Ihr drei Millionen, kommt zurück!

05. Mai 2008 WARSCHAU, im Mai

Es ist ein langer, schwarzer Gang, viel zu lang für eine Fußballmannschaft, um in der Halbzeitpause in die Kabinen und rechtzeitig wieder zurück aufs Spielfeld zu kommen. Deshalb finden hier im Stadion X-lecia (Stadion des Zehnten Jahrestages), am rechten Weichselufer im Stadtteil Praga, seit langem keine Fußballspiele mehr statt. Nach 1989 war es dennoch ein wichtiger Ort für alle Warschauer, hatte sich doch hier der riesige "Jarmark Europa" angesiedelt: Polens größter Arbeitgeber nach der Wende und ein zentraler Umschlagplatz für mehr oder weniger lebenswichtige Artikel aus heimischer und asiatischer Billigproduktion.

Auf dem Basar erinnerten ukrainische und weißrussische Händlerinnen, vor allem aber die vielen Vietnamesen daran, dass es in der polnischen Gesellschaft, die in Dörfern und Städten sonst so homogen aussieht, auch Migranten gibt. Die Vietnamesen, immerhin ein Prozent der Warschauer Bevölkerung, bilden eine weitgehend autarke Gemeinschaft. Seit letztem Jahr nun ist das Marktgeschehen auf ein Minimum heruntergefahren worden; die Bauarbeiten für die neue EM-Arena haben begonnen - ein Gebilde, mit dem das alte Stadion so flächendeckend überbaut werden soll, dass es kaum eine Spur hinterlassen wird.

Dass mit der Sportanlage und dem Jarmark Europa nicht nur ein zentraler Teil der postsozialistischen Folklore Warschaus, sondern eine Bühne des polnischen Achtundsechzig verschwinden wird, ist weniger bekannt. Den Ort in Erinnerung zu rufen ist der israelischen Künstlerin Yael Bartana mit ihrem Film "Mary Koszmary" (Träume Albträume) gerade noch gelungen. Da schreitet ein junger Mann im Ledermantel in ein verfallenes Stadion. Weit und breit kein Mensch im gigantischen Rund. Auf den Rängen Wildkraut, meterhoch. Leere und Stille. Der hagere Mann betritt die provisorische Tribüne und donnert sogleich los: "Juden! Landsleute! Leute! Kommt zurück! Wir wollen, dass drei Millionen Juden nach Polen zurückkehren und wieder mit uns zusammenleben. Wir brauchen Euch!"

Der Redner fährt in ungebremstem Eifer fort, prangert die Bigotterie seiner Nation an und erklärt, dass Juden und Polen nur gemeinsam ihre verwickelte Geschichte des Hasses überwinden und eine neue, dynamische, vielfältige Nation schaffen können: "Denn in einer Farbe allein können wir nichts sehen. In einer Sprache allein können wir nicht sprechen. Kommt nach Polen zurück, in Euer - unser Land! Seid dieselben, aber andersartig! Wir fliegen zusammen zum Mond! Kommt zurück, und wir werden Europäer!"

Soll das ein Witz sein? Worum geht es hier? Und wer spricht überhaupt und zu wem? Der junge Mann ist Slawomir Sierakowski, in den Augen vieler die Zukunft der polnischen Linken. Er hat die Rede gemeinsam mit der Publizistin Kinga Dunin für das von der Warschauer Foksal Gallery Foundation produzierte Video verfasst. Es ist eine Montage

aus Metaphern, Bildern, Anspielungen und Formulierungen des sozialistischen Wortschatzes, des Zionismus und der polnisch-jüdischen Geschichtsrhetorik - voller Paradoxa und Widersprüche.

Wie in früheren Arbeiten der 1970 geborenen Documenta-Künstlerin Yael Bartana bewegen sich auch hier die Bilder in zeitlupenhafter Geschwindigkeit. Die Kamera vermisst das Stadion, umkreist den Kopf des Redners, isoliert sein helles Gesicht von den leeren Tribünen und dem verhangenen Himmel. Am oberen Tribünenrand flattern die blauen Planen der vietnamesischen Basarstände im Wind. Eine kleine Schar Pfadfinderjungen und -mädchen, die einzigen Zuhörer, schreiben mit Kreide die Parole "3 000 000 Jews can change the life of 40 000 000 Poles" in großen Lettern auf den Stadionrasen. Als der Redner zu Ende ist, klatschen sie und überreichen Blumen.

Der Film ist von trauriger Ironie. Seine Statik - der leidenschaftliche Redner im Zentrum, die strahlenden Pfadfinder - und die Bewegung der Kamera, die diesen propagandistischen Akt respektvoll einfängt, erinnern an Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" und an das Kino des Sozrealismus. Der Film erinnert aber auch an Propagandafilme, die noch vor 1933 zu jüdischen Siedlungsprojekten in Palästina animieren wollten. Mit dieser Art von propagandistischem Film hat sich die Künstlerin auch in einer Videoarbeit auseinandergesetzt, die auf der letzten documenta zu sehen war.

Bartanas "Mary Koszmary" kommt nun genau zum richtigen Zeitpunkt: Polen erinnert sich an seinen "März", das heißt an die Studentenproteste, die Geburtsstunde der Opposition und ihrer späteren Leitfiguren, aber auch an die antisemitische Hetzkampagne jener Jahre. Noch immer erregt Jan Tomasz Gross' Buch "Angst" die Gemüter, in dem das Ausmaß der judenfeindlichen Übergriffe in Nachkriegspolen deutlich wird und die bis heute andauernde Verdrängung (F.A.Z. vom 16. und 23. Januar). Während Gross aber vor allem von der älteren Generation diskutiert wird und das Feuilleton umtreibt, weckt Bartanas Film die Aufmerksamkeit der nach 1968 Geborenen, der Studenten von 2008.

Er lenkt den Blick auf die Jahre von 1967 bis 1969, als jüdischen Polen unter mehr oder weniger starkem Zwang die Pässe abgenommen und die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Anders als in den letzten Jahren sollen einst Zwangsemigrierte, die nun zurückkommen möchten, keine Schwierigkeiten mehr auf polnischen Ämtern haben und auch ihre Staatsbürgerschaft umstandslos wiederbekommen können. Ministerpräsident Donald Tusk hat zudem angekündigt, dass auch vormals jüdisches Eigentum künftig restituiert werden soll.

Der Film von Yael Bartana erinnert zugleich an einen anderen, besonders finsteren Moment des Jahres 1968. Im September hatte Ryszard Siwiec, ein Katholik und einfacher Mann aus dem Volk, das Stadion X-lecia zu einer Bühne des Protests gewählt, als er sich während eines Erntedankfestes vor hunderttausend Zuschauern mit Benzin übergoss und verbrannte. Siwiec wollte damit gegen die Beteiligung polnischer Truppen am sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei protestieren und lieferte mit seiner Tat das Vorbild für den Studenten Jan Palach, der sich im folgenden Januar auf dem Prager Wenzelsplatz anzündete.

In der Volksrepublik Polen wurde Siwiec' Selbstmord totgeschwiegen. Kameraleute hatten den Vorgang aber ins Bild gesetzt, weshalb das Filmmaterial 1991 von dem Regisseur Maciej Drygas wiederverwendet werden konnte: "Hört meinen Schrei" heißt sein Dokumentarfilm. Verstörend ist dieses Zeugnis nicht nur, weil man sieht, wie ein Mensch in Flammen steht, taumelt und ruft, während Umstehende versuchen, ihm ihre Jacken überzuwerfen, um das Feuer zu löschen. Verstörend ist vor allem, wie auf dem Rasen die geordnete Massenchoreographie der Bauernmädchen und Bauernburschen andauert, als sei nichts geschehen. Es wird getanzt und marschiert in Reih und Glied. Der Parteiführer Gomulka hält eine Ansprache. Es ist derselbe Gomulka, der auch die polnischen Juden dazu aufgefordert hatte, das Land zu verlassen.

Wenn Slawomir Sierakowski in Bartanas Film den Juden nun sein "Kommt zurück!" zuruft und diese Aufforderung damit begründet, die Juden seien schließlich Landsleute und in Polen auch schon deshalb willkommen, weil sie ja gar keine Fremden seien, dann kippt noch die Versöhnungsrhetorik ins unmittelbar Rassistische. Was sollen schließlich die Vietnamesen auf der obersten Tribüne von einer solchen Rede halten? Sobald der Stadionneubau beginnt, werden sie diesen Ort sowieso räumen müssen. Und wie, so fragt sich weiter, steht es um die immer hermetischer abgeriegelte Ostgrenze Polens? So ist noch ein Friedensangebot nicht ohne doppelten Boden und Bartanas Film ein weiterreichender Kommentar auf das problematische Verhältnis zwischen Eigenem und Fremdem. X-lecia ist nicht nur in Warschau, und so vermutet Bartana bereits, dass ihr Film in Israel noch einmal mit ganz anderen Augen geschaut werden wird. "Kommt zurück!", so glaubt die Filmemacherin, wird als Aufforderung an die Palästinenser verstanden werden. STEFANIE PETER



Text: F.A.Z.

 
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