Bevölkerungsschwund

Aufs Festland verweht

Von Florentine Fritzen

Norderney hat nur noch rund 6.200 Einwohner

Norderney hat nur noch rund 6.200 Einwohner

15. Juni 2005 Norderney, im Juni. Die Tür geht auf, zwei blonde Schülerinnen kommen rein, und der Pizzabäcker strahlt. „Hallo, Anna, wie geht es dir heute?“ Die Betonung liegt auf „heute“, denn Anna schaut oft bei „Dinos Pizza“ vorbei.

Daß sie die Margherita ohne Oregano möchte, müßte sie nicht dazusagen. Eben noch saßen die beiden Mädchen auf dem roten Polster des Norderneyer Kurtheaters, jetzt dreht sich die Unterhaltung um Jungs, ums Rauchverbot in der Schule und darum, daß man als Norderneyer ständig Besuch bekommt, den man dann kaum sieht, weil er surft oder Strandwanderungen macht.

Eine schöne Kindheit auf Norderney

Wenn Anna im Sommer die zehnte Klasse an der Norderneyer Gesamtschule abgeschlossen hat, dann wird sie die Insel verlassen. Eine Oberstufe hat Norderney nicht. Ausbildungsplätze gibt es schon, aber nicht in allen Branchen. Wer nicht in den Tourismus, den Einzelhandel oder eine Klinik will, muß aufs Festland. Zwischen 56 und 64 Schüler pro Jahrgang besuchen die Gesamtschule. Früher waren es einmal mehr als doppelt so viele.

„Etwas Schöneres als eine Kindheit auf Norderney kann man sich nicht vorstellen“, sagt Klaus-Rüdiger Aldegarmann, Bürgermeister der Stadt Norderney. Er selbst kam vor gut 30 Jahren auf die Insel, um zu surfen - und blieb. Sein Sohn ist hier aufgewachsen, kannte von klein auf Lachmöwen, Quallen und Wattwürmer, den rotbraunen Leuchtturm beim Flugplatz, das Schiffswrack am Inselende und die Kaninchen in den Dünen. Jetzt studiert er in Frankreich, aber in den Ferien trifft er seine Freunde auf Norderney. „Bis zur zehnten Klasse findet das Leben auf der Insel statt“, sagt Aldegarmann. Das schweißt zusammen. Auf dem Festland leben viele junge Exil-Norderneyer zusammen in Wohngemeinschaften.

Die Insel lebt vom Fremdenverkehr

Als Lehrer für Sport, Arbeitslehre und Politik hat der Bürgermeister seinen Schülern immer gepredigt: „Einmal müßt ihr die Insel verlassen, um die Scheuklappen loszuwerden, wenigstens für drei Jahre.“ Der Preis ist, daß viele nie wiederkommen, vor allem jene, die bessere Berufe ergreifen. „Wir haben hier aber auch Elektrotechniker, die als Hausverwalter arbeiten, weil sie wieder auf Norderney sein wollen.“ Rund 6.200 Einwohner hat die Insel; Anfang der Neunziger waren es 6.700. Die Zahl der Abwanderungen übersteigt die der Zuwanderungen, die Sterbe- liegen merklich über den Geburtenzahlen. im Jahr 2003 standen nach Angaben des Statistischem Landesamts Niedersachsen 119 Todesfälle 79 Geburten gegenüber. Im vergangenen Winter, als keine Saisonkräfte gemeldet waren, lag die Einwohnerzahl sogar nur bei 6072. Weniger als 6000 sollten es nicht werden, sagt Aldegarmann. Nicht, daß am Ende jemand auf die Idee käme, Norderneys Stadtrechte in Frage zu stellen.

Die Insel lebt vom Fremdenverkehr. Die Fischerei ist schon lange weggebrochen. Doppelt so viele Übernachtungen wie die Landeshauptstadt Hannover hatte Norderney im vergangenen Jahr, hat Aldegarmann anhand der auf den Kurkarten gespeicherten Daten ausgerechnet, 3,2 Millionen. Die Norderney-Card bekommt jeder Besucher beim Kauf seines Fährentickets in Norddeich. Auf der Insel muß er sie aufladen; zwischen 80 Cent und 2,70 Euro Kurtaxe zahlt ein Erwachsener je nach Saison pro Tag dafür, daß er Einrichtungen wie die Strände und das Meerwasserwellenbad nutzen darf.

Keine Sandbank in der Nordsee

Die echten Kurgäste aber, die über die Krankenkassen kommen, werden immer weniger. Aldegarmann bleibt trotzdem optimistisch. Der Bürgermeister will nicht mehr nur die typischen Nordseegäste anziehen - Familien mit zwei kleinen Kindern-, sondern auch Kurzurlauber, die verwöhnt werden wollen. Dazu gehöre auch das städtische Angebot, wie es ruhigere und oft autofreie Inseln nicht haben. „Wir wollen nicht bloß eine Sandbank in der Nordsee sein.“ Das ist Norderney, Seebad seit 1797, ohnehin seit langem nicht mehr. Schon Ende des 19. Jahrhunderts führte Reichskanzler Bernhard von Bülow von seiner backsteingotischen Sommerresidenz hinter der Strandpromenade aus die Regierungsgeschäfte. Vor ein paar Jahren hat die Kommune das Staatsbad vom Land Niedersachsen übernommen. Als erstes schloß die Stadt das Freibad hinter dem Weststrand. Der zweite große Verlustbringer, das Kurmittelhaus aus den siebziger Jahren, wird jetzt teilweise abgerissen. „Wir hatten einmal 30, 40 Masseure“, berichtet Aldegarmann. „Jetzt sind es noch drei oder vier.“

Im Vergleich zu Norderney ist das nordfriesische Pellworm in den Worten seines Bürgermeisters Jürgen Feddersen eine „kleine, ruhige, landwirtschaftlich geprägte Insel“. Dorthin kommen jene Familien mit kleinen Kindern, die Aldegarmann nicht mehr als einzige Gäste haben will. Die Zeiten aber, in denen Familien schon im Winter ihren Sommerurlaub auf der Lieblingsinsel buchten, sind vorbei. In den Sechzigern und Siebzigern lebten auf Pellworm etwa 1700 Menschen, 2004 waren es nur noch 1144. Weil der Fremdenverkehr stagniert, ist es schwer, die Einwohnerzahl nach oben zu bewegen. Auf Pellworm gibt es zur Zeit 63 Schüler und 33 Kindergartenkinder. Nach der mittleren Reife verlassen fast alle die Insel. „Sie kommen nicht zurück“, sagt Feddersen. Obwohl viele gerne wollten.

Nur für einen Sommer

Viele Norderneyer haben sich in der Gegend von Norddeich Häuser gebaut - auf der Insel könnten sie sich solche Häuser nicht leisten. „Die erste Fähre morgens ist proppevoll mit Arbeitskräften vom Festland“, sagt Aldegarmann. Ein Drittel der Norderneyer wohnt in preisgünstigen städtischen Wohnungen. Immer wieder ziehen aber auch Leute vom Festland auf die Insel. Die meisten bleiben nur für einen Sommer, arbeiten als Kellner, Zimmermädchen oder Rettungsschwimmer. Andere kommen als Existenzgründer und wollen bleiben. So wie der Bremer Investor, der jetzt das Restaurant an der Weißen Düne übernimmt. Makrelen grillen will er bei Sonnenuntergang und Fackelzüge organisieren.

Andere haben sich schon eingelebt wie Kirsten, die aus Nordrhein-Westfalen stammt und jetzt in einem der neun Norderneyer Friseurläden arbeitet. Über einen Mangel an jungen Menschen auf der Insel könne sie sich nicht beklagen. „Da sind aber viele Saisonkräfte dabei. Dadurch sind die Kontakte oft oberflächlich.“ Aber doch eng genug für die Gerüchteküche: „Wenn samstags was ist oder auch eigentlich nichts, weiß es montags die ganze Insel.“

Ehen halten hier länger

Eine besonders enge Gemeinschaft bilden auch die Helgoländer. Sie verbindet vor allem die Flucht vor den Touristenmassen. Von den 485.000 Besuchern im vergangenen Jahr übernachteten nur ein Zehntel. „Der Rest ist Tagestourismus“, sagt Bürgermeister Frank Botter. „Davon leben wir.“ Manchmal muß man sich auf der eigenen Insel verstecken. Denn die Tagesgäste kommen nicht zum Baden oder Wandern. Sie wollen zollfrei einkaufen. Auf Helgoland leben 1547 Menschen, 1994 waren es 1702. „Bis 1995 hatten wir noch die Bundeswehr hier“, sagt der Bürgermeister. „Mit den Berufssoldaten, die sich hier melden mußten, haben wir 90 Einwohner verloren.“ Wenn sich die Zahlen noch weiter nach unten bewegten, werde sich die Insel irgendwann nicht mehr finanzieren können. Noch produziert Helgoland seinen eigenen Strom, macht Meerwasser zu Trinkwasser und versorgt 90 Prozent der Haushalte mit Fernsehen.

Die Bürgermeister trösten sich damit, daß die Menschen in der Nordseeluft besonders alt werden. 2004 waren 60 Norderneyer im 90.Lebensjahr und älter. Im Terminkalender des Pellwormer Bürgermeisters Feddersen stehen in diesem Jahr acht goldene und zwei diamantene Hochzeiten. Auf Helgoland gibt es noch einen anderen Lichtblick: Das Alfred-Wegener-Institut baut den Forschungsstandort Helgoland aus. Seit 1892 ist die Insel meeresbiologische Forschungsstätte. Neue Mitarbeiter bedeuten neue Einwohner. Und wer weiß: vielleicht heiratet der eine oder die andere auch eine Helgoländerin oder einen Helgoländer. Die Zukunftsaussichten für die jungen Paare wären gut: Auf den Nordsee-Inseln halten Ehen länger.

Text: F.A.Z., 16.06.2005, Nr. 137 / Seite 7
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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