„Designer ABC“

F wie Fürstenberg

Von Alfons Kaiser

Die 60 Jahre sieht man Diane von Fürstenberg nicht an

Die 60 Jahre sieht man Diane von Fürstenberg nicht an

09. September 2007 Wenn sie in der Stadt ist, wohnt sie unter einer Glaskuppel. Über ihrer neuen Zentrale im Meatpacking District in Manhattan hat sich Diane von Fürstenberg eine Privatwohnung einrichten lassen. Aus der gläsernen Kuppel kann sie nun hinunterschauen auf ihre Stadt und ihr Leben. Denn hier, an der Ecke von vierzehnter Straße und Washington Street, rundet sich ihre Karriere, die Anfang der Siebziger blitzartig begann, dann ruhig verlief und nun in einer Geschwindigkeit wieder anhebt, wie sie selbst in der boomenden Luxusbranche selten ist. Und hier fügt sich ihr wechselvolles Leben in die Entwicklung eines Stadtteils, den man noch vor zehn Jahren nach Einbruch der Dunkelheit nicht betreten hätte.

Das Zentrum ihres Modelebens lag bis zum Jahr 2007 etwas weiter südlich, in der zwölften Straße. Dort wurde es wegen ihres Comebacks im neuen Jahrtausend so eng, dass sie das Town House an die russische Multimillionen-Erbin Anna Anisimova verkaufte. Von 10,5 Millionen Dollar aus dem Erlös erwarb sie das heruntergekommene Backsteingebäude mit den gusseisernen Säulen, das früher die Fleischerei „Gachot & Gachot“ beherbergte. Hier ist sie im Trend angekommen. Schräg gegenüber ist das New Yorker Geschäft von Stella McCartney, drei Häuser weiter der Trendladen „Jeffrey“ - und noch immer zieht in dem alten Fleischerviertel ein strenger Geruch von Schweinen durch die Straßen.

Mit dem Wickelkleid wurde sie berühmt

In den Schaufenstern des Fürstenberg-Geschäfts zeigen sich die Puppen ungerührt angesichts des Gestanks. Sie tragen Wickelkleider. Das „wrap dress“, mit dessen Erfindung Diane von Fürstenberg berühmt wurde und das sie jetzt in immer neuen Varianten wieder auflegt, ist eben für alle Lebenslagen geschaffen. Die weiblichen Fans der Modemacherin schwärmen vom T-Shirt-Gefühl der Jersey- und Seidenkleider, von der einfachen Handhabung, dem lässigen Aussehen und der im Zweifel schmeichelnden Silhouette. Diane von Fürstenbergs berühmteste Erfindung jedenfalls wickelt die Frauen heute wieder ganz neu ein.

Nach einem ungeschriebenen Gesetz der Mode können erst jene Frauen Kleidungsstücke wiederentdecken, die nicht aus eigener Anschauung den Niedergang der ersten Karriere des guten Stücks erlebten. Diane von Fürstenberg nennt noch einen weiteren Grund für die vielen jungen Fans: „Man muss nicht sehr reich sein, um meine Sachen zu kaufen. Daher ist meine Kundin automatisch jünger - und aktiv, unternehmungslustig, lebendig.“ Die Kundin, soll das wohl heißen, ist eine ähnliche Frau wie die Designerin, die noch mit mehr als 60 Jahren schlank ist, gut aussieht und einen dezidierten Charme verströmt, wenn sie sich auf der Couch räkelt, das eine Bein unter das andere legt und sich mit den Händen durch die wallende Mähne fährt, als seien drei Jahrzehnte an ihr vorbeigezogen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Als „Princess“ reizte sie die New Yorker Gesellschaft

Als Diane Simone Michelle Halfin kam die Tochter des russischstämmigen Kaufmanns Leon Halfin und seiner aus Griechenland stammenden Frau am 31. Dezember 1946 in Brüssel zur Welt. Das ehrgeizige und lebenslustige Mädchen ging mit 15 Jahren ins Internat nach England, studierte dann Spanisch in Madrid und Wirtschaft in Genf - wo sie Eduard Egon Peter Paul Giovanni Prinz zu Fürstenberg kennen lernte. Mit ihm zog sie, frisch verheiratet, 1969 nach New York.

Sie war reich, jung, schön und hatte den richtigen Titel: Als „Princess von Furstenberg“ reizte sie die Phantasien der New Yorker Gesellschaft. Ihr Mann, väterlicherseits aus altem Adel, mütterlicherseits aus Geldadel stammend, hatte als junger Banker an der Wall Street beste Beziehungen. Sie schloss Freundschaften mit Künstlern, Prominenten und Politikern - von Andy Warhol, der sie malte, bis zu Henry Kissinger, mit dem sie noch heute gerne über Politik diskutiert.

Die Entwürfe trafen den richtigen Ton

Ihr wichtigster Kontakt aber war die legendäre „Vogue“-Chefin Diana Vreeland. Denn Diane von Furstenberg war interessiert an Mode. Da sie in den Läden immer nur Hippie- oder Polyester-Klamotten sah, kaufte sie sich Jersey-Stoffe, ließ sie in Italien mit Allover-Mustern aus abstrakten und natürlichen Motiven bedrucken, packte drei Stück in einen Koffer und stellte sie der „Vogue“ vor. Vreeland schrieb ihr am 9. April 1970 in einem Brief: „I think your clothes are absolutely smashing!“ Diane, tatendurstig, erlebnishungrig und von ihren zwei kleinen Kindern Alexandre und Tatiana dank Nanny nicht an der Karriere zu hindern, gründete eine Firma. „Und wie wollen Sie das Unternehmen nennen?“, fragte der Rechtsanwalt. „Diane Furstenberg!“ - „Nein, Diane von Furstenberg“, sagte er. „Klingt viel besser!“

Die Entwürfe trafen den richtigen Ton bei den Kundinnen. Zuerst musste sich Diane von Fürstenberg noch Models von einer Modelschule borgen, Egons Freunde zur Schau bitten und die Kleiderlieferungen am Flughafen eigenhändig aufschnüren und umpacken. Aber dann kam ihr, als sie Richard Nixons Tochter Julie im Fernsehen in einer Wickelbluse und einem Rock aus ihrer Kollektion sah, die große Idee ihres Lebens: Warum sollte sie die beiden Teile nicht kombinieren? So erfand sie 1973 das Wickelkleid und kam noch größer heraus. Nur ihrer Ehe tat der sagenhafte Erfolg nicht gut: Sie ließ sich scheiden, verstand sich aber mit Egon, der später ebenfalls als Modedesigner arbeitete und im Jahr 2004 starb, bis zum Schluss gut.

Organisches Wachstum als Sinnbild für ihr Leben

So stürmisch ihre Karriere zunächst verlief - so ruhig wurde es um sie in den Achtzigern. 1997 kehrte sie, nachdem sie einige Jahre in Paris als Verlegerin gearbeitet hatte, nach New York zurück und stieg wieder voll in die Mode ein. Der Erfolg gab ihr Recht. Im Jahr 2007 hatte sie schon zwanzig eigene Geschäfte in aller Welt, und dauernd kommen neue dazu. Der langsame Niedergang ihrer ersten Karriere hat sie aber Vorsicht gelehrt: „Wir passen gut auf, verkaufen nur an ausgewählte Geschäfte, wollen nicht zu schnell wachsen und nicht zu groß werden.“ Nicht einmal am schnelleren Rhythmus der Mode, der ihr monatlich Vor- und Zwischenkollektionen abverlangt und zweimal im Jahr große Kollektionen, verzagt sie. „Die Mode entwickelt sich ja nicht in völligen Gegensätzen. Es ist wie ein Musikstück, das harmonisch fließt, eine sanft fließende Weiterentwicklung.“ Oder wie ihre Ketten-, Ring-, Bambus-, Schlangenhaut-, Leoparden- und Zebramuster: Sie greifen ineinander und winden sich langsam auf den Kleidern nach oben.

Dieses organische Wachstum könnte fast ein Sinnbild sein für ihr Leben. Hoch oben unter ihren Panoramafenstern ist sie nicht nur den Trends in Downtown Manhattan nahe. Sie ist auch ihrem zweiten Mann Barry Diller, den sie im Jahr 2001 geheiratet hatte, näher als je zuvor. Der schwerreichen Medienmanager, der allein im Jahr 2005 angeblich 295 Millionen Dollar verdiente, hat die wie ein Segelschiff geformte Zentrale seiner Internet- und Medien-Firma IAC - das erste Frank-Gehry-Gebäude New Yorks - ganz in die Nähe gesetzt, an den West Side Highway. Aber allzu viel Zeit wird Diane von Fürstenberg mit ihm und ihren beiden Kindern (die in Los Angeles leben) nicht verbringen können. Denn wie ist ihr Lebensmotto? „You´ve got to do something.“ Und dieses Etwas klingt nach ziemlich viel.



Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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