Eurovision Song Contest

Gracia schweigt

Von Peter-Philipp Schmitt, Kiew

Für Israel dabei: Shiri Maimon

Für Israel dabei: Shiri Maimon

20. Mai 2005 Gracia spricht nicht mehr. Was nicht weiter schlimm ist, weil sie ja in Kiew für Deutschland singen soll. Daß sie sich den angereisten Medienvertretern trotzdem strikt verweigert, ist zwar unprofessionell, aber irgendwie verständlich.

Dabei hatte nicht einer von ihnen das heikle Thema „Brandes und die Chartmanipulation“ bei den von offizieller Seite zur Pflicht ernannten Pressekonferenzen angesprochen. Warum auch? Gracia vertritt Deutschland, komme, was da wolle.

Auch Bulgarien erlebte einen Skandal

Selbst Schlagzeilen der heimatlichen Boulevardpresse können daran nichts ändern: „Was macht David Brandes in Kiew?“ fragt beispielsweise „Bild“ provokativ, als sei die Anwesenheit von Gracias Manager an sich schon ein Skandal. Die Antwort: Er bleibt im Hintergrund, kümmert sich vorgeblich um vier Estinnen, die sich „Vanilla Ninja“ nennen und für die Schweiz mit einem Song („Cool Vibes“) antreten, den Brandes komponiert hat.

John O'Flynn hingegen ließ sich bei den Bühnenproben nicht blicken: vielleicht weil sein Text wegen Belanglosigkeit kritisiert wird. Dabei sind traditionell mindestens zwei Drittel der Eurovision-Song-Contest-Beiträge mehr als banal. Und das ist auch dieses Jahr in Kiew nicht anders. Fest steht schon jetzt: die Schweiz wird mehr Punkte aus Estland bekommen als Deutschland.

Alleine steht Brandes, dem vorgeworfen wird, CD-Einkäufe manipuliert zu haben, um Gracia am Stichtag 8. Februar unter die Top 40 der deutschen Single-Charts und damit in den Eurovisionsvorentscheid zu bringen, am Vortag des Finales nicht: auch Bulgarien erlebte einen Skandal.

Skandale hochzukochen, fällt selbst der Boulevardjournaille schwer

Slavi Trifonov, Fernsehstar mit eigener Late-Night-Show, weigerte sich zunächst, bei der bulgarischen Vorrunde sein Lied zu singen: „Ich will nicht an einer Lüge beteiligt sein.“ Sein Vorwurf: die Boyband „Kaffe“ habe 50.000 Euro ausgegeben, um das Televoting für sich zu entscheiden. Beweise hatte er keine.

So mußte Trifonov erleben, nachdem er gesungen hatte, wie die in Bulgarien überaus beliebte Gruppe Kaffe das Televoting für sich entschied. Kaffe, obwohl mit dem Zusatz Boyband fast schon verunglimpft, ist nicht, wie man vermuten würde, aus einer der vielen Superstar-Fernsehshows hervorgegangen: Neben Gracia („Deutschland sucht den Superstar“) gehören fast ein Duzend Sänger aus den 39 Teilnehmerstaaten zu den „Novos Talentos“, wie die Sendung in Portugal heißt, die Rui Drumond gleich zweimal hintereinander gewann.

Wie schwer es für die versammelte Boulevardjournaille ist, Skandälchen so hochzukochen, daß sie ganze Nationen erschüttern, beweisen die von ihrem Königshaus in letzter Zeit verwöhnten schwedischen Kollegen. Dem allzu brav wirkenden Martin Stenmarck, der sich mit einer merkwürdigen Hymne auf „Las Vegas“ versucht, ist offenbar kaum beizukommen.

Aus dem Rest Europas dringt kaum etwas nach Kiew

Nur gut, daß Stenmarck, zugleich Botschafter für Schwedens SOS-Kinderdörfer, in einem Kiewer Hotel abgestiegen ist, das mit einem Stripclub ausgestattet ist. Das reichte, um die Blätter zu füllen. Verschwiegen wurde, daß Stenmarck in einem der besten Häuser am Platz wohnt, in dem etliche Delegationen untergebracht sind. Wer sich darüber wundert, den erstaunen wohl auch die hübschen Frauen, die abends an der Hotelbar sitzen und scheinbar sehnsüchtig in die Runde der Anzugträger blicken. Erzählt wird, daß sich die Nackttänzerinnen früher ein Zubrot verdienten, in dem sie den Hotelgästen zunächst züchtig auf Violine und Cello vorspielten.

Auf den Außenpopsten des Eurovision Song Contest wiederum lassen sich „Skandale“ offenbar oft kaum medial verarbeiten. So wird wohl nur außerhalb Weißrußlands gemunkelt, Angelica Agurbash, die Anfang der Neunziger „Miss Photo USSR“ war, lasse sich ihr Comeback in Kiew sponsern. Ansonsten dreht sich in Kiew alles um - Kiew. Aus dem Rest Europas, wohin es die Ukraine nicht erst seit Ruslanas Coup beim Eurovision Song Contest in Istanbul 2004 mächtig zieht, dringt kaum etwas herüber.

Gracia statt hochhackig barfuß - das fällt nicht so schwer

Gracia? Ist das nicht die über Nacht dunkel gewordene Blondine aus Deutschland? Die ihre erste Probe in den Sand setzte? Immerhin hatte sie nicht vor laufenden Kameras und bereits zahlendem Publikum ihren Text vergessen wie Luciana Abreu, die mit Rui Drumond als „2B“ für Portugal startet. Allerdings fiel es der Deutschen ebenfalls sichtlich schwer, sich auf der Bühne des Palats Sportu zurechtzufinden. Am Dienstag zeigte sich Gracia in besserer Form, auch weil ihre Choreografie über Nacht geändert wurde: Statt eine Rampe in hochhackigen Schuhen hinunterzustaksen, springt sie nun barfuß von einem Podest auf die Bühne. Auch gelang es ihr auf Anhieb, in die Kameras zu lächeln, was Künstlern sonst eigentlich nicht allzu schwerfällt.

Der Dienstag war überhaupt ein guter Tag: Gracia sprach - noch - mit deutschen Journalisten und startete ihre „Zwölf-Punkte-aus-der-Ukraine“-Kampagne. Ungefragt plapperte sie auf ukrainisch „Ich liebe Kiew“ und lobte die von den Ukrainern hochverehrte Ruslana. Abends durfte Gracia, als einzige Teilnehmerin aus einem westlichen Land, bei einem von Ruslana organisierten Benefiz-Konzert auftreten.

Ruslana - auch ihr Image hat gelitten

Schlau, wie der deutsche Mister Eurovision vom NDR, Jürgen Meier-Beer, nun mal ist, zeigte sich Gracia in einem T-Shirt, auf dem der Name der ukrainischen Band Greenjolly prankte. Als sie sich zum Schluß der Veranstaltung - von Meier-Beer auf die Bühne geschoben - noch einmal mit den Nationalhelden Greenjolly und einer ukrainischen Flagge zeigte, kannte der Jubel keine Grenzen.

Auch wenn sich die diesjährigen Eurovision-Teilnehmer aus der Ukraine nicht mit Ruslana vergleichen können, so verhilft ihnen ihre Revolutionshymne „Razom nas bahato“ (Gemeinsam sind wir viele) zu großer Popularität. Superstar Ruslanas Image hingegen ist inzwischen ähnlich angekratzt wie Gracias: Wütend trat sie von der Moderation des Eurovision-Finales am Samstag abend zurück, als Stimmen laut wurden, ihre Sprachkenntnisse reichten nicht aus, um die Länderpunkte auf englisch und Französisch zu vergeben. Das wiederum interessiert in der Ukraine kaum jemanden, denn dafür wird das Idol zwei bislang unbekannte Lieder präsentieren - auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz und Ort der friedlichen Winterrevolution von 2004.

Text: F.A.Z., 20.05.2005, Nr. 115 / Seite 44
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS

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