Schwieriger Abstieg

Geduldsprobe am Nanga Parbat

Von Bernd Steinle

23. Juli 2008 Die fehlgeschlagene Expedition am Nanga Parbat wird für die beiden Extrembergsteiger Walter Nones und Simon Kehrer zur lebensbedrohlichen Geduldsprobe. Am Mittwoch mussten die beiden Alpinisten einen weiteren Tag in ihrem Biwaklager auf rund 6600 Meter Höhe verbringen, ohne den geplanten Abstieg in Angriff nehmen zu können. „Wir sehen nichts, wir hoffen auf Wetterbesserung“, gab Nones den Rettungskräften nach Angaben des Internetdienstes „Südtirol Online“ am frühen Morgen durch.

Der zweite Kontakt über das Satellitentelefon beendete dann jegliche Hoffnungen: Während im Basislager die Sonne schien, steckten Kehrer und Nones offenbar weiter im Nebel fest. „Uns würden nur wenige Minuten Aufhellung reichen, dann könnten wir die Abstiegsroute festlegen. Im Moment sieht es aber nicht danach aus“, sagte Nones. Damit kann die Hilfsaktion, bei der Nones und Kehrer auf 6000 Meter absteigen und dort mit dem Hubschrauber gerettet werden sollten, frühestens an diesem Donnerstag beginnen. Die Bergsteiger sind nun zehn Tage und neun Nächte auf dem Berg.

Hohes Lawinenrisiko

Nach Ansicht des deutschen Extrembergsteigers Ralf Dujmovits sind Nones und Kehrer dennoch gut beraten, nicht überhastet den Abstieg anzutreten. „Am wichtigsten ist, dass sie da oben genug zu trinken haben“, sagt Dujmovits, der selbst schon auf dem Gipfel des Nanga Parbat stand. Offenbar verfügen die Bergsteiger über genug Gas zum Schneeschmelzen und über ausreichend Verpflegung, um weiter auf dem Berg ausharren zu können.

Die Abstiegsroute sei für die beiden technisch durchaus zu bewältigen, sagt Dujmovits, gefährlich könnten ihnen allerdings mögliche Lawinenabgänge werden. „Am ersten schönen Tag nach einer Schlechtwetterperiode ist wegen des Neuschnees das Lawinenrisiko oft sehr hoch.“ Deshalb könnte der Abstieg auch bei einer Wetterbesserung zu einem riskanten Unterfangen werden. Eine Bergung mit dem Hubschrauber hält Dujmovits auf ihrer derzeitigen Höhe für unwahrscheinlich. „Sie müssen dafür noch weiter absteigen, auf unter 6000 Meter.“ Der beste Zeitpunkt für eine Bergung seien die frühen Morgenstunden. „Da ist die Atmosphäre ruhig und stabil, und die Luft ist noch kalt.“

„Es geht ums nackte Überleben“

Zur schwierigen körperlichen Situation der Bergsteiger kommt das Bewusstsein, beim Aufstieg ihren Gefährten und Expeditionsleiter Karl Unterkircher verloren zu haben, der vor einer Woche in eine Gletscherspalte stürzte und ums Leben kam. Im Moment jedoch, sagt Dujmovits, seien Nones und Kehrer wohl so auf die Rettung des eigenen Lebens konzentriert, dass sie die volle Bedeutung des Unglücks noch gar nicht realisiert haben.

„Jetzt geht es für sie ums nackte Überleben“, sagt er. „Die Trauer tritt da erst mal in den Hintergrund.“ Den Tod ihres Freundes werden sie vermutlich erst hinterher richtig begreifen. „Ich hoffe“, sagt Dujmovits, „dass sie dann auch psychologische Betreuung erhalten.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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