Von Anna von Münchhausen
08. Mai 2004 Was für Folgen es haben kann, wenn sich ein dänischer Kronprinz entschließt, eine 32 Jahre alte Juristin aus Tasmanien zu heiraten, läßt sich derzeit gut in Mailand beobachten. Dort nämlich wird am Kleid für die Braut gestichelt. Eigentlich, so war durchgesickert, hatte Mary Donaldson an Karl Lagerfeld, womöglich sogar Miuccia Prada gedacht. Aber natürlich hat sich eine Prinzessin in spe an gewisse Regeln zu halten. Buy Danish. So fiel die Wahl auf Uffe Frank, einen dänischen Designer, der schon für Valentino und Armani gearbeitet hat und ein eigenes Atelier in Mailand betreibt. Dänische Korrespondenten dort sollen gebrieft worden sein, den Fünfundvierzigjährigen rund um die Uhr zu beschatten - welche Zeitschriften Frank kauft, in welche Knopfläden er seine Assistentin schickt und zu welchen Stofflieferanten er jüngst Kontakt hielt.
Noch größer ist die Aufregung selbstredend in Kopenhagen. Eine ordentliche Hochzeit bringt im größeren Umkreis jeden Vorsatz von Konsumzurückhaltung zum Einsturz. Da wird bestellt, gekauft, renoviert und herausgeputzt, was das Zeug hält. So sah die Hauptstadt in den vergangenen Wochen denn auch aus - ganze Straßenzüge unter grünen Planen verschwunden, jeder Platz eine Baustelle, jedes Schaufenster ein königliches Foto-Studio, jeder Hoflieferant sowieso in hellster Aufregung.
Bestes Marketing für Prinzen
Dänemark ist die älteste Monarchie der Welt, einem Herrscher mit Namen Harald Blauzahn (um 945 bis 986) sei Dank. Und ausgerechnet diese Monarchie war es, die kürzlich einen Trend schuf: daß nämlich Prinzen marketingmäßig bestens beraten sind, sich nicht unter ihresgleichen Hochwohlgeborenen umzutun, sondern bürgerlich zu heiraten. Prinz Joachim, der zweite Sohn von Königin Margrethe II. von Dänemark, spürte seine Frau Alexandra in Hongkong auf. Und nun wird Kronprinz Frederik Mary Donaldson heiraten. Eine Australierin, Vater Mathematikprofessor, inzwischen emeritiert, Stiefmutter angeblich Krimi-Autorin.
Es geht ein bißchen drunter und drüber, seufzt Christian Eugen-Olsen. Das ist aber auch das Äußerste, was sich der Chef des königlichen Protokolls an Gefühlsausbruch gestattet. Daß Hochbetrieb herrscht im Gylle Pala, gleich neben dem königlichen Palast Amalienborg, teilt sich dem Besucher nach zwei Minuten mit. Den Salon im ersten Stock kennzeichnet eine konsequente Mischung von Stil und Geiz - Biedermeiermöbel plus Rollschrank für die Akten, etwa anno 1956. Die vergoldeten Wandspiegel verdoppeln die Zahl der Beamten und Mitarbeiterinnen noch, die, mit Mobiltelefonen, Handakten und Organizern bewaffnet, hin und herflitzen. Ursprünglich gab es für den dänischen Hof gute Gründe anzunehmen, daß sich das Interesse eher auf Madrid und die Hochzeit von Prinz Felipe und Letizia Ortiz am 22. Mai konzentrieren werde - der Hof so viel dramatischer, die Messe so viel katholischer, das Volk so viel temperamentvoller. Doch nach den Anschlägen vom 11.März scheint es dort nur noch ein Thema zu geben, nämlich Sicherheit. Prompt stürzt sich alles auf Frederik und Mary. Vollendet kontrolliert, legt Eugen-Olsen die Fingerspitzen zusammen und formuliert Grundsätzliches über die heikle Balance zwischen Repräsentation und Diskretion: Wir halten es für völlig unnötig, die königliche Familie zu kommerzialisieren. Aber natürlich zeigt Dänemark Flagge bei einem solchen Ereignis, und davon profitiert das ganze Land. Er selbst profitiert nicht unbedingt davon, sonst wäre die Gesichtsfarbe des Hofmarschalls nicht so grau wie ein nordischer Novembermorgen. Grau vor Sorge. Grau nach etlichen Konferenzen und Terminen. Aus Erfahrung weiß er um Fallstricke und drohende Peinlichkeiten. Ein vergessener halbamtlicher Würdenträger, eine Gattin ohne Platzkarte für die Kirche - die Folgen sind nicht auszudenken. Besonders bevorzugt behandelt wird der australische Botschafter, versteht sich.
5000 geschüttelte Hände, 1000 geküßte Wangen
Gäste zählt Eugen-Olsen nur im Hunderterpack: 350 Teilnehmer beim Empfang für Regierung und Parlament auf Schloß Christiansborg, an die 14000 beim Rock-Konzert im Tivoli, 1200 Geladene bei einer Gala-Vorstellung im Nationaltheater, 800 bei der kirchlichen Trauung, 400 beim gesetzten Dinner auf Schloß Fredensborg. Zählt man alles zusammen, wird das Paar am Ende dieser Woche zirka 5000 Hände geschüttelt und mindestens 1000 Wangenküsse empfangen haben. Soetwas verträgt nur ein intaktes Immunsystem.
Da draußen lauern wilde Tiere, heißt es angemessen beunruhigt auch im Außenministerium. Gemeint ist die reißende Meute von bilderhungrigen, nervenden, fordernden, den letzten Winkel ausleuchtenden Berichterstattern. 2000 Journalisten, Reporter und Kameraleute haben sich angesagt, mehr als beim letzten EU-Gipfel. Die Braut - schon schlaflos? Das Kleid - wie teuer? Der Blumenschmuck - woher eingeflogen? Es gibt nichts, was in diesem Zusammenhang nebensächlich wäre.
Volksgabe aus Prozellan
Jorn Due hingegen, Geschäftsführer der königlichen Porzellanmanufaktur Royal Copenhagen, ist die Ruhe selbst und bester Dinge. Schließlich stammt das Geschenk der Untertanen, Volksgabe genannt, aus seinem Haus. Somit ist dieses Großereignis für ihn das Äquivalent zu ganzseitigen Farbanzeigen quer durch alle Zeitschriften plus kostenloser PR-Kampagne plus Fernseh-Werbezeit. Das Eßgeschirr Flora Danica ist das Aufwendigste, was Royal Copenhagen anfertigt. Königin Margrethe, deren stille Leidenschaft dem Kunsthandwerk gilt, nahm daher kürzlich wieder einmal Platz in Jorn Dues winzigem Büro, rauchte eine Zigarette nach der anderen und skizzierte, wie das Monogramm des jungen Paares auf den Tellern wohl am besten auszusehen hätte. Um nach zirka zwei Stunden und zahllosen verworfenen Skizzenblättern ihr selbstbewußtes Lachen loskollern zu lassen und zu sagen: So kann es bleiben. Finden Sie nicht? Gewiß, Majestät, sagte Jorn Due.
Womit kann man dem hohen Paar noch eine Freude bereiten? Besonders erfolgreich endete diese Überlegung im Kreis Kolding. Einmütig beschlossen die Landwirte dort, am kommenden Freitag keine Gülle auszufahren. Keinen Tropfen, nirgends. Damit ist die Geruchsbelästigung bei der Fernsehübertragung ausgeschaltet. Einfallsreichtum bewies auch die Carlsberg-Brauerei mit ihrem nach geheimer Rezeptur hergestellten Hochzeitsbier, dem Hopfen aus Tasmanien und Malz von Gut Schackenborg beigemischt wurden, wo Prinz Joachim Landwirtschaft betreibt. Prost.
Auf Flieder ist kein Verlaß
Bleibt noch Zeit, einen Blick auf den zentralen Ort des Geschehens zu werfen: Das von Thorwaldsens frommen Aposteln beherrschte Kirchenschiff der Dom Kirke kann Heiterkeit in Form von Girlanden und Blütentuffs durchaus vertragen. Es ist Mai, und daher sollte Flieder eine tragende Rolle in der Dekoration spielen. Doch auf die weißen Dolden ist in Sachen Haltbarkeit kein Verlaß, und so übernehmen vermutlich Lilien, cremefarbene Rosen und lachsfarbene Ranunkeln den Deko-Job. Genaueres will Hof-Florist Erik Buch nicht verraten, man hat seine Lieferanten in den Niederlanden, und auf die ist schließlich Verlaß.
Wenn das Paar endlich zur obligaten Kuß-Szene auf dem Balkon des Schlosses steht, wird auch die Königin erleichtert sein. Sich dreimal zeigen, viermal. Und dann wird es sein wie immer: Margrethe, die Schlotraucherin, wird dem nächststehenden Sicherheitsbeamten die Zigarette in die Hand drücken und sagen: Hier, halt mal. Ich muß noch mal raus.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.05.2004, Nr. 19 / Seite 56
Bildmaterial: REUTERS