Die beliebtesten Vornamen des Jahres 2008

Luca und Leonie in Love

Von Alfons Kaiser

Maximilian ist weiterhin in der Spitzengruppe, ebenso wie Sophie

Maximilian ist weiterhin in der Spitzengruppe, ebenso wie Sophie

28. Februar 2009 Horst und Helga haben nicht so viel miteinander zu tun wie Luca und Leonie. Und das liegt nicht etwa daran, dass sich Horst und Helga, die mittlerweile im Rentenalter sind, im Laufe vieler Jahrzehnte auseinander gelebt haben. Es liegt auch nicht daran, dass Luca und Leonie sich so nahe sind, weil sie jeden Morgen gemeinsam im Kindergarten spielen. Nein, wenn man sich nicht die Menschen hinter den Namen anschaut, sondern die Namen vor den Menschen - dann erkennt man zwischen Luca und Leonie verblüffende Ähnlichkeiten.

Zumindest, wenn man Vornamen linguistisch untersucht - wie Damaris Nübling, Professorin für Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Universität Mainz. Sie hat in zwei Studien - die in Kürze in den „Beiträgen zur Namenforschung“ und im „Deutschunterricht“ erscheinen werden - eine Theorie erhärtet, die sich auf Lea, Lena, Leon, Jan und all die anderen Krabbelstubenkinder einen Reim macht. Die gut belegte These, die auch die am Freitag veröffentlichte Vornamenstatistik 2008 in neuem Licht erscheinen lässt und in der Onomastik nun jahrelange Debatten hervorrufen wird: Rufnamen werden immer androgyner, Jungen und Mädchen gleichen sich lautlich in ihren Vornamen an.

Vornamen sind nicht mehr geschlechtseindeutig

Das hatte schon einmal ein Namenforscher angenommen. Der Soziologe Jürgen Gerhards, der anhand der Vornamen des vergangenen Jahrhunderts die Großtrends Säkularisierung, Enttraditionalisierung, Individualisierung und Globalisierung nachwies, wollte in seiner großen Studie über „Die Deutschen und ihre Vornamen“ (2003) auch zeigen, dass Vornamen nicht mehr geschlechtseindeutig sind. Plausibel war die Annahme schon deshalb, weil Jungen heute gern auch ehemals weibliche Namen wie Andrea tragen und eine Ulrike heute wohl öfter denn je zuvor schlicht Uli genannt wird.

Als Soziologe nur mit begrenztem linguistischem Instrumentarium ausgestattet, untersuchte Gerhards lediglich den Auslaut der Namen - „-a“ und „-e“ wären typisch weibliche, „-n“, „-s“, „-d“ und „-r“ typisch männliche Rufnamenendungen. Allein: Zwischen 1950 und 1998 änderte sich die Markierung des Geschlechts nicht. Doris und Marion, die mit harten Konsonantenendungen Männlichkeit bewiesen, vermehrten sich nicht - die weiblich-vokalisch ausklingenden Sascha und Uwe ebenso wenig.

Tim ist weicher als Stefan

Es kommt eben nicht nur auf den Endbuchstaben an. Damaris Nübling, schon durch ihren seltenen Vornamen onomastisch sensibilisiert, untersuchte die zwischen 1945 und 2008 am häufigsten vergebenen Vornamen in mehreren Schritten. So sieht sie Vokale und Konsonanten auf einem phonetischen Kontinuum, auf dem stimmhafte Dauerlaute wie „l“, „m“, „n“, „j“, weil sie weicher klingen, den Vokalen näher stehen als die stimmlosen Plosive „p“, „t“, „k“. Das Ergebnis des historischen Vergleichs: Der Anteil weicher Konsonanten und Vokale steigt vor allem in den siebziger und neunziger Jahren stark an: Tim (2008 unter den Top Ten) ist weicher als Stefan (1975) ist weicher als Günther (1945). Und nicht nur das: Die lieblichen Laute stehen auch nicht mehr so oft neben anderen Konsonanten (wie das „l“ in Elke), sondern können sich zwischen Vokalen (wie das „l“ in Julian) oder vor Vokalen (wie das „l“ in Leah) lautlich viel freier entfalten. Und wenn man zudem bedenkt, dass die Vornamen insgesamt kürzer geworden sind, dann, so Nübling, „ballt sich maximale Sonorität auf einem minimalen Namenkörper“.

Die Liste der am häufigsten vergebenen Vornamen, die von der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache anhand der Daten von 170 Standesämtern aufgestellt wurde, scheint diesen Trend auf den ersten Blick nicht zu bestätigen. Warum sollte bei dem Drang zu Kürze und Weichheit Maximilian Alexander vom ersten Rang verdrängen? Ganz einfach: weil der Name meist zu Max abgekürzt wird und der helle Vokal „a“ den Trend zum euphonischen Wohlklang geradezu symbolisiert.

Der Maoam-Effekt

Außerdem bestätigen Maximilian und die weiteren beliebtesten Namen auch zwei weitere Befunde Nüblings. Erstens nehmen Hiaten (also zwei aufeinander folgende Vollvokale, die verschiedenen Silben angehören) bei beiden Geschlechtern stark zu. Der von Nübling als „Maoam-Effekt“ bezeichnete Trend, 1945 nur bei Marion und Michael zu erkennen, weitet sich stark aus - seit den Siebzigern vor allem dank der „-ian“-Namen wie Christian oder Florian, die in Maximilian ihren Nachfolger finden, aber neuerdings auch in Noah oder Elias, in Lea oder Sophia - die gemeinsam mit Sophie der beliebteste Mädchenname ist.

Zudem bestätigt die Liste, dass Konsonantencluster - wie bei den ersten beiden Buchstaben von Brigitte - am Aussterben sind. Unter den beliebtesten Mädchennamen gibt es solche Zusammenrottungen von Konsonanten nur noch bei Charlotte, unter den Jungen nach dem langsamen Abstieg von Niklas gar nicht mehr. Auf geradezu verblüffende Weise erfüllen sich Nüblings Annahmen bei den einzigen Neuzugängen in der aktuellen Top-Ten-Liste, Mia und Tim: kürzer geht´s kaum, wohlklingender auch nicht, hellere Vokale wird man kaum irgendwo finden, und zu allem Überfluss weist der winzige Name Mia auch noch einen Hiatus von „i“ und „a“ auf.

Warum nennt man sein Kind Leon?

Nach dem Abschied von Namen, die aus religiösen oder familiären Motiven vergeben wurden, war die „Euphonie“ der Dauerbrenner unter den Namenforschern. Mit der Theorie von den feminisierten Jungennamen hat man nun endlich eine Erklärung für die Fülle des Wohllauts, mit dem man seine Kinder verzärtelt: „Noch nie seit 1945“, sagt Nübling, „waren sich die Rufnamen beider Geschlechter strukturell so ähnlich wie heute.“ Aber nennt man sein Kind Leon, weil der Name so schön weiblich klingt? Oder weil er einfach nur weich klingt?

Sicher, Wolfgang und Günther klingen markiger als die weichgespülten Tim oder Paul. Vor allem das „a“ und das „i“ bei Jungs - zwei Vokale, die in allen Lautsystemen der Welt vorkommen - schaffen einen Easy-Listening-Sound à la David oder Elias. Heinz-Jürgen und Horst-Dieter klingen da eher wie Marschmusik aus längst vergangenen Zeiten. Aber alte Töne klingen bei Vornamen nach zwei oder drei Generationen wieder neu. Man darf gespannt sein, ob die Theorie auch dann noch hält, wenn all die Wilhelms, Ottos, Konrads und Gustavs, die man gerade im Berliner Trendbezirk Prenzlauer Berg auf den Spielplätzen trifft, in Bietigheim-Bissingen, Castrop-Rauxel und der Namenstatistik ankommen - und den schönen Unisex-Trend zunichte machen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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