FAZ.NET-Spezial: Der Moshammer-Mord

Der Herr mit dem Hündchen

Von Eva Demski

Großer Auftritt: Rudolph Moshammer

Großer Auftritt: Rudolph Moshammer

16. Januar 2005 Es war das schrecklich falsche Ende eines sorgfältig inszenierten Lebens. Auch seine Verächter, von denen es viele gab, werden spüren, daß die figurenreiche Bühne München einen ihrer liebenswürdigsten Darsteller verloren hat. Allein sein Anblick! Das entschlossen rabenschwarze König-Ludwig-der-Zweite-Haupt mit den diabolisch eingefärbten Augenbrauen, unter denen sehr blaue Augen herausguckten, der stets elegant verpackte, bajuwarisch gestandene Leib, das kristallig-seidige Interieur seines Ladens auf der Maximilianstraße: wahrscheinlich war Rudolph Moshammer der Mensch mit der deutschlandweit größten Wiedererkennbarkeit.

Man brauchte gar nicht zu wissen, was er tat, und viele wußten es tatsächlich nicht. Für sie war er dieser schräge Typ mit der Frisur und dem Hündchen. Als seine Mutter Else noch lebte, war er der schräge Typ mit der winzigen blauhaarigen Mama und dem Hündchen. Das unvergeßliche Trio wurde im Fasching gern kopiert, mit einem Wischmop als Daisy.

Er liebte das 18. Jahrhundert

Das achtzehnte Jahrhundert sei sein liebstes, sagte der überall bekannte Moshammer, von dem man ziemlich wenig wußte. Gerüchte, die natürlich. Sie hatten mit seiner verborgenen Seite zu tun. In einem Interview sagte er, um eine gute Ehe zu führen, arbeite er zu viel, und dabei schaute er ernst und freundlich drein, und kein Härchen stand ihm zu Berge. Er war ein verblüffend gescheiter und sachlicher Gesprächspartner und hatte eine klammheimliche Freude daran, unterschätzt zu werden. Auf meine Frage, was er denke, wenn man über ihn lächle, sagte er, es könnte doch ruhig viel mehr gelächelt werden, meinen Sie nicht?

Er hatte kräftige Arbeiterhände und ließ den Mokka in winzigen Täßchen servieren, die wie das heftig boudoirartige Interieur des Ladens in der Maximilianstraße nicht recht zu ihm paßten. Die Straße wird jetzt ärmer sein, und der ausgestellte Luxus wird ohne die Anwesenheit des Hauptdarstellers hinter seinen Fenstern banal und fade aussehen.
Die Haute Couture mochte er nicht: Was ham d' Frauen denn vom schönsten Minirock, sagte er milde, wenn halt die Füß' nicht danach sind! Das Zeug macht normale Menschen nur traurig, weil's ihnen nicht paßt. Und Mode muß den Menschen stark machen, ja, das muß sie.

Engagement für Obdachlose

Er hatte Menschen gern, und es gelang mir nie, ihm irgendwelche hübschen und bösen Klatschgeschichten zu entlocken. Noch die unmöglichsten Yellow-press-Bewohner hatten einen Platz in seinem Herzen, und er fand freundliche Worte für sie. Sein Engagement für die Obdachlosen der Stadt, für die auch die patente Mama gesorgt hatte, wird jetzt, nach seinem häßlichen Tod, auf seine Ernsthaftigkeit überprüft werden - und man wird Moshammers weltabgewandte Seiten ausleuchten. So ist es üblich, wenn sich einer nicht mehr wehren kann. Seine täglich sorgfältig angelegte Rüstung aus Farbe, Haaren, feinem Stoff und Schmuck wird ihn nun nicht mehr schützen.

Die Obdachlosen liebte er wirklich und trug damit seinem Vater die Liebe nach. Das sind Menschen, sagte er zu mir, die haben den Schlüssel zum Nest verloren. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Keinen Ort mehr zu haben - dieser Gedanke versetzte ihn in leise Panik. Man braucht Geld, sagte er, damit man sich im Alter Hilfe kaufen kann.

Mit „Original“ nur dürftig beschrieben

Er mochte keine Orden, Bigotterie war ihm verhaßt, und Dünkel fand er eine Todsünde. Sein Hündchen, die Mama und das Leben liebte er sehr. Seine Wohltätigkeit war von jener katholisch-lateinischen Art, die den Bedürftigen ganz und gar nicht ähnlich sein will, sie aber so respektiert, wie sie sind. Evita Peron, die den "descamisados", den Hemdlosen, schöne Häuser nur zum Anschauen baute, imponierte ihm.

Moshammer gehörte zu einer aussterbenden Menschensorte, die mit dem Wort "Original" nur dürftig beschrieben ist. Er war ein Legendenbildner, ein ganz öffentlicher Mensch, der sich hinter seiner Unverwechselbarkeit gut zu verstecken wußte. Ich hoffe, daß die Welt ihm jetzt nicht alle seine Geheimnisse entreißt. Es hätte ihm gar nicht gefallen, daß er am Tag seines Todes in wenigen Stunden fünf Jahre älter geworden ist.

München leuchtet jetzt ein bißchen weniger.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.01.2005, Nr. 2 / Seite 14
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Rudolph Moshammer

Mobbing eines Mordopfers

Nach seinem Tod wurde Moshammer von den Medien “entlarvt“

Nicht die DNS, die deutschen Medien haben den Fall Moshammer gelöst: Es war Tötung auf Verlangen. Die Berichterstattung über den Mord an Moshammer ist schwulenfeindlich, schadenfroh und verlogen.

Moshammers Beisetzung

Großer Rummel mit leisen Tönen

Mit schwarzer Schleife: Moshammers Daisy

Rudolph Moshammers schrilles Auftreten sei „eine Flucht aus einer weiten Einsamkeit“ gewesen, sagte der Pfarrer bei der Beerdigung des Modeschöpfers am Samstag in München. 400 Gäste nahmen in der Kirche Abschied, darunter viele Prominente.

Trauer

Tränen an Moshammers Sarg: „Er wird uns sehr fehlen“

Abschied von Rudolph Moshammer

„Es tut mir weh, wie er gestorben ist“, sagte eine Trauernde. Die Münchner nahmen am aufgebahrten Sarg Abschied vom ermordeten Modemacher Rudolph Moshammer.

Verbrechen

Selbstmordgefahr: Moshammer-Mörder in der Psychiatrie

Selbstmordgedanken: Mutmaßlicher Moshammer-Mörder Herisch A.

Wegen akuter Selbstmordgefahr ist der mutmaßliche Mörder des Modezars Rudolph Moshammer in eine Haftanstalt mit psychiatrischer Einrichtung eingewiesen worden. Das hat die Münchner Staatsanwaltschaft mitgeteilt.

Moshammer-Mord

Millionensegen für Münchens Obdachlose?

Blumen und Kerzenlichter vor Moshammers Geschäft

„Gewaltige Summen“ kündigt der Anwalt des ermordeten Modemachers Rudolph Moshammer für die Obdachlosen in München an. Noch ist das Testament allerdings nicht eröffnet.

Genetischer Fingerabdruck

DNA-Analysen: Basis für ein „System Dr. Orwell“?

Forscherin oder Fahnderin? Oder beides?

Union und SPD wollen zur Verbrechensbekämpfung den genetischen Fingerabdruck dem echten gleichstellen und DNA-Analysen ausweiten. Skeptisch bis ablehnend zeigen sich Grüne und FDP.

Kriminalität

Festnahme im Fall Moshammer

Erste Festnahme im Fall Moshammer

Nach dem gewaltsamen Tod des Modemachers Rudolph Moshammer hat die Polizei einen Tatverdächtigen festgenommen. Nach Medieninformationen handelt es sich um einen 25 Jahre alten Iraker.

Mordfall Moshammer

Moshammers Chauffeur fuhr auch für die Stasi

Der langjährige Fahrer und Vertraute des ermordeten Modemachers Moshammer hat früher auch Mitarbeiter der Staatssicherheit chauffiert. Der aus Thüringen stammende Andreas K. bestätigte entsprechende Zeitungsberichte.

Kriminalität

Modemacher Rudolph Moshammer ermordet

Rudolph Moshammer mit Hundedame Daisy

München verliert einen seiner schillerndsten Prominenten: Der Modemacher Rudolph Moshammer ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Er wurde am Freitag morgen tot in seiner Wohnung aufgefunden.

Mordfall Moshammer

Alles Mythos: Moshammers Mode

Dandyhafte Dekadenz: Modemacher Moshammer

Mit seinem Haaraufsatz, seinem bayerischen Charme und ironischem Parlando stutzte Moshammer das Bild des Modefürsten auf die Verhältnisse seines Landes zurück.

Rudolf Moshammer

Ein Münchner Gwachs

Der Modezar winkt auf dem Oktoberfest den Besuchern zu

Rudolph Moshammer war für viele Münchner mehr als nur ein Modeschöpfer oder ein Selbstdarsteller in den Medien. Sein soziales Engagement brachte ihm Sympathien ein und tröstete über manches Ärgernis hinweg.

Mord an Rudolph Moshammer

Erinnerungen an den Fall Sedlmayr

Der Schauspieler Sedlymayr wurde 1990 ermordet

In ihrer öffentlichen Rolle hätten Rudolph Moshammer und der Schauspieler Walter Sedlmayr kaum unterschiedlicher sein können. Doch der gewaltsame Tod des Modemachers läßt Erinnerungen an den Fall Sedlmayer wach werden.

Anzeige

Kredit Vergleich - ab 3,45% eff. p.a.!
Vergleichen Sie hier kostenlos die aktuellen Konditionen der Banken und sehen Sie auf einen Blick die besten Kredite. Schnelle Antwort der Banken!
Kreditbetrag in €
Laufzeit