Tag der Linkshänder

Rechts vor links

Von Christian Schubert

Linkshänder Jimi Hendrix - keiner wird jemals so wie er spielen

Linkshänder Jimi Hendrix - keiner wird jemals so wie er spielen

13. August 2003 Die Welt ist für Rechtshänder gemacht. Scheren, Schreibfüller, Computermaus, Gartengeräte, Uhren und Fotoapparate - für Linkshänder ist alles falsch herum ausgelegt. Linkshänder sind eine Minderheit, zwar keine bedrohte, weil sie munter nachgeboren werden, aber eine vernachlässigte.

Linkshänder gelten als unbeholfen, weil sie kein Geschenkpapier gerade schneiden und nicht sauber schreiben können. Am Bankschalter geraten sie in Nöte, weil der Kugelschreiber an der falschen Seite angebracht ist - und an einer zu kurzen Schnur hängt. Die Unterschrift auf Kreditkartengeräten macht Verrenkungen erforderlich. In Amerika gibt es Anstecker, auf denen steht: "Stellt Linkshänder ein. Es macht Spaß, Ihnen beim Schreiben zuzusehen." Darunter sieht man die Zeichnung eines ulkigen Menschen, der sich beim Hantieren mit dem Stift fast Ellbogen und Handgelenk abbricht. Jeder Linkshänder, darunter der Autor dieser Zeilen, kann ein Lied davon singen, wie mühsam in der Schule früher das Fach "Schönschreiben" war. Für alle Rechtshänder: Der Linkshänder zieht den Stift nicht, sondern schiebt ihn. Das Verwischen der Tinte mit dem nachgezogenen Unterarm ist kaum zu vermeiden - so wie die Drei in Schönschreiben. Selbst unsere Sprache macht deutlich, wer den Ton angibt. Man hat zwei linke Hände oder verhält sich linkisch. Im Englischen wird "dextrous" mit "flink, gewandt, rechtshändig" übersetzt.

Zeigt es den Rechtshändern!

An diesem Mittwoch aber, dem 13. August, dürfen sich die Linkshänder einmal feiern. Es ist der internationale Tag der Linkshänder. Der Internationale Klub der Linkshänder mit seinen 28.000 Mitgliedern auf der ganzen Welt, hinter dem ein kleines, aber geschäftstüchtiges Unternehmen aus London steht, unterstützt diesen Tag. Die Devise: Linkshänder aller Welt vereinigt Euch und zeigt es den Rechtshändern - wie schwer das Leben in einer rechtsgestrickten Welt ist und wie wenig Rechtshänder davon wissen.

Von einem Leiden würden wir nicht sprechen, aber von Frustration der Linkshänder, vor allem im Alltag. Linkshänder stehen im Ruf, plump zu sein. Der Vorwurf ist ungerecht. Denn es sind die Geräte, mit denen Linkshänder hantieren müssen; sie sind nicht die richtigen für uns", sagt Lauren Milsom, die das Unternehmen "Anything Left-Handed Ltd." mit ihrem Ehemann Keith führt und eine der treibenden Kräfte hinter der Linkshänder-Bewegung ist. Sogar ihr Verkaufsprospekt ist von hinten nach vorne aufgebaut, jedenfalls aus Sicht der Rechtshänder. So können Linkshänder ihren linken Daumen zum Durchblättern benutzen. Der Katalog bietet alles, was das Herz eines Linkshänders begehrt: Scheren, Füller, Korkenzieher, Dosenöffner, Lineale mit der Null auf der rechten Seite, Kartoffelschäler, Computer-Tastaturen, deren Zahlentableau auf der linken Seite sitzt, Uhren mit dem Aufziehknopf links, Schreibmappen mit dem Papier auf der linken Seite, Fotoapparate mit dem Auslöser links und dem Sucher auf der rechten Seite, so daß man mit dem linken Auge durchschauen kann, ja sogar Bumerangs, die nur zurückfliegen, wenn sie von einem Linkshänder geworfen werden.

Mehr als nur Schnick-Schnack

Alles hat seinen tieferen Grund: Die Linkshänder-Schere etwa ist nicht nur so angefertigt, daß Daumen und Zeigefinger gut durch die Griffe passen. Wichtiger noch ist, daß die Scherenblätter anders herum nebeneinander liegen. Nur so ist der Blick des Linkshänders auf die Schnittstelle frei. Bei einer Rechtshänder-Schere verdeckt ein Scherenblatt immer diese Schnittstelle - der Hauptgrund für das schiefe Schneiden. Korkenzieher sind anders herum gewunden, damit sie die Linkshänder nach außen drehen kann. Bei Drehbewegungen nach innen kann nicht die gleiche Kraft aufgebracht werden - das gilt für alle Menschen. Linkshänder-Produkte sind mehr als nur Schnick-Schnack: Linkshänder erleiden im Haushalt und im Garten mehr Unfälle als Rechtshänder. Die richtige Benutzung wird besonders dann wichtig, wenn schwere Geräte wie Motorsägen im Einsatz sind. Die britische Gewerkschaft GMB weist darauf hin, daß Linkshänder schneller unter Verletzungen wie Sehnenscheidenentzündungen leiden, weil sie häufiger unnatürliche Bewegungen machen.

Rund zehn Prozent der Menschen sind Linkshänder. Bei der ersten deutschen Beratungsstelle für Linkshänder in München meint man sogar, etwa die Hälfte der Menschen seien Linkshänder. Das bayerische Kultusministerium spricht von 25 bis 30 Prozent in der Bevölkerung. Eigentlich seien es noch mehr, weil sich zahlreiche Menschen für Rechtshänder halten, die sich in frühester Kindheit unbewußt selbst umgeschult haben. Heute gilt die Umschulung von Linkshändern auf die rechte Hand in Deutschland als Körperverletzung; in den meisten Schulplänen ist sie verboten. Früher erbrachten Erhebungen einen geringeren Wert als zehn Prozent, doch das lag an ihrer sozialen Stigmatisierung. Den Kindern wurde beim Schreibenlernen die linke Hand auf den Rücken gebunden. In Deutschland hat manche Schule die Kleinen bis in die siebziger Jahre noch umerzogen. Unter den Zulus in Südafrika hat man die linken Hände von linkshändigen Kindern in kochendes Wasser gesteckt, um ihnen die Benutzung abzugewöhnen. Und in Großbritannien haben linkshändige Frauen noch im viktorianischen Zeitalter später geheiratet und daher weniger Kinder gehabt. Ihre Linkshändigkeit, die wahrscheinlich genetisch bedingt ist, wurde damit an weniger Nachfahren weitergereicht.

Schluß mit Mythen

Das berichtet Chris McManus, Professor für Psychologie und medizinische Erziehung am University College London. Er gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Linkshändigkeit. Der Wissenschaftler - selbst ein Rechtshänder - beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit dem Thema. Sein Interesse wurde noch dadurch verstärkt, daß ihm 1999 zwei eineiige Zwillinge geboren wurden - eines links-, eines rechtshändig. In seinem jüngsten Werk "Right Hand, Left Hand", räumt er mit etlichen Mythen auf - etwa daß Linkshänder jünger sterben würden. Diese Annahme geht auf amerikanische Studien zurück, die nach McManus' Analyse aber das Zahlenmaterial falsch interpretierten: Sie übersahen, daß es früher weniger Linkshänder gab oder weniger sich als solche zu erkennen gaben. Auch die Vorstellung, daß Linkshänder intelligenter seien, streitet McManus ab. Es gibt zwar Anzeichen, daß unter hochintelligenten Menschen, etwa den Mitgliedern des Mensa-Klubs, mehr Linkshänder auftreten als üblich, doch dürfte es auch besonders viele unterdurchschnittlich intelligente Linkshänder geben. Ihre Bandbreite ist einfach größer als bei Rechtshändern, nicht aber ihr Durchschnittswert.

Daß Linkshänder kreativer seien, läßt sich wissenschaftlich ebenso wenig belegen, auch wenn es unter Orchestermusikern, Architekten und Schauspielern besonders viele Linkshänder gibt. "Der Großteil der Populärliteratur zitiert Anekdoten von Leonardo da Vinci, Holbein und Paul McCartney, und ignoriert dabei die Tatsache, daß es für jeden McCartney neun talentierte rechtshändige Rockmusiker geben dürfte", meint McManus. Auch Picasso, Einstein und Benjamin Franklin waren entgegen einer weitverbreiteten Vorstellung keine Linkshänder. Nichtsdestotrotz ist die Liste der berühmten Linkshänder lang, von Julius Cäsar und Bismarck über Charlie Chaplin, Marilyn Monroe und Jimmy Hendrix bis zu Mahatma Ghandi, Ronald Reagan und Fidel Castro. Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 1992 brachte nicht nur Bill Clinton an die Macht, sondern sah auch drei Linkshänder im Rennen: Neben dem Wahlsieger George Bush und Ross Perot.

Linkshänder-Wachstumsmarkt: riesig

Über die Ursachen der natürlichen Bevorzugung der einen oder der anderen Hand - vielfach auch des einen oder anderen Fußes, wobei es nicht die gleiche Seite sein muß wie bei der Hand - weiß man trotz aller Forschung wenig. In jüngster Zeit glaubt man zunehmend, daß Linkshänder Gene haben, die bei Rechtshändern nicht oder weniger vorkommen. Sie könnten das Zusammenspiel der linken und der rechten Gehirnhälfte mit ihren unterschiedlichen Funktionen beeinflussen. Die linke Seite ist für Aufgaben wie Sprache und Analyse, aber auch für vergleichsweise schwierige Bewegungen wie das Anzünden eines Streichholzes zuständig. Die rechte Seite übernimmt unter anderem die Wahrnehmung, wie das Aufgreifen von Bildern, Gerüchen und Lauten. Daß die Linkshänder oder überhaupt viele Menschen die eine Seite mehr benutzen als die andere, gehört nach Professor McManus übrigens auch ins Reich der Mythen.

Linkshänder sind ein Bestandteil der Menschheit, der sich schlecht organisieren läßt. Wahrscheinlich haben sich Linkshänder bisher zu bereitwillig in die Welt der Rechtshänder integriert, meint McManus. Und die Rechtshänder haben die Minderheit nicht registriert. 1998 gab ein britischer Staatssekretär im House of Commons zu: "Bisher hatte ich mir über das Thema noch keine Gedanken gemacht". Immerhin verteilt die britische Regierung inzwischen ein von den Unternehmensgründern von "Anything Left-Handed", dem Ehepaar Milsom, hergestelltes Video, das Lehrer über den Umgang mit Linkshändern in der Schule aufklärt. Es beginnt bei Kleinigkeiten wie der Plazierung: Damit sie nicht immer mit dem Ellbogen anecken, sollten sie nach Möglichkeit nicht neben einem Rechtshänder sitzen. Die Milsoms zeigen damit, daß sie mit ihrem von Keiths Vater geerbten Geschäft nicht nur dem Geld hinterher sind. Keith Milsom hatte den Betrieb jahrelang aufgrund anderer Tätigkeiten eher nebenher laufen lassen; vor zwei Jahren aber ist er ernsthaft eingestiegen. Ein Gehalt ist für ihn und seine Frau zwar noch nicht drin. Doch er sieht dank des Internets einen riesigen Wachstumsmarkt. Allein in der englischsprachigen Welt gebe es 231 Millionen Linkshänder. "Wir erreichen derzeit zwei Zehntausendstel davon". Mit vier Angestellten erzielt Anything Left-Handed in diesem Jahr voraussichtlich einen Umsatz von 700.000 Euro. Und dennoch bezeichnet sich das Unternehmen als das größte seiner Art auf der Welt. Linkshänder sind eben noch eine vernachlässigte Minderheit.

Berühmte Linkshänder

Mario Adorf, Edwin Aldrin, Hans Christian Andersen, Hans Apel, Jeanne d'Arc, Aristoteles, Neil Armstrong, Carl Philipp Emanuel Bach, Kim Basinger, Ludwig van Beethoven, Napoleon Bonaparte, Björn Borg, David Bowie, Benjamin Britten, Frank Busemann, George Bush Sen., Al Capone, Jim Carrey, Lewis Carroll, Enrico Caruso, Fidel Castro, Charlie Chaplin, Prinz Charles, Cassius Clay, Bill Clinton, Kurt Cobain, Phil Collins, Tom Cruise, Marie Curie, Robert DeNiro, Richard Dreyfuss, Albrecht Dürer, Bob Dylan, Königin Elisabeth II., M.C. Escher, Gerald R. Ford, Henry Ford, Caspar David Friedrich, Clark Gable, Greta Garbo, Bill Gates, Uri Geller, Jean Genet, König Georg VI., Johann Wolfgang von Goethe, Whoopi Goldberg, Goldie Hawn, Hermann von Helmholtz, Jimi Hendrix, Johnny Herbert, Andreas Herzog, Hans Holbein, Rock Hudson, Jack The Ripper, Wolfgang Joop, Heidi Kabel, Franz Kafka, Karl der Große, Caroline Kennedy, Klaus Kinkel, Klaus Kinski, Paul Klee, Käthe Kollwitz, Marion Kracht, Karl Lagerfeld, Siegfried Lowitz, Diego Maradona, Paul McCartney, John McEnroe, Adolf von Menzel, James A. Michener, Michelangelo, Marilyn Monroe, Demi Moore, Wolfgang Amadeus Mozart, Martina Navratilova, Benjamin Netanjahu, Isaac Newton, Gunda Niemann-Stirnemann, Friedrich Nietzsche, Ed O'Neill, Niccolo Paganini, Pelé, Toni Polster, Cole Porter, Serge Prokofjew, Sergej Rachmaninow, Raphael, Maurice Ravel, Ronald W. Reagan, Robert Redford, Keanu Reeves, Julia Roberts, Jörg Roßkopf, Mickey Rourke, Peter Paul Rubens, Telly Savalas, Bubi Scholz, Robert Schumann, Ludwig von Schwanthaler, Albert Schweitzer, Monika Seles, Ayrton Senna, Paul Simon, Lothar Späth, Mark Spitz, Ringo Starr, Carl-Uwe Steeb, Sting, Franz Josef Strauß, Henri de Toulouse-Lautrec, Mark Twain, Christian Ude, Ludwig Uhland, Susanne Uhlen, Peter Ustinov, Leonardo da Vinci, Königin Victoria von England, Jürgen Vogel, H.G. Wells, Karl Wendlinger, Prinz Willem-Alexander, Prinz William. (F.A.Z.)

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2003, Nr. 186 / Seite 7
Bildmaterial: AFP, AP, BELGA, dpa

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