Von Christoph Ruhkamp
05. November 2009 General Motors will Opel nun doch behalten. Sechs Monate intensiver Verhandlungen – so scheint es – waren vergeblich. Spitzenpolitiker, Investmentbanker und Manager verschiedener Konzerne haben ihre Zeit verschwendet und manche Nacht im Kanzleramt vergeblich durchwacht. Besonders peinlich ist das für Angela Merkel, da die Bundeskanzlerin General Motors stets dazu gedrängt hat, Opel an den Autozulieferer Magna zu verkaufen.
Immer wieder urteilte die Kanzlerin, Magna habe das beste industrielle Konzept“, und mischte sich so in die Zukunftsplanung eines einzelnen Unternehmens ein. In einer Marktwirtschaft zählt das eigentlich nicht zu den Aufgaben einer Regierungschefin, auch nicht im Wahlkampf. Nicht zuletzt, weil Merkel sich in die Geschäftswelt begab, ist der Vorstoß wohl gescheitert. Konsequenzen zieht die Kanzlerin nicht daraus. Sie nimmt keinen Abstand von der Politisierung des Unternehmens Opel, sondern kündigt im Gegenteil neue Gespräche mit dem amerikanischen Präsidenten Obama an.

Dieser jedoch hatte sich anders als Frau Merkel aus den Entscheidungen von General Motors stets herausgehalten, obwohl dem amerikanischen Finanzministerium die Mehrheit der Anteile an dem seit der Insolvenz verstaatlichten Autokonzern gehört. Offiziell begründet das Unternehmen aus Detroit seinen Sinneswandel bei Opel mit der zuletzt verbesserten Marktlage in Europa und der strategischen Bedeutung der Marke Opel. Niemand glaubt jedoch, dass dies wirklich der entscheidende Punkt war. Denn dass der staatlich finanzierte Abwrack-Boom auf dem Automarkt in Europa sich spätestens im kommenden Jahr in einen starken Absatzrückgang verwandeln wird, steht schon jetzt fest. Es war vielmehr eine vielschichtige Gemengelage, die den Verwaltungsrat von General Motors zu der Entscheidung getrieben haben dürfte.
GM hatte wohl auch Bedenken gegen Technologietransfer nach Russland
So mussten die Amerikaner unter anderem befürchten, dass nach den heftigen Protesten der Regierungen Englands und Spaniens die EU-Kommission ohnehin ihr Veto gegen den Verkauf einlegen würde, da er das Wettbewerbsrecht verletzt hätte. Schließlich hatte die Bundesregierung mehrfach klargemacht, dass die geplanten Staatskredite über 4,5 Milliarden Euro an die Bedingung geknüpft waren, alle deutschen Opel-Standorte zu erhalten. Erst später wurde dies bestritten. Zur Entscheidung von GM dürften außerdem die anhaltenden Bedenken über einen unkontrollierten Technologietransfer nach Russland beigetragen haben. Auch wenn noch offen ist, wie General Motors die Sanierung von Opel in Eigenregie finanzieren will, wollte der Konzern offenbar schlicht wieder die Zügel in die Hand nehmen. Dies schien umso wichtiger, als sich das Image der Amerikaner in Deutschland von Tag zu Tag verschlechterte, ohne dass sie die Entwicklung bei Opel überhaupt noch wirklich in der Hand gehabt hätten.
Für den Steuerzahler in Deutschland ist die Wende bei Opel eine gute Nachricht. Denn selbst wenn General Motors auch für seinen neuen Plan noch auf staatliche Hilfe aus Berlin angewiesen sein sollte, dann wird diese zumindest um eineinhalb oder zwei Milliarden Euro geringer ausfallen als bisher vorgesehen. Angesichts der ohnedies schwierigen Haushaltslage ist dies sehr zu begrüßen, man muss dem General-Motors-Verwaltungsrat beinahe dankbar dafür sein.
Bochum und Eisenach gefährdet
Und auch für das Unternehmen Opel als Ganzes könnte sich der Verbleib bei General Motors noch als Glücksfall erweisen. Denn dass das Heil des Unternehmens allein in der Eigenständigkeit läge, wurde nur oft wiederholt, aber niemals gut begründet. Statt einer komplizierten Lösung mit insgesamt vier verschiedenen Eigentümern, darunter auch die Beschäftigten, gibt es nun klare Verhältnisse. GM-Chef Henderson ist in Rüsselsheim wieder der Herr im Haus. Zwar wird er auch bei der Sanierung in Eigenregie politische Rücksichten nehmen müssen. Diese fallen aber geringer aus als bei der bisher erörterten Lösung. Und Opel kann die Größenvorteile der Produktion nutzen, die nur im Verbund mit einem globalen Konzern anfallen.
Zu den Verlierern der neuen Lage zählt vor allem ein Teil der Beschäftigten an den deutschen Standorten. Denn GM wollte nach seinem ursprünglichen Sanierungsplan drei Standorte schließen. Dazu gehören neben Antwerpen auch Bochum und Eisenach. In den beiden deutschen Städten geht es um fast 7000 Arbeitsplätze in zwei ohnehin strukturschwachen Regionen. Entsprechend heftig fallen die Reaktionen der betroffenen Ministerpräsidenten aus, die GM mit dem Entzug des schon gewährten Milliardenkredits drohen (siehe Berlin empört über General Motors).
Doch für den größeren Teil der deutschen Beschäftigten dürfte ein sicherer Arbeitsplatz in einem zwar schrumpfenden, aber finanziell gesundenden Unternehmen besser sein als eine unsichere Zukunft in einem staatlich subventionierten Gebilde. Zudem wird ein Teil der Arbeitsplätze, die bei Opel verlorengehen, in naher Zukunft bei Wettbewerbern wie Volkswagen oder Ford neu entstehen. Vielleicht können dann einige der Arbeiter aus Bochum oder Eisenach eine Stelle in Wolfsburg oder Köln finden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS