Oktoberfest

„Eine Maß ist ein Liter“

Maßexperte Jan-Ulrich Bittlinger: „Meist werden sie vom Schankkellner beschimpft”

Maßexperte Jan-Ulrich Bittlinger: „Meist werden sie vom Schankkellner beschimpft”

15. September 2006 Wenn man auf dem Oktoberfest Glück hat, sind 0,9 Liter im Glas, wenn man Pech hat, noch weniger. Es soll zwar auch Zelte geben, in denen man tatsächlich einen Liter Bier für sein Geld bekommt. Die sind aber eher selten. Die Wirte betrügen systematisch ihre Gäste, indem sie zuwenig Bier in die Gläser füllen.

Jan-Ulrich Bittlinger, vom Verein gegen betrügerisches Einschenken, kontrolliert auf dem Oktoberfest zusammen mit seinen 40 Kollegen die Maßkrüge.

Herr Bittlinger, wie sieht für Sie die perfekte Maß Bier aus?
Eine Maß ist dann perfekt, wenn genau ein Liter Bier im Glas ist.

Je später der Abend, desto schlechter die Schankmoral

Je später der Abend, desto schlechter die Schankmoral

Und wie sieht die Realität auf dem Oktoberfest aus, das an diesem Wochenende beginnt?
Wenn man Glück hat, sind 0,9 Liter im Glas, wenn man Pech hat, noch weniger. Es soll zwar auch Zelte geben, in denen man tatsächlich einen Liter Bier für sein Geld bekommt. Die sind aber eher selten.

Was genau werfen Sie den Wiesn-Wirten vor?
Die Wirte betrügen systematisch ihre Gäste, indem sie zuwenig Bier in die Gläser füllen. Wenn Sie 0,1 Liter Bier weniger im Glas haben, kostet eine Maß statt 7,50 Euro faktisch 75 Cent mehr. Rechnet man das hoch auf das gesamte Fest, kommt man auf rund 4,5 Millionen Euro, die die Wirte mehr verdienen - und nicht versteuern müssen.

Und um das zu verhindern, haben Sie Ihren Verein gegen betrügerisches Einschenken gegründet?
Den Verein gibt es schon seit 1899. Zwischenzeitlich hatten ihn die Nationalsozialisten verboten. 1970 ist er neu gegründet worden. Schon immer ging es uns darum, den Wirten genau auf die Finger zu schauen. In Bayern gehört Bier schließlich zu den Grundnahrungsmitteln.

Wodurch zeichnen sich die Vereinsmitglieder vor allem aus?
Wir sind passionierte Biertrinker. Zugleich sind wir aber auch engagierte Bürger und Verbraucherschützer.

Wie viele Kontrolleure werden Sie auf dem Oktoberfest im Einsatz haben?
Etwa 40. Die sind fast täglich unterwegs. Wir kontrollieren zwischen 10.000 und 18.000 Maß Bier.

Viele trauen sich nicht nachzufragen, warum zu wenig im Glas ist

Viele trauen sich nicht nachzufragen, warum zu wenig im Glas ist

Wie wird kontrolliert?
Wir begleiten das Bier von der Schänke bis zum Gast. Der Schaum braucht ungefähr eine Minute, um zu Bier zu werden. Solange warten wir, dann machen wir eine Sichtkontrolle. Die offiziellen Kontrolleure der Stadt München erlauben 1,5 Zentimenter Unterschank, obwohl sie millimetergenau messen können. Wir haben bei unserer Sichtkontrolle eine Toleranzgrenze von maximal einer Zeigefingerbreite unterhalb des Eichstrichs. Ist weniger im Glas, ist der Gast eindeutig betrogen worden.

Kommt das oft vor?
Ich selbst habe auf dem Oktoberfest noch nie eine Maß bekommen, die korrekt eingeschenkt war. Allgemein gilt auch: Je später der Abend, desto schlechter die Schankmoral.

Plastik trüge sich jedenfalls leichter

Plastik trüge sich jedenfalls leichter

Was können Sie dagegen tun?
Wir zeigen jeden Schankbetrug beim Kreisverwaltungsreferat an. Und wir machen die Öffentlichkeit auf diesen Mißstand aufmerksam. Außerdem sprechen wir die Gäste direkt an und ermuntern sie, sich nachschenken zu lassen.

Wie reagieren die Leute?
Viele trauen sich nicht nachzufragen, warum zuwenig im Glas ist. Tun sie es doch, werden sie meist vom Schankkellner beschimpft oder sogar vom Sicherheitspersonal aus dem Zelt geworfen. So ist das eben in Bayern.

Sind Sie selbst auch schon bedroht worden?
Direkt bedroht worden bin ich noch nicht. Die Wirte sind natürlich nicht begeistert von unserer Arbeit. Einmal wollte man uns Hausverbot in allen Wiesn-Zelten erteilen. Soweit ist es dann aber nicht gekommen. Manche versuchen auch, unsere Kontrolleure mit Freibier milde zu stimmen. Darauf lassen wir uns natürlich nicht ein.

Hat Ihr Engagement Früchte getragen?
Wir haben zwei große Erfolge errungen. Zum einen haben wir schon vor mehr als 20 Jahren dafür gesorgt, daß kein Bier mehr in Steinkrügen ausgeschenkt werden darf. Zum anderen konnten wir die Stadt München davon überzeugen, Sanktionen gegen betrügerische Festwirte einzuführen. Wer nachweislich seine Gäste betrügt, kann nun sogar seine Lizenz für das Oktoberfest verlieren.

Die Fragen stellte Nicolas Wolz.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, ddp, picture-alliance / dpa

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