Todespfleger

Er half noch bei der Wiederbelebung

Von Simone Kaiser

12. Oktober 2004 Stephan L. ist den Weg zuletzt am Vormittag des 27. Juli gefahren, auf dem Rücksitz eines Polizeiwagens. Die Straße von Gunzesried schlängelt sich in schmalen Serpentinen das Tal hinab. Auf den Wiesen hier oben werden die Fotos geschossen, die unten in Sonthofen Postkarten zieren.

Nur 20 000 Einwohner hat die Stadt im Allgäu südlich von Kempten, aber 400 000 Übernachtungen verzeichnet sie pro Jahr. Dank all der Aussichten auf dem Weg hinunter von Gunzesried: wegen der Kühe, des klaren Alpenpanoramas und des Himmels in den bayerischen Landesfarben.

42 Exhumierungen angeordnet

Um acht Uhr hatten zwei Beamte an seiner Tür geklingelt, um ihn wegen des Verdachts auf Medikamentendiebstahl vorläufig festzunehmen. Etwa eine Stunde reden sie mit Stephan L. Dann sprudelt es plötzlich aus ihm heraus. Der Krankenpfleger gesteht, im Klinikum Sonthofen mehrere Patienten mit einem Medikamenten-Cocktail getötet zu haben.

Zehn fallen ihm sofort ein, später, auf dem Weg hinunter nach Sonthofen und auf dem Revier, kommen sechs weitere hinzu. Aber L. kann sich an vieles nicht mehr erinnern, an Namen sowieso nur selten, eher an Gesichter, die Krankenakte, das Stationszimmer, sagt der stellvertretende Leiter der Kriminalpolizei Kempten, Wolfgang Huber, der die Arbeitsgruppe "Klinik" führt.

Nach dem Geständnis habe Stephan L. erleichtert gewirkt. Im Gefängnis in Kempten macht er ebenfalls nicht den Eindruck, so berichtet Huber, als sei für ihn eine Welt zusammengebrochen. Dabei befürchtet die Polizei, daß es noch mehr als 16 Opfer geben könnte. 42 Exhumierungen hat man angeordnet. Sonthofen, die "Alpenstadt des Jahres 2005", ist nun auch die Stadt des wahrscheinlich größten Serienmords in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg.

"Nie gesehen"

Schon lange war es der Traum von Stephan L. gewesen, in der Idylle eines Dorfes wie Gunzesried zu wohnen. Der Fünfundzwanzigjährige aus dem schwäbischen Ludwigsburg liebt die Berge, Bayern, besonders das Allgäu. In Gunzesried lebt er in einem typischen Almhaus mit Holzstapeln vor der Tür. In dem 500-Seelen-Dorf sagt man, daß Stephan L. hierher gezogen sei, habe ihn noch lange nicht zu einem Allgäuer gemacht. Das Klingelschild montieren die Vermieter gleich nach seiner Festnahme ab.

Keiner kennt hier Stephan L. genau, aber "a bisserl" weiß jeder. Als hilfsbereit haben ihn manche in Erinnerung. Andere beschreiben ihn als zurückgezogen. Nur bei einer Übung der Feuerwehr soll er bereitwillig ein Opfer gespielt haben.

Die Wirtsleute vom "Goldenen Kreuz", dem Gasthof in Gunzesried, in dem man sich zum Bier trifft und manchmal zu lustigen Kabarettabenden, haben ihn in ihrer rustikalen Stube nie gesehen. Wenn, dann sei er unten, in der Stadt, ausgegangen. Aber auch dort will man sein Gesicht nicht kennen. Nicht in der Bar "Hemingway", nicht in der Disco "Mex", nicht im Bistro "Relax": "Nie gesehen."

"Papa, egal, was passiert, du kommst mir mal nicht in ein Heim."

Wer also ist Stephan L.? Nach der Scheidung seiner Eltern wächst er in Ludwigsburg in Baden-Württemberg auf - bei seinem Vater. Die Mutter lebt angeblich in Norddeutschland. In der Barockstadt besucht Stephan L. die Realschule. Seinen Zivildienst absolviert er beim Roten Kreuz, denn im Ortsverein Ludwigsburg schiebt er schon eine Weile ehrenamtlich Dienst auf Sportplätzen und bei Großveranstaltungen.

Er habe seine Arbeit immer ordentlich gemacht, sagt Ralf Pohl, Geschäftsführer des Roten Kreuzes in Ludwigsburg. "Stephan war ein hilfsbereiter Kamerad." Auch bei der DLRG-Ortsgruppe ist Stephan L. Mitglied. Fast zehn Jahre lang. Er habe das silberne Rettungsschwimmerabzeichen gemacht, sagt sein ehemaliger DLRG-Kollege Adolf Gast. Als Schwimmaufsicht im "Stadionbad" hat er sich sein Taschengeld aufgebessert.

Als Zivildienstleistender begleitet Stephan L. Patienten auf Krankentransporten vom Altersheim ins Klinikum und wieder zurück. Der Alltag in den Heimen setzt ihm zu. Er soll in dieser Zeit zu seinem Vater gesagt haben: "Papa, egal, was passiert, du kommst mir mal nicht in ein Heim."

"Heiraten, Familie, ein Haus im Allgäu"

Nach dem Zivildienst scheint Stephan L. an der Pflegemisere etwas ändern zu wollen. Er bewirbt sich an der Krankenpflegeschule Ludwigsburg. Am 1. Oktober 1999 beginnt er die dreijährige Ausbildung zum Krankenpfleger. Seine Klassenlehrerin Susanne Schneider hat ihn als "völlig unauffällig und in die Klasse integriert" in Erinnerung. Stephan L. sei zwar "kein Überflieger" gewesen, aber "absolut im oberen Mittelfeld", habe sein Examen auf Anhieb bestanden.

Als er am 30. September 2002 die Schule verläßt, beantwortet er im klasseninternen Abschlußheft die üblichen Fragen. Demnach liebt er Kartoffel-Wedges mit Quark und Laugenbrötchen mit Wurst. "Rauchen und Saufen" mag er nicht. Sein Lieblingsfilm: "Rain Man". Seine Lieblingstätigkeit im Krankenhaus: "Magensonden legen". Seine Lebensziele: "Heiraten, Familie, ein Haus im Allgäu".

"Der war kein gestandenes Mannsbild."

In Gunzesried kommt er diesem Ziel ziemlich nahe. Seine Verlobte Daniela, die als Kinderkrankenschwester arbeitet, findet eine Stelle bei einem Arzt in der Umgebung, Stephan L. seinen ersten Job in der Urologie im Klinikum Kempten. Doch weder mit den Kollegen noch mit seinem Vorgesetzten, Chefarzt Rudolf Gumpinger, kommt er zurecht. L. wollte sich zum OP-Pfleger ausbilden lassen, berichtet Gumpinger.

Aber man habe schnell gemerkt, daß er "nicht ins Team passe" und für den Job "nicht geeignet" sei. Gumpinger erlebte ihn als "distanzlos" und "ein bißchen kindisch". Er kann sich nicht daran erinnern, wie lange Stephan L. bei ihm im OP arbeitete, vielleicht drei, vielleicht vier Monate. Jedenfalls wollte er ihn da nicht mehr länger haben. Gumpingers Urteil über Stephan L.: "Der war kein gestandenes Mannsbild."

Bald begann er mit dem Töten

Aber der junge Mann mit den guten Zeugnissen findet bald eine neue Arbeitsstätte. Die Klinik in Sonthofen ist Teil einer GmbH, die auch die Krankenhäuser in Immenstadt und Oberstdorf umfaßt. Dem gelben Altbau hat man erst vor ein paar Jahren einen modernen Rundbau mit viel Glas hinzugefügt. Vor dem Eingang wachsen bunte Astern, gepflanzt von den "Garten- und Blumenfreunden Sonthofen e.V." Station 1 im Neubau ist die Innere Abteilung und gleichzeitig Intensivstation des Krankenhauses. Dreißig Betten gibt es hier.

Im Januar 2003 beginnt Stephan L. auf dieser Station seine erste Schicht. Nur knapp drei Monate später, im März, tötet er wahrscheinlich den ersten Patienten. Zunächst will er ihm Etomidat verabreicht haben, ein narkotisierendes Medikament, bei dem man das Bewußtsein und Schmerzempfinden verliert. Kurz darauf spritzt er angeblich einen Mix aus Midazolam und Lysthenon, einem Muskelrelaxans, das zum Erschlaffen aller Muskeln und damit zum Atemstillstand führt.

Bei der Wiederbelebung geholfen

Bis zum 10. Juli 2004, dem Tag, an dem Stephan L. wohl sein letztes Opfer tötet, soll sich dieser Vorgang 15mal wiederholt haben, immer nachts, wenn die Station nur mit zwei Pflegern besetzt ist. In einem Fall greift er zuerst zur Todesspritze, stellt dann bei seinem nächsten Rundgang den Tod des Patienten fest und hilft dem diensthabenden Arzt vorschriftsgemäß bei der Wiederbelebung. Am nächsten Tag nimmt er sich Zeit, um mit den trauernden Angehörigen ein vertrauliches Gespräch zu führen. Niemand schöpft Verdacht. Das Sterben gehört auf einer Intensivstation zum Alltag.

Trotzdem muß sich Klinikleiter Andreas Ruland jetzt fragen: Warum hat kein Arzt etwas bemerkt? Warum sind niemandem die fehlenden Medikamente aufgefallen? Ruland erinnert daran, daß ein wachsamer Kollege von Stephan L. sie auf seine Spur gebracht hat. Der Kollege meldet, daß aus dem Medikamentenschrank größere Mengen Midazolam verschwunden sind. Im Haus beginnen zunächst interne Recherchen. Als nach einer Nachtschicht L.s falsch einsortierte Ampullen auffallen, setzt man die Puzzlestücke zusammen und informiert die Polizei. Das ist am 15. Juli. Der Mitarbeiter hatte seinen Verdacht allerdings schon am 27. Mai geäußert.

"Da gab es keine unerklärlichen Einstichwunden."

"Die Medikamente fallen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz", sagt Klinikchef Ruland, "schließlich müssten sie im Notfall frei und schnell zugänglich sein." Zudem habe Stephan L. immer wieder auf eigene Faust Ampullen nachbestellt, was ja auch Aufgabe des Pflegepersonals sei. Die tödlichen Injektionen habe er über bereits gelegte Zugänge gespritzt. "Da gab es keine unerklärlichen Einstichwunden."

Bei der Wahl seiner Opfer sei Stephan L. "meist sehr gezielt" vorgegangen. Wenn ein Arzt geäußert habe, daß der Patient die Nacht vielleicht nicht überleben könnte, nahm Stephan L. das offenbar als Anlaß zum Handeln. Ruland wirkt abgespannt. Die Todesfälle in seinem Haus gehen dem jungen Klinikleiter unter die Haut.

Ruland sucht den Kontakt zu Angehörigen, Patienten und Mitarbeitern, die sich schuldig fühlen. "Er hat uns alle getäuscht." Stephan L. sei ein zurückhaltender Typ, niemand, der abends mit den anderen ein Bier trinken ging. Nur: Daraus hätte man schließlich keine Rückschlüsse auf eine solche Tat ziehen können. Oder?

Zwei große Sporttaschen mit medizinischem Gerät gestohlen

Als die Klinik wegen der fehlenden Medikamente Anzeige erstattet, zunächst gegen Unbekannt, fahren noch am selben Tag Polizeibeamte die Serpentinenstraße hinauf. Bei der Durchsuchung der Wohnung finden sie im Abfall, zwischen Bananenschalen, leere Midazolam-Ampullen. Auch ein aus dem Krankenhaus verschwundenes Faxgerät wird sichergestellt. Zudem hat Stephan L. medizinisches Gerät mitgehen lassen, insgesamt zwei große Sporttaschen voll. Aber die Polizei findet nur noch wenige Teile.

Wie die Ampullen in den Müll kamen? Er habe sie aus Versehen in der Klinik eingesteckt und dann zu Hause entsorgt. Doch bald erzählt L. eine andere Geschichte: Er brauche sie für seine Freundin Daniela. Sie habe aufgrund einer "schlimmen Familiengeschichte" große psychische Probleme, sei immer wieder ausgetickt. Den Tranquilizer Midazolam habe er ihr auf eigenen Wunsch gespritzt.

Das Leid nicht ertragen

Schon einmal war L. wegen eines Diebstahls in einem Supermarkt mit der Polizei in Berührung gekommen. Das Verfahren wurde damals eingestellt. Daher sucht er sich, als er merkt, daß man ihn in der Klinik verdächtigt, einen Anwalt - und formuliert ein Geständnis. Darin gibt er zu, die Medikamente heimlich nachbestellt und "zum eigenen Gebrauch" eingesteckt zu haben.

Erst als ihn die Polizisten am Vormittag des 27. Juli nochmals aufsuchen und mit dem Vorwurf konfrontieren, daß man die gestohlenen Medikamente auch zur Euthanasie einsetzen könne, beschreibt er, was während seiner Nachtschichten angeblich wirklich geschah. Er habe aus Mitleid gehandelt, habe das Leid der "dahinsiechenden Menschen" nicht ertragen und diese davon erlösen wollen. Sein Anwalt sagt: "Er hatte sich im Schwäbischen schon nach einer freien Stelle umgehört."

"Es hätte ja jeden treffen können"

Doch das Motiv "Mitleid" erscheint der Polizei wenig glaubwürdig. Für ein "Helfersyndrom" habe man keine konkreten Anhaltspunkte. Im Gegenteil: Nicht alle Patienten, die er angeblich getötet hat, seien todkrank gewesen. Der eine oder andere befand sich sogar auf dem Weg der Besserung. Einige wiederum waren nur Stunden vor ihrem Tod in das Klinikum gebracht worden. Wie hätte sich da eine so persönliche Beziehung aufbauen sollen?

Nur im Fall einer Krebspatientin ermittelt die Kriminalpolizei nicht wegen Totschlags, sondern wegen "Tötung auf Verlangen". Bei den Opfern handelt es sich um neun Frauen und sieben Männer im Alter zwischen 70 und 95 Jahren. In den Dorfkneipen in Sonthofen tauschen sich ehemalige Patienten des Krankenhauses aus, die "den Todesspritzer" überlebt haben. "Es hätte ja jeden treffen können", versichert man sich gegenseitig am Stammtisch. "Wer über 60 ist, dem kann man ja gratulieren, daß er noch lebt."

Ausstehende Exhumierungen abschließen

Vierzig Stunden hat die Polizei Stephan L. mittlerweile verhört, mit mehr als 100 Zeugen gesprochen, 24 Exhumierungen auf Friedhöfen in Sonthofen, aber auch in Altstädten, Burgberg und Immenstadt, vorgenommen. Man hofft, in diesem Monat alle noch ausstehenden Exhumierungen abzuschließen. Bei feuerbestatteten Patienten kann man die gespritzten Substanzen nicht nachweisen. "Aber bei allen anderen", versichert der leitende Oberstaatsanwalt Herbert Pollert, "sind wir guter Hoffnung."

Die Rechtsmedizin in München untersucht derzeit die Proben. Wenn die Gutachten vorlägen, könne endlich wieder Ruhe in die Stadt einkehren, glaubt Bürgermeister Hubert Buhl. Oberstaatsanwalt Pollert meint, die Angehörigen hätten ein Recht darauf, zu erfahren, ob ihre Verwandten eines natürlichen Todes gestorben seien - oder umgebracht wurden. Aber Bürgermeister Buhl weiß: In Sonthofen sind nicht alle dieser Meinung. Viele wollen nicht, daß die Totenruhe gestört wird - manche aus religiösen Gründen, andere, weil das ihre Trauer wieder aufwühlen würde.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2004, Nr. 239 / Seite 9
Bildmaterial: dpa

 
Designer ABC
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche