
Das war die Woche von Klaus Franz. Wieder einmal. Am Mittwoch Privataudienz bei Kanzlerin Angela Merkel in Berlin. Am Donnerstag Großdemo in Rüsselsheim mit Ministerpräsident Roland Koch im Vorprogramm und anschließendem gegenseitigem Schulterklopfen. Am Freitag Fortsetzung der Europroteste. Und in den Pausen jede Menge Interviews und Kurzstatements.
Der typische O-Ton Franz geht ungefähr so: "Hört auf mit dem Geschwätz von der Insolvenz, das ist geschäftsschädigend." Oder, mit Beschwörungsgeste an die Opel-Arbeiter: "Bleibt bei uns!" Oder, auf die Frage eines englischen Reporters, wie man sich bei Opel jetzt fühle: "We are pissed off."
Seit am späten Dienstagabend vom Mutterkonzern General Motors (GM) in Detroit überraschend die Meldung kam, man werde das deutsche Tochterunternehmen nicht an Magna verkaufen, hat Franz wieder Konjunktur. Man hat ihn den "Mister Opel" genannt - völlig zu Recht. Dabei ist der Mann in Wirklichkeit Betriebsratschef, also vom Gesetz her vorgesehen für die Vertretung der Belegschaft innerhalb eines Konzerns, aber nicht als Ansprechpartner Nummer eins für Politik und übrige Öffentlichkeit. Doch den offiziellen Statthalter von GM, einen scheuen Ingenieur namens Hans Demant, kennt kaum jemand; der Europa-Chef des Konzerns wurde am Freitag in die Wüste geschickt. Und die Treuhandgesellschaft, welche die Opel-Eigentümer repräsentiert, befindet sich im Zustand chaotischer Selbstauflösung.
Verlust der Unabhängigkeit nie verziehen
Schon als vor einem Jahr die "Opel-Rettung" zum politischen Generalthema wurde, hat Franz die offensichtliche Lücke an der Firmenspitze erkannt und den freien Platz gleich einem Vorstandschef raumgreifend besetzt. "Ko-Management" nennt man das, mit ein wenig Understatement, bei der IG Metall. Die Amtsanmaßungen brachten Franz nicht nur einen großen Machtgewinn, sondern auch die einmalige Chance, den Unabhängigkeitstraum von Generationen von Opel-Arbeitern zu realisieren: "Free Opel", zu Deutsch: Los von Amerika.
Um diesen Traum zu verstehen, ist ein kurzer Blick in das Geschichtsbuch hilfreich. Der Opel war einmal so etwas wie ein erster deutscher Volkswagen. Nachfahren des Firmengründers Adam Opel hatten von Henry Ford die Idee der Fließbandproduktion abgeguckt und Autos, welche die erstarkende Mittelschicht der Weimarer Zeit sich leisten konnte (den Opel "Laubfrosch"), vom Band laufen lassen. Doch im März 1929, unmittelbar vor der Weltwirtschaftskrise, machen die Opel-Brüder ordentlich Kasse und verkaufen ihre Fabrik für 154 Millionen Reichsmark an General Motors. Seither ist Opel - in sich wandelnder Rechtsform - eine hundertprozentige Tochter der Herren aus Detroit. Eben eine Marke in einem globalen Konzern.
Den Verlust der Unabhängigkeit haben die Arbeiter (ganz Deutschland nennt sie heute vertraulich Opelaner) den Amerikanern nie verziehen: Ihr Werk sei "an die Dollarimperialisten verschachert" worden, titelte die Traueranzeige einer Arbeiterzeitung schon im Jahr 1929. Daraus wurde rasch der Mythos der guten Deutschen und der bösen Amerikaner, der von Generation zu Generation in den Werksfamilien tradiert wird: hier die pfiffigen Ingenieurstüftler, dort die renditesüchtigen Kostendrücker; hier die Experten, dort die Ignoranten.
Franz spricht gerne von den „Jasagern” in Amerika
"Mythen sind Geschichten, mit denen die Leute sich ihre Herkunft erklären, den gegenwärtigen Zustand ihrer Lebensbedingungen, und die Zukunft ihrer Existenz rechtfertigen", hat der Ethnologe Claude Lévi-Strauss gesagt, der kürzlich gestorben ist. Der Opel-Mythos erfüllt diese Bedingungen allesamt. Auf die Frage, warum man keine Autos verkaufe, lautet die Antwort in Rüsselsheim und Bochum nicht: "Weil die Kunden lieber VW und Toyota kaufen", sondern: "Weil GM uns hindert, die guten Autos herzustellen". Oder mit Klaus Franz: "Wir haben eine Zentralisation wie bei der KPdSU. Das System ist autoritär. Es hat eine Generation von Yes-Men hervorgebracht: von Jasagern."
Franz hat den Mythos nicht erfunden. Er musste ihn nur aufgreifen. Doch er erzählt das so perfekt, dass die Story inzwischen in ganz Deutschland für bare Münze genommen wird: von Politikern (Roland Koch), sogenannten Autoexperten (Ferdinand Dudenhöffer) und Kommentatoren. "GM hat uns über Jahre kaltgestellt und entmachtet", wütet Franz.
Franz lebt diesen Mythos, der keine Denkalternativen zulässt. Niemand denkt mehr darüber nach, ob es vielleicht unlogisch klingt, warum renditehungrige Kapitalisten ausgerechnet am Niedergang ihrer Töchter interessiert sein sollten. Auffällig ist nur, dass die anderen europäischen Opel-Standorte - Spanien oder England zum Beispiel - den Verbleib bei GM in der vergangenen Woche nicht als Katastrophe empfunden haben. Dort kennt man gewiss auch das GM-Papier, wonach es in Zaragoza durchschnittlich nur 19,5 Stunden und in Ellesmere Port 23,2 Stunden braucht, um einen Opel zusammenzubauen. Die tollen Rüsselsheimer benötigen dafür 33,1 Stunden.
Ein paar Monate hat Franz sich als Befreier bejubeln lassen. Den Tag Ende Februar, als GM sich erstmals bereit erklärte, Opel-Anteile abzugeben, hat er sich rot im Kalender angekreuzt. "An diesem Tag wurde Opel neu erfunden." Systematisch hat Franz auf Magna (mit den Russen) als neue Eigentümer gesetzt, die italienischen Bieter (Fiat) und die belgischen Finanzinvestoren ("Keine Ahnung vom Automobilbau") ließ er gezielt verunglimpfen. Endlich war der Traum von einem globalisierten Opel Wirklichkeit geworden, wo deutsche Ingenieure ihrer Phantasie freien Lauf lassen können. Auf die Verkaufszahlen wäre es nicht so genau angekommen, da die Opel-Arbeitsplätze (zumindest die deutschen) von deutschen Steuerzahlern mit 4,5 Milliarden Euro gesponsert worden wären.
Das alles erklärt, warum die Wut bei Franz seit vergangener Woche so groß ist. Sein Traum von einer jugoslawischen Rätefirma, an deren Kapital die Betriebsräte mit 1,5 Milliarden Euro eine Sperrmacht halten, ist geplatzt. Das hat seinen Antiamerikanismus nur noch bissiger gemacht. So sehr, dass er damit sogar die Betriebsratschefs der anderen großen Automobilhersteller in Stuttgart und München nervt.
Hartnäckig leugnet Franz die neue Realität. Opel müsse unter GM in eine "deutsche Aktiengesellschaft" umgewandelt werden, fordert er. Das Unternehmen dürfe künftig "kein Anhängsel von GM mehr sein". Staatsgeld dürfe es nur im Tausch für mehr Mitbestimmung geben. Doch nächste Woche wird GM damit beginnen, in Rüsselsheim wieder das Heft in die Hand zu nehmen. Klaus Franz ahnt, dass er als Interimsvorstand dann ausgedient haben könnte. Deshalb ist er ja so böse.
F.A.S.
Rainer Hank