Deutsche Weine

Amerika im Riesling-Hype

Von Christian von Hiller

10. Juni 2003 Deutsche Winzer sind in diesen Tagen schwer zu erreichen. Die einen präsentieren in Tokio, die anderen touren durch Amerika. So reist Jochen Becker-Köhn, Verkaufschef des Weinguts Robert Weil im Rheingau, schon zum zweiten Mal in diesem Jahr durch Amerika. Er kommt gerade aus San Francisco und Los Angeles, ist gerade in einem Hotel in Las Vegas und fast schon wieder auf dem Weg nach Chicago, New York und Washington. "Wir präsentieren gerade unseren Jahrgang 2002", berichtet Becker-Köhn. "Normalerweise machen wir das im September, aber weil unsere Weine hier ausverkauft sind, ziehen wir das vor."

Deutscher Wein, vor allem wenn es sich um Riesling handelt, ist derzeit häufig ausverkauft. Keine Frage, deutsche Winzer sind wieder wer. Die Branche spricht schon vom "Riesling-Hype". Nicht einmal das deutsche Nein zum Irak-Krieg bremste den Boom. Amerikanische Händler kaufen, was die Keller hergeben.

Der Jahrgang 2001 ist ein bleibender Wert

Vor allem der einflußreiche Kritiker Robert Parker lobt Riesling in höchsten Tönen. Ende Dezember erschien in seinem Blatt "The Wine Advocate" ein langer Artikel mit dem Fazit: "In 100 Jahren wird man sich an den 2001 als einen Jahrhundertjahrgang erinnern." Einige Weine - von Robert Weil im Rheingau und Selbach-Oster an der Mosel - bekamen 99+ Punkte. Eine sensationelle Bewertung. Damit liegen sie knapp unter der Höchstnote von 100 Punkten, die bislang den großen Bordeaux - Lafite Rothschild, Leoville Las Cases, Margaux oder Latour - vorbehalten war.

"Das tut einfach gut", freut sich Barbara Selbach, Frau von Winzer Johannes Selbach, der gerade in Fernost ist. "Parker und Wine Spectator haben schon Wirkung gezeigt", räumt sie ein. Davon profitierte das Weingut wenig. "Der Jahrgang 2001 war bei uns sowieso schon so gut wie ausverkauft."

Besonders gut zu asiatischer Küche

Mit der Wiederentdeckung der deutschesten aller Reben wird ein Stück Gerechtigkeit wiederhergestellt. Denn vor einem Jahrhundert war deutscher Riesling so angesehen wie Roter aus dem Bordeaux. Doch andere Moden und die Flucht in billige Massenweine ramponierten das Image des deutschen Weins. Als Fusel, "cheap and sweet", gilt er heute noch in England.

Nun spielen sich vor allem Edelsüße von der Mosel oder aus dem Rheingau zurück in die weltweite Oberklasse. Aber auch Spätlesen und Kabinett stehen bei Amerikanern hoch im Kurs, wenn sie nicht allzu trocken ausgebaut sind. "Die Amerikaner mögen fruchtige Weine, die gut zum Essen passen", weiß Barbara Selbach. Gerade zu asiatischer Küche, zu Fisch und Gewürzen wie Ingwer passe der Riesling wie kein anderer.

Warnung vor Mode-Chardonnay

Das kann Johannes Leitz bestätigen. Ihm gehört das Weingut Josef Leitz in Rüdesheim. "Zu Sushi oder zu thailändischer Küche ist Riesling einfach ein Traum." Auf seiner letzten Reise hat er in San Francisco ein Thai-Restaurant gesehen, das seine Gäste warnt: Es werde zwar auch Chardonnay ausgeschenkt, aber er passe einfach nicht zu den Speisen.
Moden gab es im Weingeschäft schon viele. Chardonnay war jahrelang unvermeidlich. Danach kam der Grauburgunder, vor allem als er als Pinot Grigio kredenzt wurde. Deshalb fürchtet Erlfried Braatz, Mitglied der Geschäftsführung der Sektkellerei Henkell&Söhnlein, daß der Riesling-Hype bald vorüber sein könnte: "Nach zwei, drei Jahren kommt ein neuer Trend", warnt Braatz.

Diese Modewellen haben System, mutmaßt denn auch Philipp Schwander, Direktor des Weinhauses Albert Reichmuth in Zürich, in einem Zeitungsartikel: "Als Journalist ist Parker gezwungen, neue Weine zu entdecken, um die Leserschaft bei der Stange zu halten."

Riesling-Boom für die nächsten Jahre

Das bekam das Bordeaux zu spüren. Dort ist bereits von "Parker-Weinen" die Rede und gar von einer "Parkerisierung": Der Mann bevorzugt eben wuchtige, tanninreiche Rotweine. "Für einen ehrgeizigen Winzer ist es von Vorteil geworden, einen Wein hervorzubringen, der einen vollen Körper hat und sich bereits wenige Monate nach der Vergärung möglichst zugänglich präsentiert", meint Schwander. Solche Präferenzen verändern unter Umständen ganze Weinregionen und drohen ihnen ihre Unverwechselbarkeit zu nehmen. So wundert es, daß Parker Riesling-Güter, die hier zur Spitze zählen, nicht einmal erwähnt.

Auch Becker-Köhn ahnt, daß der Riesling-Boom nicht von Dauer ist: "Ich denke, daß er noch zwei bis drei Jahre dauern wird." Diese Zeit will das Weingut Robert Weil nutzen. "Wir müssen uns als Marke so etablieren, daß wir von Trends unabhängig werden." Denn Riesling werde nicht völlig verschwinden, wenn andere mehr in Mode sind. Das Weingut produziert zwar 480000 Flaschen im Jahr und ist damit eines der größeren im Land. Trotzdem beträgt der Exportanteil nur 20 Prozent.

Jetzt kommt der Boom nach Deutschland

Andere haben sich schon voll auf Amerika eingestellt. Johannes Leitz etwa setzt 80 Prozent seiner Produktion in den Vereinigten Staaten ab. "Wir könnten locker doppelt soviel exportieren", sagt Leitz. "Aber vor einer zu großen Abhängigkeit warnt uns unser Steuerberater." Dabei muß es zu einem harten Rückschlag nicht kommen. "Der Hype begann vor vier Jahren schon", meint Leitz. Parker ist im Grunde relativ spät auf den Riesling-Boom aufgesprungen. Aber er hat dennoch Gutes bewirkt: So haben ihn auch die deutschen Verbraucher bemerkt.

Die guten Zeiten wollen alle nutzen. Seit 1991 verkauft Leitz in Amerika. Den Erfolg nutzt er, um seinen Betrieb auszubauen. Vor fünf Jahren bewirtschaftete er 4 Hektar. Heute sind es schon 13. Mehr traut er sich zur Zeit nicht zu. "Ich will zwar nicht zu schnell wachsen", sagt er. "Aber es wäre doch eine Sünde, eine solche Chance auszulassen."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.06.2003, Nr. 23 / Seite 34
Bildmaterial: F.A.Z.

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