China

Der größte Luxus ist das zweite Kind

Von Petra Kolonko

Rangelnde Kinder in Peking: Chinas neuer Mittelstand leistet sich ein zweites Kind

Rangelnde Kinder in Peking: Chinas neuer Mittelstand leistet sich ein zweites Kind

24. März 2004 Zhou Jun hat den Aufstieg geschafft, aus der Provinz in die Hauptstadt, vom kleinen Angestellten zum wohlhabenden Selbständigen. Er besitzt eine Eigentumswohnung in Peking und ein Auto, seine Frau kann es sich leisten, nur Teilzeit zu arbeiten, und sein fünf Jahre alter Sohn geht in den teuersten Kindergarten des Wohnviertels. Fragt man Zhou Jun, was ihm jetzt noch zum Glück fehlt, ist die Antwort: ein zweites Kind.

Für viele Eltern aus Chinas neuer Mittelklasse ist der größte Luxus, den man sich leisten würde, wenn man denn dürfte, ein zweites Kind. Seit mehr als zwanzig Jahren haben sich die städtischen Familien in China brav an die Ein-Kind-Politik gehalten. Im Gegensatz zum Land, wo die Bauern zwei Kinder haben dürfen und mehr Kinder nicht selten sind, ist die Ein-Kind-Familie in Chinas Städten die Regel. Mit der Parole „Ein Kind ist genug“ ist eine ganze Generation großgeworden. Als „grundlegende Politik Chinas“ wurde die Ein-Kind-Familie seit den achtziger Jahren propagiert, seit fast zwei Jahren ist sie Gesetz.

Ausländischer Paß erlaubt mehrere Kinder

In China, einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern, leben die Städter in drangvoller Enge. Auch mit der Familienplanung wächst Chinas Bevölkerung jedes Jahr um zehn Millionen Menschen. Mit diesen Argumenten und mit Strafandrohungen haben sich die Städter von der Ein-Kind-Politik überzeugen lassen. Offiziell heißt es, die Geburtenkontrolle habe 300 Millionen Kinder verhindert. Im Zuge der Modernisierung aber, in der auch in China das private Glück großgeschrieben werden darf, kommen manche Eltern auf den Gedanken, daß es schön wäre, noch ein Kind zu haben.

Nicht wenige von Chinas jungen Elitestudenten, die sich ein Auslandsstudium leisten konnten, haben im Ausland geheiratet und dort Kinder geboren oder sich um einen ausländischen Paß bemüht, damit sie sich nach ihrer Rückkehr nicht mehr an die Ein-Kind-Politik halten mußten. In den teuren Vororten Pekings und Schanghais leben Chinesen mit amerikanischem, deutschem oder australischem Paß, die alle zwei oder mehr Kinder haben und stolz darauf sind. Die Auslandsrückkehrer sind allerdings eine Minderheit. Der Mittelstand ohne ausländischen Paß muß sich noch immer den staatlichen Vorschriften fügen. Doch sind die Familien des neuen Mittelstands die ersten, die es sich leisten können, über ein zweites Kind überhaupt nachzudenken. Ein gutes Einkommen und reichlich Rücklagen sind Voraussetzung für den Kinderwunsch in China.

Jedes Kind kostet viel Geld

Es sind nicht nur die Ausgaben für Essen und Kleidung - von Anfang an kostet das Kind im sozialistischen Erziehungssystem viel Geld. Da es die Regel ist, daß beide Ehepartner arbeiten, muß von der Geburt an für Betreuung gesorgt werden. Die meisten Eltern ziehen es vor, ihre Kinder in Krippen und Tagesstätten zu geben, da sie glauben, daß sie dort auch „etwas lernen können“. Zudem beginnt vom Kindergarten an der Konkurrenzkampf. Das Kind muß in den besten Kindergarten, um in die beste Grundschule und später in die beste Mittelschule zu kommen, um Chancen auf die Universität zu haben. Je besser der Kindergarten, desto höher die Gebühren und um so höher die „freiwillige Spende“, die jeder für die Aufnahme der Kinder leisten muß. Zhou Jun hat dem Kindergarten seines Sohnes 20.000 Yuan (etwa 2000 Euro) gespendet. Das entspricht dem Jahresverdienst eines kleinen Angestellten.

Mit zunehmendem Alter des Kindes wird das Erziehungssystem immer teurer. Für die Grundschule, für die Mittelschule, für die Oberstufen - fast überall müssen hohe Studien- und Aufnahmegebühren gezahlt werden. Angesichts dieser Kosten überlegt sich jeder, ob er noch ein zweites Kind haben will. „Die Regierung versucht, auch auf diesem Weg die Geburten einzuschränken“, schimpft etwa Frau Li, eine Pekinger Büroangestellte. Sie hätte auch gern ein zweites Kind, doch sie weiß, daß sie es sich mit einem Familienverdienst von 5000 Yuan im Monat nicht leisten kann.

Strafgeld für das zweite Kind

Seit China zur Marktwirtschaft wird, haben für die gut Verdienenden auch die staatlichen Strafen und Einschränkungen, die bei der Geburt eines zweiten Kindes drohen, viel von ihrem Schrecken verloren. Die Geburt eines zweiten Kindes wird mit einer Geldstrafe geahndet, die seit dem Bevölkerungsgesetz von 2002 als „Prämienzahlung in einen staatlichen Kinderfonds“ bezeichnet wird. Sie wird von den örtlichen Behörden festgesetzt. Im Fall von Zhou Jun wären das etwa 20.000 Yuan, die er sich leicht leisten könnte. Danach wird den zweiten Kindern der Eintritt in das öffentliche Erziehungssystem verwehrt, doch mittlerweile gibt es überall Privatschulen und private Universitäten, die gegen gutes Geld alle Kinder aufnehmen. Auch der Mangel einer betrieblichen Krankenversicherung kann heute mit privater Vorsorge ausgeglichen werden. Am wirkungsvollsten ist noch immer die Vorschrift, nach der staatliche Angestellte und Kader der Partei kein zweites Kind haben dürfen, denn in vielen Familien bleibt immer noch ein Ehepartner in staatlicher Anstellung, der Sicherheit wegen. So müßte sich Zhou Juns Frau überlegen, ob sie ihre Halbtagstelle als Computer-Programmiererin in einer Schule und damit eine sichere Rente und Krankenversorgung aufgibt.

Nach offiziellen Angaben soll die Ein-Kind-Politik noch bis zum Jahr 2010 beibehalten werden. Chinesische Bevölkerungswissenschaftler aber warnen schon vor einer Überalterung der Gesellschaft und verweisen auch auf die wachsende Zahl der städtischen Paare, die keine Kinder haben wollen. Die Städte Peking und Schanghai haben schon die Bestimmungen gelockert. So darf man nach einer Scheidung in der zweiten Ehe noch ein Kind bekommen. Am bedeutendsten aber ist die Neuregelung, nach der in den beiden Metropolen nun Paare, bei denen Mann und Frau Einzelkinder sind, zwei Kinder haben dürfen. Die Ältesten aus der Generation der Einzelkinder sind jetzt Anfang zwanzig und kommen ins Heiratsalter. Die Einzelkind-Generation wird, wenn dieses Beispiel sich im ganzen Land durchsetzt, zwei Kinder haben dürfen. Für Zhou Jun und seine Frau trifft keine der Ausnahmeregeln zu. Noch scheuen sie vor dem großen Schritt zurück. Sie wollen abwarten, ob sich die Vorschriften nicht bald noch weiter ändern.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2004, Nr. 72 / Seite 9
Bildmaterial: AP, F.A.Z.

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