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Pförtner zum Internet

Der Leipziger Thomas Wagner betreibt mit 500 Mitarbeitern 14 Online-Portale



Der Online-Welt ist nichts lästiger als Stillstand. Das gilt ganz wörtlich für stillstehende Computer, aber ebenso für fehlende Dynamik in der Entwicklung neuer Techniken oder Ideen. Thomas Wagner, der Gründer und Geschäftsführende Gesellschafter des Internet-Vermarkters Unister GmbH in Leipzig, sprüht förmlich vor Einfällen. Sein jüngster Plan ist es, aus der Online- in die Offline-Welt hinauszutreten, seinen bisherigen Weg also umzudrehen. Nach dem Tourismusportal Ab-in-den-Urlaub.de hat Wagner einen eigenen Veranstalter für traditionelle Reisebüros gegründet. Der nächste Schritt ist der Aufbau einer Kette einfacher Hotels in 10 bis 15 Städten. Das Geld für die Neubauten will sich Wagner über die Kapitalmärkte besorgen. Als Vehikel soll Travel24 dienen, ein in Not geratenes börsennotiertes Reiseportal aus München, das Unister kürzlich gekauft und nach Leipzig verlegt hat. "So greift alles ineinander", sagt der 31 Jahre alte Jungunternehmer in seinem Ringelpulli, "die Zukäufe, die Online- und die Offline-Welt, unsere alten und die neuen Märkte."

Es ist nicht leicht, alle Märkte zu überblicken, auf denen Unister tätig ist. Insgesamt unterhalten die Leipziger 14 Portale. Allein im Tourismusgewerbe sind es sechs Marken mit eigenen Internetauftritten. Noch ist das Reisegeschäft der wichtigste Unternehmenszweig, "doch die Finanzprodukte holen auf", sagt Wagner. Geld.de bietet Vergleiche von Krediten, Anlagen oder Baufinanzierungen; Versicherungen.de stellt Versicherungen aller Art gegenüber. Demnächst kommen Boersennews.de und Myimmo.de hinzu.

"Die Finanzen hinken den Reisen im Netz um fünf bis sechs Jahre hinterher", sagt Wagner. Daran sei die Branche selbst schuld, da sie ihre Vertriebswege, etwa über Bankschalter oder Versicherungsvertreter, nicht gefährden wolle. Die Kunden hingegen, denen der unabhängige Vergleich mehr Transparenz biete, seien durchaus bereit, sich im Netz zu informieren und Geschäfte abzuschließen. Wenig Scheu zeigten sie auch gegenüber der Kraftfahrzeugbörse Auto.de, dem Schnäppchenportal Preisvergleich.de oder gegenüber dem virtuellen Heiratsmarkt Partnersuche.de. Seit neuestem versucht sich Unister mit News.de auch als Internetzeitung. Dort seien die Anlaufverluste aber noch hoch, gibt Wagner zu.

Insgesamt bezeichnet der junge Mann das Unternehmen als "seit langem profitabel". Der Umsatz liege im "dreistelligen Millionenbereich". Bisher habe man fast alle Investitionen aus dem Mittelzufluss bezahlen können. Die höchsten Ausgaben fielen für das Marketing an, vor allem für Werbung im Internet. Eigene Gewinne würden wieder investiert, sagt Wagner. Er und seine vier Mitgesellschafter hätten bisher kein Geld aus dem Betrieb entnommen. "Ich bekomme ein Geschäftsführergehalt und verdiene bei weitem nicht das meiste." Zur Stärkung der unterschiedlichen Geschäftsfelder hat Wagner gestandene Manager eingestellt: etwa Ralph Michaelsen von Alltours für den Tourismus oder Dirk Westermann von Signal Iduna für das Finanz- und Versicherungsgeschäft.

Die erfahrenen Führungskräfte sind zumeist deutlich älter als Wagner, der Unister als Studentenportal in einem Leipziger Studentenwohnheim aus der Taufe gehoben hatte. 2005 folgte die Gründung der GmbH mit fünf Gesellschaftern, weshalb Wagner sein BWL-Studium aussetzte. Seitdem ist die Mitarbeiterzahl stark gestiegen auf heute fast 500 Beschäftigte. Die meisten arbeiten in Leipzig, verteilt auf sechs Häuser in der Fußgängerzone. Doch werde Berlin als Standort immer wichtiger, sagt Wagner, da es dort mehr Softwareentwickler und Graphiker gebe und solche Fachleute ungern nach Leipzig zögen. Gut zu sprechen ist der gebürtige Dessauer auf die Sachsen derzeit nicht. Der dringend benötige Neubau in der Innenstadt verzögere sich unnötig, moniert er, südlich von Leipzig hätten Anwohner und Naturschützer ein Unister-Projekt zu Fall gebracht. Sie waren dagegen, dass Wagner an einem künstlichen Tagebausee für 40 Millionen Euro ein Golfhotel mit 200 Mitarbeitern errichtet.

Unister wächst nicht nur aus sich selbst heraus, sondern kauft auch fleißig zu. Im November übernahmen die Leipziger für fast 900 000 Euro Kredit.de von der Abacho AG. Im Februar kam Shopping.de für einen noch höheren Betrag hinzu. Daraus will Wagner ein virtuelles Kaufhaus entwickeln für Waren aller Art vom Parfüm bis zum Fahrrad. "Unser Vorbild ist weniger Karstadt als Amazon", sagt er verschmitzt. Unister selbst war auch schon Ziel fremder Kaufinteressen, aber Kassemachen wollen die Gründer derzeit ebenso wenig, wie an die Börse zu gehen.

Bei allem Erfolg sieht Wagner Unister nach wie vor "als eine Art Start-up mit viel Improvisation". Zwar hat er das Studentenportal längst eingestellt und nutzt das Unister-Logo mit dem Graduiertenhut nur noch als Marke. Aber zumindest er selbst habe sich kaum verändert, wohne weiter in einer Wohngemeinschaft, gehe mit ehemaligen Schulkameraden zelten. Allerdings bleibt kaum Zeit für Hobbys oder Freunde. "So gesehen, ist das süße Studentenleben lange vorbei", sagt Wagner. Das hat er sogar schriftlich: Im vergangenen Jahr exmatrikulierte ihn die Universität Leipzig wegen seiner langen Abwesenheit. CHRISTIAN GEINITZ

Text: F.A.Z.