. Wir haben zudem im Rahmen der Restrukturierung des Brüssler VW-Werkes mit den Arbeitnehmern vernünftige Vereinbarungen getroffen. Außerdem kennen die Mitarbeiter das Produkt, sie fertigen heute bereits den A3 und ab 2010 den A1.

Ihren bisher kleinsten Audi, den A3, verkaufen Sie jedes Jahr 230.000 Mal. Ist das die Größenordnung für den A1?

Nein, das wird deutlich weniger sein. Zuerst geht es uns um die richtige Positionierung des A1. Mobilitätsbedürfnisse der Menschen ändern sich, wir erleben einen gesellschaftlichen Wandel. Darauf antworten wir mit dem A1. Das Volumen ist nachher eine Resultante eines überzeugenden Produkts und dessen gelungener Positionierung.

Schon einmal ist das bei Audi gründlich danebengegangen: Der Öko-Audi A2 ist an den Kunden gescheitert . . .

. . . der war seiner Zeit voraus. Heute reden viele von grünen Autos, manche engagieren dazu sogar grüne Politiker. Wir bei Audi halten das anders. Effizienz steckt serienmäßig in jedem unserer Autos – ohne dass wir dafür einen Marketing-Claim bemühen müssen. Und unsere Ingenieure werden auch weiterhin innovative Lösungen finden und damit unseren Vorsprung durch Technik ausbauen. Wir werden die Klimaziele erfüllen allein mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren. Audi hat heute schon 33 Modelle im Angebot mit weniger als 140 Gramm Kohlendioxid. Die Elektrifizierung unserer Autos kommt noch on top.

Also wird es einen Audi A2 nicht mehr geben?

Warum nicht? Ich kann mir gut vorstellen, dass es zu einer Neuauflage solch eines technisch überlegenen und progressiven Autos kommt, das die Lücke zwischen A1 und A3 schließt. Dazwischen ist Platz für einen Audi mit einer klar definierten Genetik. Daran arbeiten wir intensiv, und wir haben viele gute Ideen. Heute hat das Thema Ökologie einen ganz anderen Stellenwert als vor zehn Jahren, die Zeit ist reifer. Unserer Industrie ist lange vorgeworfen worden, sie sei „old economy“. Wir treten den Gegenbeweis an: Die Autoindustrie ist die High-Tech-Branche schlechthin. Was die Gesellschaft von uns erwartet, werden unsere Ingenieure erfüllen.

Das Gespräch führte Henning Peitsmeier.



Text: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Der Autor des Bestsellers „Fish!“ hat nachgelegt. Entdecken Sie mit Stephen C. Lundin in „Cats“ neue Wege zu innovativem Denken und Handeln. Mehr…

Dax
Tec
Dow
Nas
09.02.2010 | 17:45
Dax 5.498,26
+0,24 %
 
        Vortag
10.02.2010 | 08:29
Name Kurs in %
DAX 5.498,26 +0,24%
TecDAX 784,18 +1,64%
MDAX 7.289,16 +0,59%
SDAX 3.557,03 +0,21%
REX 378,94 +0,02%
Eurostoxx 50 2.668,43 +0,16%
Dow Jones 10.058,60 +1,52%
Nasdaq 100 1.753,84 +1,09%
S&P500 1.070,52 +1,30%
Nikkei225 9.963,99 +0,31%
EUR/USD 1,3768 −0,20%
Rohöl Brent Crude 71,82 $ −0,25%
Gold 1.071,25 $ +0,68%
Bund Future 123,31 € −0,11%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche