Bahnkonzept in Berlin

Das Kreuz der Mitte

Von Mechthild Küpper, Berlin

26. Mai 2006 Berlin fühlt sich dieser Tage wie ein Gastgeber in der Stunde vor dem Eintreffen der Gäste. Es ist eine Gefühlsmelange aus Angst, Vorfreude und Stolz: Ist alles vorbereitet? Wird es gefallen? Wird es klappen? Wird es reichen? Sich mit den Augen anderer zu sehen ist Berlin nicht gewöhnt. Das bedeutet aber nicht, daß Selbstkritik hier nicht geübt würde.

Den rüden Ton und die vielen Hundehaufen auf den Straßen von Berlin kommentiert man allerdings frecher als die maschinenhafte Patzigkeit vieler Beschäftigter im Dienstleistungssektor oder die Warnungen eines Regierungssprechers a.D., fremd aussehende Gäste sollten manche Gegenden meiden. 2006 ist in Berlin ein Wahljahr. Wenn in diesem Sommer etwas schiefgeht, weiß das Publikum daher genau, an wem es sich am 17. September schadlos halten kann. Und die Politiker wissen, daß in diesem Sommer schlechtes Wetter, schlechte Fußballspiele und selbst Zugverspätungen zu hochpolitischen Ereignissen werden können.

Furcht im ehemaligen „neuen Westen“

An diesem Freitag wird der Berliner Hauptbahnhof offiziell eingeweiht. Damit beginnt etwas Neues, von dem man noch nicht sagen kann, wie stark es die Stadt und die Gewohnheiten ihrer Bewohner verändern wird. Die Geschäftsleute und Bewohner des ehemaligen „neuen Westens“ rund um den Bahnhof Zoo fürchten, daß ihre Gegend niedergehen werde, sobald der Hauptbahnhof in Mitte in Betrieb genommen sein wird. Doch im Westen haben sie sich auch vor der Konkurrenz der schicken Friedrichstraße gefürchtet, an der inzwischen ganz wie am Kurfürstendamm Luxusläden und Klamottenketten in friedlicher Koexistenz leben. Und nun monieren die Kritiker, daß der Hauptbahnhof noch in einem Niemandsland steht und das Stadtquartier drum herum noch nicht existiert.

Im Jahr 1998 wurde der Grundstein gelegt. Seither sind mehr als 700 Millionen Euro verbaut worden; die genauen Kosten kennt der stolze Bauherr angeblich noch nicht. Von Sonntag an gilt der Sommerfahrplan. Der wird aus dem scheußlichen Bahnhof Zoo, für den sich eine Bürgerinitiative einsetzt, als sei er ein Schmuckstück, einen Regionalbahnhof machen. Und am Ostbahnhof, der anmaßenderweise am Ende der DDR Hauptbahnhof genannt wurde, werden weniger Fernzüge halten als heute.

Zum ersten Mal einen Zentralbahnhof

Berlin wird zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Zentralbahnhof haben. Sich daran zu gewöhnen fällt den Berlinern schwer. Mit einem Feuerwerk an diesem Freitag, abends nach der offiziellen Party, und mit einem Tag der offenen Tür am Samstag in vier Bahnhöfen versucht die Bahn ihre zahlreichen Kritiker zu versöhnen und zu überzeugen: „Willkommen im modernsten Bahnhof der Welt. Mitten in Berlin.“

Und ihr Vorstandsvorsitzender Hartmut Mehdorn teilte mit: „Wir erreichen auf den von Berlin ausgehenden Strecken die höchsten Geschwindigkeiten in ganz Deutschland.“ In Stralsund oder Leipzig wird man von Sonntag an von Berlin aus 40 Minuten schneller sein. Zwar fanden die hauptberuflichen Pufferküsser, von denen es in Berlin besonders viele gibt, etliche Verbindungen, die einige Minuten länger dauern werden. Doch insgesamt sei die Entwicklung des Bahnverkehrs seit dem Fall der Mauer nur in den höchsten Tönen zu beschreiben.

Der erste deutsche Virgin-Megastore

Fünf Fernbahnhöfe sieht das neue Bahnkonzept für Berlin vor, am größten, dem Hauptbahnhof, kreuzen sich Ost-West- und Nord-Süd-Verkehr. Er liegt in der Mitte. Im Norden wird die Station Gesundbrunnen zum Bahnhof, so wie im Süden die Station Papestraße („Südkreuz“). Spandau und Ostbahnhof heißen die Bahnhöfe im Westen und Osten.

Die großartigen Bahnanlagen am Potsdamer Platz werden nun endlich auch Züge sehen, wenn auch keine ICE, und selbst im gediegenen südlichen Vorort Lichterfelde-Ost werden künftig Regionalzüge halten. Mehr als 300 Regionalzüge und mehr als 160 Fernzüge kommen von Sonntag an täglich am Hauptbahnhof an. 80 Läden werden an jedem Tag der Woche von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends geöffnet haben, darunter eine Austernbar und der erste deutsche Virgin-Megastore. Parkplätze gibt es genug.

Versprechen der Bahn klingt plausibel

Es wäre am besten, wenn im neuen Zentralbahnhof alles klappen würde. Zu lang ist schon jetzt die Liste der Kritik am Bahnkonzept für Berlin. Mit dem Namen fing es an. Dem alten „Lehrter Stadtbahnhof“, dem die Bahn gegen eine Willensbekundung der Berliner den neuen Namen verpaßte, fehlt im Nahverkehr eine Nord-Süd-Verbindung auf Schienen - so ist er schlechter angebunden als andere. Der Architekt Meinhard von Gerkan verklagt die Bahn wegen der Schändung seines Entwurfs, die nicht einmal die Baukosten gesenkt habe. Immerhin: Der Bahnhof ist pünktlich fertig geworden, und die Ost-West-Stadtbahn, über die bisher der gesamte Fernverkehr lief, wird spürbar entlastet werden. Das Versprechen der Bahn, das neue Konzept werde ihre Züge pünktlicher machen, klingt daher plausibel.

Vieles ist in Berlin unmöglich und schlechter als anderswo. Trotzdem richten sich die meisten Menschen hier rasch ein. Mieten und Lebenshaltungskosten sind vergleichsweise billig, die Umgangsformen äußerst unkompliziert, so daß die Zugezogenen rasch lernen, die Stadt hart zu kritisieren, von ihren Vorteilen aber diskret zu schweigen. In diesen Tagen können die Bürger sich an einige in den neunziger Jahren geplante Errungenschaften des „Neuen Berlin“ gewöhnen, bevor in zwei Wochen die Fußball-Weltmeisterschaft das öffentliche Leben vollständig dominieren wird: Die „Fan-Meile“ im Tiergarten wird die Autofahrer wohl in den neuen Nord-Süd-Straßentunnel treiben, dem vor seiner Eröffnung das Chaos vorhergesagt worden war, das jedoch, wie üblich, bisher ausblieb.

Den geistigen Stadtplan ändern

Durch den noch ungewohnten Straßentunnel ist der ungewohnte Bahnhof für Autofahrer gut zu erreichen. Die „Kanzler-U-Bahn“ zum Alexanderplatz und die Straßenbahn vom Prenzlauer Berg werden noch Jahre auf sich warten lassen. Autofahrer aus Ost- und West-Berlin haben nach dem Mauerfall lange gebraucht, um ihre gewohnten Routen an die neuen Verhältnisse ohne Grenze anzupassen. So wird es nun den Bahnfahrern gehen: Sie müssen ihren geistigen Stadtplan ändern.

Auch am Alexanderplatz - drei S-Bahn-Stationen vom Hauptbahnhof entfernt - hat sich etwas getan. Der Spott über die ehrgeizige Hochhausplanung ist leiser geworden. Denn auch ohne Türme wirkt der Kaufhof nach fast zwei Jahren Bauzeit bei laufendem Betrieb imposant. Aus 15.000 Quadratmeter Einkaufsfläche im ehemaligen DDR-Kaufhaus Centrum sind 35.000 geworden, Millionen sind in den Umbau geflossen, 250 neue Jobs entstanden. Großzügig wirkt das Haus, hell und übersichtlich. „World Class Shopping“ soll dort stattfinden. Die festliche Wiedereröffnung enthüllt ein offenes Geheimnis: Nicht jeder, der „im Osten“ wohnt, fühlt sich deswegen ausschließlich in Resterampen und Schnäppchenläden heimisch.

Es ist nicht alles schiefgegangen

Aus dem Alexanderplatz, dem Tor zum schäbigen Osten mit kleinen, überschaubaren Mittelstandsoasen wie dem gediegenen Kollwitzplatz oder der jugendlichen Kastanienallee, wird nun ein Magnet. 300.000 Menschen passieren täglich den Platz - das sind so viele, wie am Hauptbahnhof erwartet werden. Und wer den unwirtlichen Ort bisher mied, kann ihn bald als Konsument und Flaneur kennenlernen. Dutzende Millionen Euro sind an dem Platz investiert worden. Nicht fertig bis zur Weltmeisterschaft werden die Verlängerung der Straßenbahnlinie 2 vom Prenzlauer Berg zum Alexanderplatz und die dazugehörige Straßenmodernisierung.

Fast fertig ist das Berolina-Haus von Peter Behrens gegenüber dem Bahnhof und dem Kaufhaus. Das Bekleidungshaus C&A wird im Herbst dort eine große Filiale eröffnen. Auf der anderen Seite des Platzes, direkt neben dem liebevoll renovierten „Haus des Lehrers“ und der Kongreßhalle, wird die Baugrube für das nächste große (54.000 Quadratmeter) Einkaufszentrum ausgehoben. „Alexa“ soll im Herbst 2007 fertig sein. Es ist nicht alles schiefgegangen in Berlin. Dafür ist die Eröffnung des Hauptbahnhofs das sinnfälligste Symbol.

Text: F.A.Z., 26.05.2006, Nr. 121 / Seite 7
Bildmaterial: AP, ddp, F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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