Die Kannibalen unter den Galaxien

Von Harald Marx

01. Januar 2006 Selten ist der Beginn eines neuen Jahres mit einem astronomischen Ereignis verknüpft. An diesem Neujahrsabend ist immerhin die zunehmende Mondsichel zum ersten Mal nach Neumond wieder in der Abenddämmerung sichtbar.

Das erste Erscheinen des Mondes nach der Neumondphase wird Neulicht genannt. Nahezu alle Kulturen, deren Zeitrechnung auf dem Mondkalender beruhen, haben dieses erste Wiederauftauchen der Mondsichel als Beginn eines neuen Mondzyklus verstanden. Monatsanfang war immer der Tag des Neulichts des Mondes. Diesmal läutet das Neulicht auch das neue Jahr ein.

Der Sternhimmel wechselt sein Aussehen

Die Mittagshöhe der Sonne steigt in der ersten Monatshälfte nur langsam an, erst danach beschleunigt sich die Zunahme der Höhe unseres Tagesgestirns. Die Steigerung der Mittagshöhe der Sonne beträgt im Januar insgesamt fünfeinhalb Grad, wobei die Sonnenhöhe bis zum 31. Januar auf zweiundzwanzigeinhalb Grad steigt. Dies bewirkt eine doch beträchtliche Zunahme der Tageslänge um mehr als eine Stunde im Monatsverlauf.

Im Jahresverlauf wechselt der Sternhimmel sein Aussehen, ähnlich wie die Kulissen auf einer Drehbühne. Während im Westen Sternbilder verschwinden, tauchen am Osthorizont neue Sternkonstellationen auf. So zeigt jede Jahreszeit zur jeweils selben Beobachtungsstunde ein anderes Aussehen des Sternhimmels. Der Januarhimmel bietet dabei einen besonders reizvollen Anblick. Er ist regelrecht übersät mit hellen Sternen. Auf einem Himmelsareal von weniger als zehn Prozent der gesamten Himmelsfläche haben sich 40 Prozent der hellsten Sterne erster Größe versammelt. Daher erscheint uns der Winterhimmel so überaus prachtvoll.

Der Monoceros-Gezeitenstrom

Stier, Fuhrmann und Orion stehen jetzt auf oder in unmittelbarer Nähe der Südlinie; Zwillinge, Großer und Kleiner Hund nehmen noch das südöstliche Himmelsareal ein. Bei der Betrachtung des Sternhimmels fernab störender Lichtquellen fällt das zarte Lichtband der Milchstraße auf. Die Milchstraßenregionen des Winters sind zwar etwas lichtschwächer als die der Sommermilchstraße, enthalten aber eine Vielzahl von offenen Sternhaufen sowie Gas- und Staubnebel. Zu nennen sind vor allem die mit bloßem Auge sichtbaren Sternhaufen Plejaden, Hyaden, h und Chi im Perseus sowie Praesepe (M44) im Krebs und, nicht zu vergessen, der prächtige Orionnebel, ein gigantisches Sternentstehungsgebiet. Im Innern solcher Gasnebel spielen sich die ersten Phasen der Sternentstehung ab, bilden sich aus dichten Molekülwolken Protosterne, die von Scheiben aus Gas und Staub umgeben sind, in denen Planeten entstehen können.

Wenn wir das Milchstraßenband im Stier betrachten, haben wir das Milchstraßenzentrum genau hinter uns. In dieser Richtung können die Ausläufer unserer Galaxis mit Hilfe von einigen entfernten Sternhaufen noch mehr als 20.000 Lichtjahre verfolgt werden. Vor drei Jahren fand sich in diesem Gebiet am Rande unserer Galaxis eine ringförmige Struktur. Dabei handelt es sich um einen Gezeitenstrom von Sternen, der aus einer Zwerggalaxis herausgerissen wurde, während diese mit unserer Milchstraße verschmolz. Diese Zwerggalaxie, oder vielmehr das, was von ihr übriggeblieben ist, befindet sich vermutlich im Sternbild Großer Hund. Der Sternstrom wird Monoceros-Gezeitenstrom genannt, da im Sternbild Einhorn (lateinisch Monoceros) der dichteste Teil dieses Stroms zu finden ist. Das Verschmelzen kleinerer Galaxien mit großen Systemen wie unserer Milchstraße kommt wahrscheinlich häufig vor, man spricht auch vom Kannibalismus der Galaxien.

Kassiopeia und Kepheus

Galaxien gibt es in einer Vielzahl von Formen und Größen. Viele sind größer als unsere Milchstraße oder der Andromedanebel, noch viel mehr sind aber kleiner. Die kleinsten werden Zwerggalaxien genannt und enthalten teilweise nur einige Millionen Sterne, weit weniger als ein Promille der Sternzahl unserer Milchstraße. Im Osten ist gerade das Tierkreisbild Löwe, welches die Frühlingssternbilder anführt, aufgegangen. Die Herbstbilder sind allesamt auf das westliche Himmelsgebiet gewandert. Das Pegasusviereck steht untergangsbereit über dem Westhorizont, ebenso die Fische und der Walfisch. Noch recht hoch stehen dagegen der Perseus, die Sternenreihe der Andromeda und das kleine Tierkreisbild Widder, in welchem sich der Planet Mars aufhält. Vom Rigel im Orion zieht sich die Kette der allerdings recht lichtschwachen Sterne, welche die ausgedehnte Konstellation „Fluß Eridanus“ bilden.

Bereits tief in den Nordwesten sind die Zirkumpolarbilder Kassiopeia und Kepheus abgesunken, und vom großen Sommerdreieck sind nur noch die nördlichen Ecksterne Wega und Deneb in unmittelbarer Nähe des Nordwesthorizonts zu finden. Der Abendstern Venus wechselt im Januar vom Abend- auf den Morgenhimmel. Im ersten Monatsdrittel spielt Venus noch ihre Rolle als Abendstern, im letzten Januardrittel ist sie schon Morgenstern. Am 14. Januar steht die Venus in unterer Konjunktion mit der Sonne. Von der Erde aus betrachtet, hält sie sich dann zwischen dieser und der Sonne auf. Auch der sonnennächste Planet Merkur befindet sich im Januar dicht bei der Sonne und entzieht sich dadurch unseren Blicken.

Mars übertrifft den Saturn an Helligkeit

Der Abendhimmel wird von dem planetaren Duo Mars und Saturn beherrscht. Rechnet man diese beiden Wandelsterne dazu, befinden sich insgesamt ein Dutzend Sterne erster Größe und heller am abendlichen Sternhimmel.

Zu Monatsbeginn übertrifft Mars den Saturn an Helligkeit. Die Marshelligkeit nimmt aber rasch ab, und nach der Monatsmitte ist der Ringplanet Saturn der hellere der beiden. Der Mars bewegt sich im Tierkreisbild Widder in östlicher Richtung auf die Plejaden zu. Im Monatsverlauf verlagert er seine Untergänge von 3.30 Uhr auf 2.30 Uhr. In den Abendstunden des 8. Januar stattet der Mond dem roten Planeten einen Besuch ab. Saturn steht am 28. des Monats in Opposition zur Sonne. Er ist damit die gesamte Nacht über sichtbar. Er steht unmittelbar südlich des offenen Sternhaufens Praesepe (M44), welcher dadurch leicht zu lokalisieren ist. Am 15. Januar hält sich der nahezu volle Mond in der Nähe des Ringplaneten auf.

Der Riesenplanet Jupiter bleibt im Januar ein Beobachtungsobjekt des Morgenhimmels. Er kann seine Aufgänge im Januar allerdings deutlich um eineinhalb Stunden vorverlegen und geht am Monatsende schon gegen zwei Uhr auf. Am 24. Januar hält sich der abnehmende Mond in Jupiternähe auf. Die äußeren Planeten Uranus und Neptun stehen im Januar am Taghimmel und fallen als Beobachtungsobjekte aus.

Sonne: 1. Januar, Sonnenaufgang 8.25 Uhr; Sonnenuntergang 16.33 Uhr; 31. Januar, Sonnenaufgang 8.01 Uhr; Sonnenuntergang 17.17 Uhr.

Mond: 6. Januar, 19.56 Uhr: erstes Viertel; 14. Januar, 10.48 Uhr: Vollmond; 22. Januar, 16.14 Uhr: letztes Viertel; 29. Januar, 15.16 Uhr: Neumond.



Text: F.A.Z., 31.12.2005, Nr. 305 / Seite 12
Bildmaterial: dpa

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