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Im Gespräch: der Linguist Lothar Lemnitzer

Ein bisschen mabbern zum Mondscheintarif

Lothar Lemnitzer sammelt Wörter wie Bahnruinator und Glühbirnentöter - neue Wortschöpfungen, die er in den Medien findet. Nicht jedes wandert in den Duden. Denn dafür brauche es eine gewisse Schöpfungshöhe, sagt der Linguist.

Im Gespräch: der Linguist Lothar Lemnitzer: Ein bisschen mabbern zum Mondscheintarif
10. März 2010 

Soeben hat das Goethe-Institut das Jahr der deutschen Sprache ausgerufen. Mit ihr kennt Lothar Lemnitzer sich aus wie kaum ein anderer. Wenn ein neues deutsches Wort zur Welt kommt, ist er der Standesbeamte, der seine Geburt beurkundet. Der Linguist im Dienste der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betreibt seit dem Jahre 2000 die Internetseite www.wortwarte.de, für die er täglich Medien nach bisher unbekannten Wörtern durchkämmt. Über seine Funde hat er 2009 im Duden-Verlag das Buch „Hirndiebstahl im Sparadies. Was so (noch) nicht im Duden steht“ veröffentlicht.

Wozu braucht eine Sprache überhaupt neue Wörter?

Neue Wörter werden dann geprägt, wenn neue Gegenstände oder Sachverhalte benannt werden müssen. Zum Beispiel die Abwrackprämie. Der zweite wichtige Grund ist die nachträgliche Unterscheidung von Dingen. Ein Beispiel: Als das Telefon typischerweise die Wählscheibe hatte, da hieß dieses Telefon einfach Telefon. In dem Augenblick, wo das Tastentelefon kam, musste man es Wählscheibentelefon nennen. Drittens: Dinge sollen pointiert benannt werden, vor allem in der Politik. Die Herdprämie war sogar Unwort des Jahres 2007. Vierter Grund ist das Bedürfnis nach Abgrenzung. Im sehr produktiven Bereich der Jugendsprache werden jeden Tag neue Wörter geprägt, die dazu dienen, die eigene Subkultur von anderen Gruppen zu unterscheiden.

Woran erkennen Sie, ob ein Wort wirklich neu ist?

Wortwart der Deutschen: Lothar LemnitzerWortwart der Deutschen: Lothar Lemnitzer

Zum einen habe ich im Hintergrund Wortdatenbanken, die aus großen Textsammlungen extrahiert worden sind. Durch die kann alles schon mal Gesehene herausgefiltert werden. Den Rest schaue ich mir Wort für Wort an. Dabei stoße ich natürlich auf viele Eigennamen und Falschschreibungen und auch sehr viele banale neue Wörter wie BVB-Transfer, die nicht den Reiz und Charakter eines neuen Wortes haben, da ihre Bildung ganz leicht durchschaubar ist. Ein Neuwort muss eine gewisse Schöpfungshöhe haben.

Wie werden neue Wörter im Deutschen eigentlich gebildet?

Es gibt sehr wenige wirkliche Neuprägungen von einfachen Wörtern wie simsen. Das Gros der neuen Wörter sind Zusammensetzungen wie eben Abwrackprämie und Ableitungen. Nehmen wir das Wort „skypen“ - daraus kann ich dann „anskypen“ bilden: „Ich skype meinen Freund an“, und dieser Freund ist anskypebar. Durch das Hinzufügen von Vor- und Nachsilben lassen sich sehr schön und flexibel neue Wörter bilden. Und ein großer Fundus neuer Wörter sind Fremdsprachen: das Lateinische und in diesen Tagen natürlich vor allen Dingen das Englische.

Sind Fremdwörter also eine Art von Neuwörtern, weil sie ja Benennungslücken schließen?

Häufig handelt es sich um einen neuen Sachverhalt, der auch in der Fremdsprache noch neu ist, wie etwa Streaming oder in einer etwas zurückliegenden Zeit Laptop. Noch ein schönes Beispiel ist das Wort kid. Darüber haben sich Sprachrichter aufgeregt, da es das deutsche Wort Kind verdränge. Aber wenn man genauer hinguckt, sieht man, dass Kid und Kind auf verschiedenen Stilebenen gebraucht werden, Kid eher umgangssprachlich und als Selbstbenennung von Jugendlichen. Und das entspricht im Englischen der Unterscheidung zwischen dem standardsprachlichen child und dem umgangssprachlichen kid. Da wirkt kein Verdrängungsprozess, sondern eine sprachliche Lücke wird erschlossen. Die Ausdrucksmöglichkeiten bereichern sich, indem wir verschiedene Wörter für verschiedene Stilebenen haben.

Oft bekommt man ja den Satz zu hören: Das Wort gibt es nicht, es steht nicht im Duden. Das wäre also totaler Quatsch?

Ja. Es ist in der Tat so, dass neue Wörter irgendwann, falls sie oft genug gebraucht werden und eine gewisse Schöpfungshöhe haben, auch in die Datenbank der Dudenredaktion wandern. Aber dass etwas nicht im Duden steht, ist natürlich kein Kriterium. Interessant ist die Frage bei Streitfällen: Heißt es „die Flyers“ oder „die Flyer“? Oder muss ich den Bundesbanker mit ä aussprechen?

Worin unterscheidet der Banker sich eigentlich vom Bankier und vom Bankangestellten?

Da habe ich nur eine persönliche Meinung, die ich nicht wissenschaftlich fundieren kann. In meiner Sicht drückt der Bankier ebenso wie der Bankangestellte die etwas biedere Welt der Geschäftsbanken für Privatkunden aus. Während der Banker mit dem viel cooleren Investmentgeschäft aufkam.

Welche Voraussetzungen muss ein Wort erfüllen, damit es in ein Wörterbuch aufgenommen wird?

„Nehmen wir das Wort skypen - daraus kann man anskypen bilden.”„Nehmen wir das Wort skypen - daraus kann man anskypen bilden.”

Es gibt eine ganze Reihe von Eintagsfliegen wie den vorhin zitierten BVB-Transfer, der auch ein VfB-Transfer oder ein Bayern-Transfer sein könnte. Diese Wörter werden in Wörterbücher wie den Duden nicht aufgenommen. Interessantes Kriterium ist ebengerade für den Rechtschreibduden die Frage: Könnten die Wörter Schwierigkeiten bei der Schreibung, bei der Aussprache oder beim grammatischen Geschlecht stellen? Das zweite Kriterium ist die Originalität. Und das dritte die Häufigkeit der Verwendung. Schwierig ist das bei einem Phänomen wie Abwrackprämie - das gibt es jetzt tausendfach. Aber wenn dann in zwei oder drei Jahren der Rechtschreibduden in der 25. Auflage rauskommt, spricht vielleicht niemand mehr davon.

In welchen Bereichen entstehen neue Wörter zurzeit bevorzugt?

Wirtschaft. Politik. Technik. Im Bereich der Leittechnologien der vergangenen zehn Jahre, Informations- und Biotechnologie, sind viele bis dato nur Fachleuten bekannte Wörter durchgedrungen in die Alltagssprache. Und das ist dann gleich produktiv geworden: Infolge der Entschlüsselung des menschlichen Genoms gab es so schöne Prägungen wie das Geiz-Gen.

Viele Sprachpessimisten haben ja das Gefühl, dass gerade aus der Werbung viel Ungutes in die Sprache eindringt.

„Das Gros der neuen Wörter sind Zusammensetzungen”„Das Gros der neuen Wörter sind Zusammensetzungen”

Kritiker haben recht, wenn sie an bestimmten Wörtern rummäkeln. Beispielsweise „Service Point“ oder „Call a Bike“ - die Bahn war ja da in den letzten zehn Jahren sehr erfinderisch. Aber ich glaube nicht, dass diese Wörter außerhalb der Werbenische in den Sprachgebrauch vorgedrungen sind. Ich weiß nicht, ob viele sagen würden, dass sie jetzt zum Service Point am Bahnhof gehen. Man wird nach wie vor Auskunft sagen.

Es verschwinden ja auch Wörter. Wird das durch einen Geburtenüberschuss mehr als wettgemacht?

Das ist schwer anhand von Zahlen zu fundieren. Ein vages Kriterium ist die Dicke des Rechtschreibdudens, der ja von Auflage zu Auflage fülliger wird. Aber der Duden ist sehr zurückhaltend auch beim Aussortieren von Wörtern, die nicht mehr gebraucht werden, aber einen historischen Wert haben. In neueren Auflagen findet man zum Beispiel noch den Mondscheintarif, obwohl es den seit zwanzig Jahren nicht mehr gibt. Man findet auch neben den mittlerweile etablierten Inlineskates noch Rollerblades, weil es zeitweise eine Parallelbenennung gab.

Wie viele deutsche Wörter gibt es denn etwa?

“Ich weiß nicht, ob viele sagen würden, dass sie jetzt zum Service Point gehen. Man wird nach wie vor Auskunft sagen.“"Ich weiß nicht, ob viele sagen würden, dass sie jetzt zum Service Point gehen. Man wird nach wie vor Auskunft sagen."

Der sechsbändige Duden, der versucht, den Kern der deutschen Sprache zu erfassen, hat 120 000 bis 130 000 Stichwörter. Wenn man die kennt, ist man schon gut dran. Darüber hinaus sind die Ränder zu den Fachsprachen mit ihrem riesigen Wortschatz ausgefranst. Wenn man den mit hinzuzählt, würde man schon auf ein paar Millionen Wörter kommen.

Wie viele davon benutzt ein halbwegs gebildeter Sprecher?

5000.

Ich nenne Ihnen ein paar neue Wörter und bitte Sie, die zu kommentieren: Geringverdiener.

Das ist sicher aus der Distinktion entstanden, um sich von dieser Gruppe abzusetzen. Ebenso wie Unterschichtenfernsehen.

Aber nutzt man es nicht auch, weil man das Wort Armer aus Gründen der Rücksichtnahme scheut?

Andererseits wird von Kinderarmut ja noch gesprochen.

Sexeln?

Sie meinen für schnackseln? Die -eln-Verben habe alle etwas Verniedlichendes wie liebäugeln oder herumscharwenzeln.

Twittern?

Eine neue Form computerbasierter Kommunikation. Das gehört ins gleiche Fach wie simsen oder voipen. Es gab ja mal einen Dienst, der mabber hieß, da wurde zeitweise von mabbern gesprochen.

Was sind denn Ihre Lieblingsneuwörter, auf die Sie so in den letzten zehn Jahren gestoßen sind?

Neben der Bierdeckelsteuer von Herrn Merz, den ich sonst nicht mag, ist das semimerkelig für eine bestimmte Form von Frisur, die an Frau Merkel erinnert. Auch Pattexkanzler für Schröder. Solche Wörter sind ein Zeichen von Kreativität. Und solange die existiert, brauchen wir uns um die deutsche Sprache keine Sorgen zu machen.

Das Gespräch führte Matthias Heine.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Andreas Pein, dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
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