Londoner Flughafenchaos

Jetzt sortieren Italiener die Koffer aus Heathrow

Von Alfons Kaiser

02. April 2008 Jeder Passagier wird sein Gepäck zurückbekommen. Das ist die gute Nachricht, die British Airways (B.A.) verbreitet, seitdem am neuen Terminal 5 des Flughafens Heathrow offiziell 20 000 und nach Medienberichten jetzt schon 30 000 Gepäckstücke auf ihre Beförderung warten. Die schlechte Nachricht: Es fragt sich nur, wann.

Die Geschichte des herrenlosen Gepäcks ist nun schon eine Woche alt. An der neuen Abfertigungshalle stapelten sich bei der Eröffnung am vergangenen Donnerstag immer mehr Koffer. Denn viele Mitarbeiter waren zu spät zu ihrem Arbeitsplatz gekommen, weil sie keinen Parkplatz fanden, durch komplizierte Sicherheitskontrollen aufgehalten wurden oder gar ihren Arbeitsplatz in dem riesigen Terminal nicht fanden. Als sie schließlich eintrafen, konnten sie sich nicht ins Computersystem einloggen. Auch hatten sie Schwierigkeiten mit dem System für die Beladung und Entladung der Flugzeuge. Fachleute führen die schlechte Organisation auf das angespannte Verhältnis zwischen dem Flughafenbetreiber BAA, der Fluggesellschaft B.A. und mehreren Subunternehmen zurück.

Nur ohne deinen Koffer

Immer mehr Gepäck sammelte sich an. Hunderte Flüge mussten gestrichen werden. Tausende Passagiere campierten auf den unbequemen Designerstühlen des Flughafens oder ließen sich Übernachtungsgutscheine für mittelschlechte Hotels aushändigen. Viele wurden vor die Alternative gestellt, entweder ohne Koffer oder gar nicht zu reisen. Auch am Mittwoch wurden noch Flüge gestrichen - bis zum späten Nachmittag 50 von insgesamt 392 geplanten Flügen. Von nun an sollen mehr als 90 Prozent aller über diese Abfertigungshalle geplanten Flüge tatsächlich stattfinden: Für diesen Donnerstag sind 32, für Freitag 34 Flüge gestrichen. Bei den stattfindenden Flügen soll das Gepäck der Passagiere nun wirklich mitkommen.

Nun müssen die Passagiere hoffen, dass der beim Check-In fest angebrachte Barcode noch an den Koffern, Trolleys und Taschen klebt. Der Plastikstreifen enthält Informationen wie Passagiernamen, Flugdaten und Heimatadresse. In den Urlaub zum Beispiel wird das Gepäck also nicht nachgesandt. Stattdessen werden nun viele Gepäckstücke auf der Suche nach ihren Besitzern zunächst einmal selbst in ein Urlaubsland reisen. Denn B.A. hat nicht nur Versandfirmen wie FedEx beauftragt, das Gepäck den Besitzern nachzuliefern. Viele der liegen gebliebenen Gepäckstücke werden nach Mailand verfrachtet - und von dort aus weiter an ihren Bestimmungsort gebracht. So muss die Fluglinie nach Auskunft eines Sprechers für die Nachlieferungen keine eigenen Flugzeuge nutzen.

Früher kam das Gepäck mit dem Taxi

Ausgerechnet Italien? Der Umweg über Mailand wird gewählt, weil dort der Stammsitz der Firma „On Board Express“ (O.B.X.) ist, die früher stärker im Cargo-Sektor arbeitete und seit kurzem für British Airways auch die Gepäckverteilung in Europa übernimmt. Denn die meisten Fluggesellschaften haben das Geschäft mit dem verlorenen Gepäck an spezialisierte Firmen ausgelagert. An den Flughäfen hat sich in den vergangenen Jahren mit dem steigenden Passagieraufkommen auch die Branche der Zustelldienste ausdifferenziert.

Während vor zehn Jahren „lost luggage“ durchaus noch per Taxi an die Haustür geliefert wurde, sind an einem Flughafen wie Frankfurt heute gleich mehrere Zustelldienste tätig, die in Zusammenarbeit mit den Fluggesellschaften und den Flughafenbetreibern dafür sorgen, dass das Gepäck möglichst bald seinen Empfänger erreicht. Diese Dienste wiederum bekommen heute Konkurrenz von Logistik-Dienstleistern wie DHL, die inzwischen vielfach die Zustellung übernehmen. Exklusiv per Taxi bekommen höchstens noch Prominente oder First-Class-Passagiere ihre verlorenen Koffer nach Hause geliefert.

„Auf jeden Fall genug Arbeit“

Bei der Kurierfirma O.B.X. berichtet ein Manager, der nicht genannt werden möchte, dass nun nach und nach die Koffer aus Heathrow kommen werden. Die Gepäckstücke werden in der erst im vergangenen Jahr bezogenen neuen Lagerhalle des Unternehmens in Rodano, 13 Kilometer östlich von Mailand, gelagert und sortiert. O.B.X. nimmt dann Kontakt mit den Besitzern der Koffer auf und entscheidet über die Art der Zustellung.

Die Ausdifferenzierung der Koffernachlieferungsbranche hat es mit sich gebracht, dass Gepäckstücke vom europäischen Festland schneller in Mailand als an Terminal 5 sortiert werden. O.B.X. verfügt über eine Fahrerflotte, arbeitet aber beim Bedarf auch mit örtlichen Zustelldiensten zusammen. Sichergestellt sei jedenfalls, so der Manager, dass die Koffer über den Landweg zugestellt werden. Wie lange das alles dauern wird, will er nicht sagen. „Wir haben in den nächsten Tagen auf jeden Fall genug Arbeit damit.“ Nach Auskunft konkurrierender Unternehmen wird die Lieferung der vielen Koffer mindestens eine Woche in Anspruch nehmen.

Verlorene Koffer stehen übrigens nicht nur an Terminal 5 herum. Das britische „Air Transport Users Council“ hat für 2007 herausgefunden, dass B.A. das meiste „lost luggage“ zu verzeichnen hat und nur die „TAP Air Portugal“ mehr verspätete Koffer verbucht. Kommen bei der Lufthansa 15,8 von 1000 Koffern zu spät, deutlich weniger als im Jahr 2006, so sind es bei B.A. 26,5, weit mehr als im Vorjahr. Mit dem neuen Terminal 5, so teilte British Airways noch vor wenigen Wochen mit, werde das besser werden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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