Gesellschaftsstudie

„Prekariat“ statt „Unterschicht“

Von Uta Rasche

16. Oktober 2006 Lange Zeit war der Begriff „Unterschicht“ verpönt, gerade unter Sozialdemokraten - nun hat sich der SPD-Vorsitzende Kurt Beck getraut, ihn wieder in den Mund zu nehmen. „Es gibt viel zu viele Menschen in Deutschland, die keinerlei Hoffnung mehr haben, den Aufstieg zu schaffen. Sie finden sich mit ihrer Situation ab. Sie haben sich materiell oft arrangiert und ebenso auch kulturell“, hatte er jüngst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt. „Deutschland hat hier ein zunehmendes Problem. Manche nennen es 'Unterschichten-Problem'.“

Sicher hat er nicht beabsichtigt, daß die SPD-Linke um Ottmar Schreiner diese Diagnose dazu nutzen würde, um die von der rot-grünen Bundesregierung unter Schröder beschlossenen Hartz-Gesetze als Ursache dafür zu geißeln. Vielmehr bezog sich Beck auf eine noch unveröffentlichte Studie der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), nach der acht Prozent der Menschen in Deutschland jegliches Streben nach sozialem Aufstieg verloren hätten, und zwar vier Prozent im Westen und 20 Prozent in den neuen Bundesländern.

„Gesellschaft im Reformprozeß“

Frank Karl, Leiter der Abteilung gesellschaftspolitische Information der FES in Bonn und Autor der Studie, hatte gar nicht vor, grundlegende Gesellschaftskritik zu betreiben - sein Ziel war, die Arbeit der Stiftung zu optimieren und deren Zielgruppen genauer zu definieren. Das Wort „Unterschicht“ kommt in dem 800 Seiten starken Werk, das in acht Wochen im Dietz Verlag veröffentlicht wird, gar nicht vor. „Gesellschaft im Reformprozeß“ lautet der Titel der Untersuchung, für die das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest von Februar bis April dieses Jahres 3021 Personen befragte.

Die Forscher versuchten, Gruppen zu definieren, die sich nicht nur aufgrund des Einkommens voneinander unterscheiden, sondern vor allem anhand von Einstellungen, Werten, Bildung und dem Interesse an politischen Prozessen. Die Gruppe, die in der Debatte nun als „Unterschicht“ bezeichnet wird, nennt Karl das „Prekariat“ - Menschen, deren sämtliche Lebensumstände unbefriedigend sind: arbeitslos, schlechte formale Bildung, eventuell alleinerziehend oder chronisch krank, mit schlechten Zukunftsaussichten.

Aufteilung nach Arbeitssituation

Am anderen Ende der Skala stehen die „Leistungsindividualisten“, etwa elf Prozent der Bevölkerung. Sie sind hoch gebildet und optimistisch, haben gute Jobs und großes Zutrauen in die eigene Kompetenz. Oftmals sind sie Aufsteiger. Dadurch unterscheiden sie sich von den „etablierten Bildungsträgern“, die Karl auch als „klassisches Bürgertum“ bezeichnet (15 Prozent). Sie führen die Tradition ihrer Familien fort. Etwa neun Prozent der Bevölkerung sieht Karl als „kritische Bildungseliten“, die oftmals in Lehre, Forschung, Publizistik oder Sozialarbeit tätig seien und manchmal unfreiwillig zwischen angestellter und freiberuflicher Tätigkeit wechselten. Das „engagierte Bürgertum“ (zehn Prozent) arbeite häufig im öffentlichen Dienst und vereine eine bürgerliche Herkunft mit einer starken rot-grünen Orientierung und großem gesellschaftlichen Engagement.

13 Prozent der Menschen seien „zufriedene Aufsteiger“ und hätten sich über ihre soziale Herkunft hinausgearbeitet in ein gehobenes Arbeiter- und Angestelltenmilieu. Die „bedrohte Arbeitnehmermitte“ (16 Prozent), großstädtisch und industriell geprägt, bange um ihre Arbeitsplätze und habe Angst vor sozialem Abstieg; die „selbstgenügsamen Traditionalisten“ (elf Prozent) hingegen seien zufriedene Arbeiter, die ihre Lage als sicher einschätzten. Knapp vor dem „Prekariat“ rangieren in der Studie die „autoritätsorientierten Geringqualifizierten“ (sieben Prozent), klassische NPD-Wähler.

Hoher Männeranteil und geringe Mobilität

Das „Prekariat“ zeichne sich aus durch eine „tiefgreifende Hoffnungslosigkeit und Resignation“, sagt Karl. Ihm fehle die Zuversicht, seine Situation aus eigener Kraft verbessern zu können. Insofern unterscheide sich das „Prekariat“ von der „Generation Praktikum“, deren Lebensverhältnisse zwar materiell nicht zufriedenstellend seien, die aber große Chancen habe. „Möglicherweise ist die Resignation eine realistische Einschätzung der Situation“, sagt Karl. Kennzeichen des „Prekariats“ sind ein hoher Männeranteil, geringe Mobilität, eine Nettoeinkommen (pro Person im Haushalt) leicht oberhalb des Sozialhilfesatzes und eine große Unzufriedenheit - kombiniert mit Tatenlosigkeit.

Zwei Drittel der Angehörigen dieser Gruppe seien arbeitslos, und wer Arbeit habe, identifiziere sich nicht mit ihr. „Diese Menschen fühlen sich gesellschaftlich im Abseits und vom Staat allein gelassen, Veränderungsprozesse empfinden sie als zu komplex“, sagt Karl. Sie verlangten nach einem stark regulierenden, eingreifenden Staat, hätten aber weder Vertrauen in dessen Institutionen noch in Politiker. Der Anteil an Nichtwählern wie an Protestwählern sei hoch.

Unabhängig von materieller Lage

Zu etwas anderen Ergebnissen kommt der Soziologe Heinz Bude (Kassel), der kürzlich in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie einen Aufsatz über „Soziale Exklusion und Exklusionsempfinden“ veröffentlichte. Das Hamburger Institut für Sozialforschung hatte eine telefonische Befragung von 1300 Personen finanziert. Bude kam zu dem Schluß, daß „das Gefühl, ausgeschlossen zu sein vom Ganzen der Gesellschaft“, gar nicht unbedingt mit der tatsächlichen materiellen Lage korrespondiere.

Es hänge entscheidend vom Institutionenvertrauen, vom Vertrauen in helfende soziale Beziehungen und vom Gefühl persönlicher Fitness und Leistungsfähigkeit im Vergleich zu anderen ab. Viele Ostdeutsche, deren materielle Lage gar nicht schlecht sei, fühlten sich trotzdem ausgeschlossen - und zwar aufgrund der Überzeugung: „Dieser Staat ist nur für die anderen da.“

Förderung von Sprachfähigkeit und Leistungswillen

Das Schlimmste am „Prekariat“ ist nach Ansicht des Autors der FES-Studie die Einstellung: „Auch der kommenden Generation wird es nicht besser gehen.“ Diese Erkenntnis erschreckte auch den Parteivorsitzenden Beck. „Früher gab es in armen Familien, auch in meiner eigenen, das Streben der Eltern: Meine Kinder sollen es einmal besser haben.“ Kindergärten müßten deren Sprachfähigkeit und Leistungswille fördern, damit Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern die Chance und den Ehrgeiz hätten aufzusteigen.

„Bildung ist das einzige, was den Kindern aus dieser Schicht helfen kann“, sagt auch Karl. Den geringqualifizierten Eltern sei mit Bildung kaum zu helfen, wohl aber mit „Wieder-Gewöhnung an Arbeit“, zur Not auch mit Subventionen. Das „Prekariat“ sei keinesfalls durch die Hartz-Gesetze entstanden, sondern habe sich im Laufe der vergangenen 20 Jahre entwickelt. „Wir haben nur nicht hingeschaut.“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa

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