Von Kaline Thyroff
21. April 2007 Er ist kein Genie im Texten, daraus macht Hip-Hop-Millionär P. Diddy kein Hehl. Im Gegenteil: Zwar hat er für sein jüngstes Album Press Play zum ersten Mal selbst zum Bleistift gegriffen. Er gibt aber offen zu, dass er sich dabei schwergetan hat. Das Reimen wird er also in Zukunft wohl lieber wieder seinen Ghostwritern überlassen. Statt dessen wird er sich wahrscheinlich wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen: seinen Platten- und Filmfirmen, seinem Modelabel und neuerdings auch den selbstentworfenen Autofelgen.
Bei so viel Geschäftssinn mag es einem Komplettanbieter wie Sean Combs schwer fallen, seine Berufsbezeichnung als Rapper zu verteidigen. Als Rechtfertigung bringt er in unregelmäßigen Abständen Alben unter einem seiner Pseudonyme (früher Puff Daddy, jetzt P. Diddy) heraus und versucht, den eigenen farblosen Rapstil mit dem seiner Freunde und Kollegen zu übertünchen. Die Gästeliste auf Press Play liest sich wie ein Who is Who der aktuellen Hip-Hop- und R'n'B-Szene: Mary J. Blige ist dabei, Nas und Cee-Lo von Gnarls Barkley. Nur zwei von fünfzehn Songs des Albums kommen ohne das obligate featuring und den Auftritt eines Gaststars aus.
Ein echt rundes Album
P. Diddy ist nicht der Einzige, der im musikalischen Outsourcing ein marketingstrategisches Konzept entdeckt hat. Am Freitag erschien Timbalands neues Album Shock Value. Den besten Song, Give It To Me, hat er zusammen mit den Superstars Justin Timberlake und Nelly Furtado aufgenommen. Außerdem haben an dem Album mitgewirkt: 50 Cent, Dr. Dre, Missy Elliott, Elton John, Nicole Scherzinger, Keri Hilson und andere. Sie garantieren, wie seine deutsche Website meint, ein echt rundes Album. Und sie garantierten, dass Give It To Me gleich in der ersten Woche auf die Nummer eins in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien gelangte.
Die Angst, dass sich Musik allein nicht mehr verkaufen lässt, teilen Puff Daddy und Timbaland mit vielen großen Hip-Hoppern. Das lässt sich zumindest an den ellenlangen Katalogen musikalischer Gäste ablesen, die sich zur Zeit auf beinahe jedem Hip-Hop-Album finden. Ähnlich wie sich im vergangenen Hip-Hop-Jahrzehnt die Qualität der Musik nicht mehr allein an der Leistung der Interpreten, sondern vor allem an den Namen angesagter Produzenten wie Timbaland, den Neptunes oder Kanye West ablesen ließ, so sollen nun auch gekaufte Stimmen frischen Wind ins Genre bringen: In den aktuellen amerikanischen Top Ten weisen sechs von zehn Titeln das verräterische Wörtchen feat. auf.
Eigentlich steckt der Hip-Hop in der Krise
Denn eigentlich steckt der Hip-Hop in der Krise. Das äußert sich nicht nur in den fallenden Verkaufszahlen der Rap-Alben, sondern auch in der Einförmigkeit des Angebots. Zu viele Rapper, zu wenig Ideen, resümiert Rap-Legende Nas, der 1994 mit seinem Debut-Album Illmatic ein vielgelobtes Musterstück der Reimkunst ablieferte. HipHop is dead konstatiert er nun im Titel seines aktuellen Machwerks und beklagt sich über zu wenig Seele und Leidenschaft in der längst zum Massenphänomen gewordenen Hip-Hop-Kultur. Doch auch Nas selbst, der dafür bekannt ist, die gesellschaftskritische Tradition dieser Kultur aufrechtzuerhalten, scheint auf seine eigenen Geschichten nicht mehr zu vertrauen. Vorsichtshalber hat er einige Strophen auf HipHop is dead quotenstarken Kollegen wie Will I Am von den Black Eyed Peas oder dem sechsfachen Grammy-Gewinner Kanye West überlassen.
Sogar mit seinem ehemaligen Erzfeind und Kritik-Adressaten, dem Hip-Hop-Großunternehmer Jay-Z, hat er sich versöhnt, um die neu gewonnene Freundschaft im gemeinsamen Song Black Republican zu verkünden. Namedropping statt Rapgeschichten: Die Hoffnung besteht darin, dass allein die Namen bekannter Hip-Hop- und R'n'B-Stars zum Plattenkauf reizen. Hat der Name auch noch eine eigene Stimmfarbe, ist er, weil selten, besonders gefragt. So verdankt der im Senegal aufgewachsene Rapper Akon seinem afrikanisch anmutenden, melodischen Rap-Singsang beinahe mehr Gastauftritte als eigene Songs.
Ein paar Whoos und Yeeh-whoos
Will man Akon hören, sucht man in den Singleregalen am besten nicht bei A, sondern bei T wie Trice, Obie, B wie Baby Bash oder S wie Stefani, Gwen. Drei Textzeilen, ein paar Whoos und Yeeh-whoos, und schon ist dem Song der platinblonden Pop-Chanteuse die gewünschte Exotik verabreicht und Sweet Escape zum Verkaufsschlager gemacht, der sich im Moment auch in den deutschen Charts auf den oberen Plätzen hält.
Ähnlich wie Akon ergeht es Busta Rhymes. Keine Hip-Hop-Hookline ohne eine seiner schnell gerappten Wortexplosionen oder zumindest ein leidenschaftliches Whoo-ha!. Busta Rhymes' frappanter Reimstil galt lange als Ausweg aus der Langeweile, von dem Rapper wie Mos Def, Missy Elliott und Mase, aber auch die Pussycat Dolls und Mariah Carey dankend Gebrauch machten. Die Fans witterten Ausverkauf, doch Busta Rhymes ist das egal. Auch er steht unter Erfolgsdruck und wartet auf seinem Solo-Album The Big Bang mit geballter Prominenz auf. Sogar ein Altstar wie Stevie Wonder darf dabei sein.
Die Ideenlosigkeit geht weiter
Sei du mein Gast, dann bin ich deiner: Das Karussell der Gastauftritte dreht sich im Kreis. Oft kann man die Namen vor und hinter dem featuring beliebig austauschen und wird für alle Möglichkeiten den entsprechenden Song finden: P. Diddy feat. Jamie Foxx (Partners For Life), Jamie Foxx feat. Snoop Dogg (With You) und Snoop Dogg feat. P. Diddy auf Livetour durch Europa. HipHop feat. R'n'B feat. Dancehall feat. Pop. Das Ergebnis? Die Überraschung fehlt, die Ideenlosigkeit geht weiter. Und auch der kommerzielle Erfolg bleibt in den meisten Fällen unter den Erwartungen: P. Diddys Press Play ist in den amerikanischen Billboard Charts zwar von Null auf Eins gestiegen, aber genauso schnell wieder aus den Top 100 verschwunden.
Ist Hip-Hop also wirklich tot, wie es Nas so drastisch formuliert hat? Natürlich können noch so viele Gaststars der erfolgreichsten Popmusik aller Zeiten kein neues Leben einhauchen, sondern ihr höchstens zu einem letzten Zucken verhelfen. Dennoch rappelt es noch - jenseits der glitzernden Welt der rappenden Plattenmogule und Fashiongurus. Irgendwo lauern sie, die unverbrauchten und wortspielgewandten Typen, die daran erinnern, dass Hip-Hop eigentlich eine performative Kultur ist, in der die Kreativität den Maßstab setzt. Dass bei allem Talent auch Vitamin B nicht schaden kann, weiß aber zum Beispiel der allen Hip-Hop-Klischees trotzende Lupe Fiasco. Erst mit Hilfe eines berühmten Unterstützers wurde das große Hip-Hop-Publikum auf den Chicagoer Rapper aufmerksam und feierte ihn dann als Retter des Hip-Hop. Seinen ersten großen Auftritt hatte er als Gast auf Kanye Wests Touch the Sky.
1. Give It to Me - Timbaland (feat. Nelly Furtado & Justin Timberlake)
2. Don't Matter - Akon
3. Girlfriend - Avril Lavigne
4. Glamorous - Fergie (feat. Ludacris)
5. The Sweet Escape - Gwen Stefani (feat. Akon)
6. This Is Why I'm Hot - Mims
7. Buy U Drank (Shawty Snappin') - T-Pain (feat. Yung Joc)
8. Beautiful Liar - Beyonce & Shakira
9. Cupid's Chokehold - Gym Class Heroes (feat. Patrick Stump)
10. Last Night - Diddy (feat. Keyshia Cole)
Ermittelt von Billboard Soundscan-Broadcast Data Systems auf Grundlage der Verkaufszahlen für die in der kommenden Woche erscheinende Ausgabe der Musikzeitschrift Billboard.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. April 2007
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, Reuters