Von Matthias Rüb, Bagdad
14. September 2007 Einen Hut trägt hier niemand zum Derby. Es sind ohnedies keine Frauen da, deren Häupter mit einer verwegen eleganten oder auch klassisch strengen Kopfbedeckung geschmückt werden könnten. Pferderennsport im Irak ist, wie so vieles, was sich in der Öffentlichkeit abspielt, reine Männersache.
Da stehen sie nun in großen Trauben vor den Schaltern, manche in Hose und Hemd, die meisten in die traditionelle arabische Dischdascha gewandet, und geben lärmend ihre Wetten ab. Schon bald wird gestartet. Es sind die letzten Rennen vor dem Ramadan, der an diesem Freitag beginnt. Während des Fastenmonats dürfen auch die Pferde ruhen.
Geschrei schwillt zu ohrenbetäubendem Gebrüll an
Die einzige Pferderennbahn des Iraks liegt im Westen Bagdads vor den Toren der Stadt. Sie ist heute ein Bild des Jammers, umgeben von wilden Müllhalden, über die Jungen in zerlumpten Kleidern ihre Schafherden treiben und aus denen beißender Rauch steigt.
An der Zufahrt stehen zwei Wächter mit dem unvermeidlichen Kalaschnikow-Sturmgewehr AK-47. Immerhin, es sind etwa 500 Männer jedes Alters gekommen, und wenn die Araber-Vollblüter um die letzte Kurve der gut zwei Kilometer langen Rennbahn galoppieren und in einer Staubwolke auf die Zielgerade einbiegen, schwillt das Geschrei zu ohrenbetäubendem Gebrüll an.
Insh'Allah, wir werden es schaffen
The Equestrian Club von Bagdad wurde 1920 von den britischen Kolonialherren gegründet, als diese nach dem Ende des Ersten Weltkrieges das Land zwischen Euphrat und Tigris für die Krone Seiner Majestät George V. in Besitz nahmen. Seither hat der Reitclub Revolutionen, Kriege, Diktaturen, Aufstände und Besatzungen überstanden.
Und so wird es auch jetzt sein, sagt Louay as Saidi, der Direktor des Clubs, der den Besucher in seinem klimatisierten Büro unter den spärlich besetzten Tribünen empfängt und sogleich eine kleine Klingel unter seinem Schreibtisch betätigt, damit süßer Tee gebracht werde. Gewiss, man lebt von der Hand in den Mund, die Einnahmen reichen lange nicht aus, um die Ausgaben für Futter, Pfleger und die Jockeys zu bezahlen, die pro Rennen umgerechnet drei Euro verdienen.
Mehrfach musste der füllige Bauunternehmer mit dem kräftigen schwarzen Schnauzbart, der im wohlhabenden sunnitischen Stadtteil Amarija lebt, Geld von Freunden und Geschäftspartnern leihen. Er selbst hatte sich sogar, als der Hass zwischen Schiiten und Sunniten überzukochen drohte, mit seiner Familie nach Jordanien in Sicherheit gebracht. Doch vor zwei Monaten ist er zurückgekehrt. Insh'Allah, wir werden es schaffen, sagt as Saidi und saugt an der Zigarette, die er sich ansteckt, kaum dass die alte ausgedrückt ist.
Der Stall Udai Husseins wurde vollständig geplündert
Das Schlimmste scheint tatsächlich überstanden. Noch am 2. April 2003, genau eine Woche vor dem Sturz der Statue Saddam Husseins am Firdos-Platz und damit des Diktators selbst, als der Krieg schon zwei Wochen dauerte und von Süden her immer näher auf die Hauptstadt zurückte, fanden auf der Bagdader Rennbahn Pferderennen statt.
Doch der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung forderte auch vom Reitclub und von den Ställen seinen Zoll. Die Einrichtungen der Rennbahn wurden geplündert, Pferde erschossen oder aus den Ställen gestohlen, obwohl die meisten Pfleger auch während der schlimmsten Kämpfe und Plünderungen bei ihren Pferden blieben.
Der Stall Udai Husseins, des älteren Sohns Saddam Husseins, wurde aber vollständig geplündert, erzählt man, weil sich keiner der Pfleger für seinen cholerischen und grausamen Dienstherrn und dessen Pferde einsetzen wollte. Noch heute, so sagen viele in Bagdad, könne man in manchem abgemagerten Klepper vor irgendeinem Karren in einem Armenviertel der Hauptstadt den ehemaligen Vollblüter-Champion aus dem Stall der Bagdader Pferderennbahn erkennen.
Mit Wetten den Weg zum Paradies versperren
Auch Saddam Hussein liebte wie seine Söhne Udai und Qusai die Araber-Pferde. Der Diktator und seine Söhne brachten es mit ihrem Regime von Angst und Schrecken dahin, dass ihre Pferde gleichsam im Abonnement ihre Rennen gewannen. Die Jockeys sprachen sich untereinander ab, dass auch ja immer die Reiter der Pferde der Husseins gewannen, denn bei einer Niederlage wären die Zornesausbrüche vor allem Udais für Mensch und Tier verheerend, womöglich tödlich gewesen.
Solche Absprachen gibt es heute nicht mehr. Es gehe immer mit rechten Dingen zu, denn ohne das Vertrauen der Kunden könne man kein profitables Wettgeschäft machen, versichert Direktor as Saidi. Mit den Pferdewetten ist es freilich so eine Sache.
Denn obwohl der Prophet selbst die Pferde liebte und Mohammed im Hadith, der Überlieferung seiner Anweisungen und Ratschläge, jedem Muslim auftrug, er möge seine Söhne im Schwimmen, Bogenschießen und in der Reitkunst unterweisen, widerspricht das Wetten den islamischen Glaubensgrundsätzen. Wer aus Wetten Gewinne erzielt, versperrt sich den Weg zum Paradies. Ganz unberechtigt ist die Sorge der Imame vor dem Wetten und vor anderen Lastern, die damit verbunden sind, offenbar nicht. Denn auf dem Parkplatz vor dem Eingang zur Rennbahn liegen zwischen den Autos leere Whiskeyflaschen und Bierdosen im Sand.
Wir haben uns immer zu wehren gewusst
Welchen Lebenswandel der Muslim wählt, wollten zahlreiche anonyme Anrufer bei Rennbahn-Direktor as Saidi nicht der Entscheidung jedes Einzelnen überlassen sehen. Sie forderten die Betreiber des Reitclubs und der Rennbahn unter unmissverständlichen Drohungen dazu auf, die Einrichtung unverzüglich zu schließen.
Zudem waren in islamistischen Publikationen immer wieder Artikel zu lesen, in denen das Wettunwesen auf der Pferderennbahn streng verurteilt wurde. Bisher haben wir uns immer zu wehren gewusst, sagt Direktor as Saidi und unterzeichnet die Liste mit den Einnahmen und Auszahlungen. Die meisten Rennbegeisterten plazieren nur kleine Wetten, umgerechnet etwa 50 Euro-Cent. Mancher Wetter aber kann es sich leisten, mehrere tausend Euro auf seinen Favoriten zu setzen.
Nach dem Ramadan gibt es wieder eine Chance
Derweil schwillt draußen der Lärm wieder an. Auch der sunnitische Scheich Ahmed, den die amerikanischen Soldaten auf ihren Patrouillen in der Gegend regelmäßig zu besuchen pflegen, ist wie üblich zu den Rennen gekommen, die derzeit jeweils mittwochs und sonntags stattfinden - sofern wegen des Ramadans nicht pausiert wird. Auch der Scheich trägt, zum Zeichen seiner Macht und Würde, die Kalaschnikow.
Mit den amerikanischen Offizieren tauscht er sich über die Entwicklungen der vergangenen Tage aus, und er nimmt von den Amerikanern das neueste Fahndungsplakat entgegen, auf dem die Fotos der Führer des Terrornetzes Al Qaida im Irak zu sehen sind. Er verspricht, weiter wachsam zu sein und seine Informationen mit den Truppen auszutauschen.
Doch jetzt muss er zur Rennbahn, denn auch er hat ein Pferd im Rennen. Es ist diesmal chancenlos, stattdessen gewinnt die Nummer acht. Nach dem Ramadan, in etwa vier Wochen, gibt es wieder eine Chance.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z./Matthias Rüb