Todesanzeigen

„Aus die Maus“

Mehr als dreißig Jahre lang hat Christian Sprang ungewöhnliche Todesanzeigen gesammelt. Die besten gibt es jetzt als Buch.

Mehr als dreißig Jahre lang hat Christian Sprang ungewöhnliche Todesanzeigen gesammelt. Die besten gibt es jetzt als Buch.

24. August 2009 Christian Sprang, Justiziar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, betreibt seit sechs Jahren die Website „todesanzeigensammlung.de“. Nun hat er gemeinsam mit dem Autor Matthias Nöllke das Buch „Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen“ veröffentlicht.

Herr Sprang, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet Todesanzeigen zu sammeln?
Sprang: Ich habe schon als Student welche gelesen und irgendwann angefangen, die besten auszuschneiden. Später bekam ich dann auch welche von Freunden zugesteckt, und seit ich die Sammlung ins Internet gestellt habe, schicken mir wildfremde Menschen Anzeigen zu.

Was macht in Ihren Augen eine gute Anzeige aus?
Sprang: Die sprachliche Gestaltung muss sich abheben von den üblichen Floskeln, die man in Todesanzeigen findet.
Nöllke: Und die Anzeige sollte dem Leser eine Idee davon geben, wie der Mensch gewesen ist. In dem Buch gibt es zum Beispiel die Anzeige: „Nie gekämpft, im Strom des Lebens getrieben … darin untergegangen.“ Man stellt sich unweigerlich einen Tagträumer vor, und das ist viel mehr, als gewöhnliche Anzeigen leisten.

Welche Anzeigen haben Sie besonders neugierig auf die Verstorbenen oder deren Angehörige gemacht?
Sprang: Die Anzeige, die ein Enkel für seine Großmutter aufgesetzt hat. Da heißt es unter anderem: „Ich dank Dir so für all Deine Zeit und Dein Herz, für Deine ernsten und Deine guten Worte mit mir. Wenn meine Tränen trocknen, schreiten wir weiter. Du bist mir Mut und Stärke, meine kleine liebste Omi, und ich weiß, tief in mir bist Du dabei. Eck hev Di sou leev“. Man erkennt darin die Liebe, die er für sie empfunden hat, außerdem zeugt sie von einem hohen Sprachgefühl und einem Sinn dafür, solche Lebenserfahrungen auszudrücken.
Nöllke: Meine Lieblingsanzeige ist eine, die mit sehr feiner Ironie geschrieben ist: „Ich spare mir die Heizungskosten, ziehe längere Hosen an, ziehe zu meiner Frau Hilda um und hinterlasse…“

Gibt es regionale Unterschiede bei den Einsendungen
Nölke: Die Schweiz ist ein erstaunlich fruchtbares Gebiet, was ungewöhnliche Anzeigen angeht.
Sprang: Südlich des Mains hat man oft Anzeige mit Foto oder Bibelzitaten. Im Norden findet man vermehrt säkulare Ersatzformen wie Zitate aus dem „Kleinen Prinzen“. Aber die richtig guten Anzeigen schießen überall aus dem Boden, wie seltene Pilze. Zum Beispiel Hassanzeigen.
Nöllke: Manche Zeitungen lehnen Hassanzeigen sogar ab!
Sprang: Ja, das sind ganz seltene Stücke. In denen bricht sich etwas in den Leuten Bahn, was sie das ganze Leben bewegt hat. Das sind Festtage für den Sammler, wenn er solche findet.

Warum genau sammeln Sie eigentlich?
Sprang: In Todesanzeigen ist das ganze Leben komprimiert. Das ist eine unheimlich ergreifende Textform. Und irgendwann stirbt man ja selbst, deswegen betreffen sie auch jeden.

Wo findet man die besten Anzeigen?
Nöllke: Anzeigen aus der F.A.Z. sind sehr reich vertreten in dem Buch. Das ist erstaunlich, da man ja vermuten würde, dass Anzeigen, die so ein bisschen aus dem Ruder laufen, eher in Regionalzeitungen erscheinen. Dem ist aber nicht so. In der F.A.Z. findet man echte Schmuckstücke, zum Beispiel Adelsanzeigen. In denen wird manchmal ein sehr pathetischer Ton angeschlagen, der auf den bürgerlichen Leser komisch wirkt. Als Kontrast finden sich in Anzeigen Spitznamen, die bisweilen an Figuren aus der Augsburger Puppenkiste erinnern.
Sprang: Aber unfreiwillig komische Anzeigen wird man in der F.A.Z. nicht finden. Die gibt es eher in den ganz kleinen Zeitungen. Insgesamt kann man sagen, dass die Zahl der ungewöhnlichen Anzeigen wächst. Das hängt mit der Individualisierung zusammen. Die Leute wollen für ihre Verstorbenen nicht die gleiche Anzeige, die der Nachbar hatte. Immer mehr Angehörige setzen sich auch gegen die Vorschläge der Bestatter durch. Insbesondere bei den Gedächtnisanzeigen, die ein Jahr nach dem Tod erscheinen, kann man viele gute finden.

Sind Sie schon mal von Bekannten gefragt worden, ob Sie für sie eine Todesanzeige aufsetzen?
Sprang: Nein, aber ich bin schon angesprochen worden, ob ich nicht eine Todesanzeigen-Beratungsstelle aufmachen will. Und es gibt einen Dozenten, der Bestattern beibringt, wie sie die Familien beim Aufsetzen einer Anzeige beraten sollen. Der nutzt sehr stark meine Sammlung. Manchmal schicken mir dann Bestatter mit einem gewissen Stolz ihre selbstformulierten Anzeigen zu.

Ihre Lieblingsanzeigen?
Sprang: „Das schallende Gelächter auf Deine haltlos derben, irrwitzigen Späße hat uns ergötzt und wird uns fehlen. Deine Liebe zu Jazz bei Alkohol mit Texten war hell und klar, wie ein Herrengedeck. Möge der Herr Dir ein guter Wirt sein. Deine Freunde aus dem mampf“. Die finde ich unglaublich witzig.
Nöllke: „Wie im Leben - Oma rief - Opa kam.“ Man bekommt einen Eindruck von dem Verhältnis, das die Leute zueinander hatten. Und es spricht viel Liebe und Originalität daraus.
Sprang: Die gefällt mir auch besonders gut. Und noch eine: „Tumor is, Rumor is, Humor is nich.“

Wie sollte Ihre eigene Todesanzeige lauten?
Nöllke: Das mögen meine Hinterbliebenen entscheiden. Ich habe da keine Wünsche.
Sprang: Wir haben einen biblischen Trauerspruch in der Familie, weil mein Urgroßvater Pfarrer war. Der steht bei uns bei jedem Verstorbenen in der Anzeige, und das finde ich eigentlich gut.

Die Fragen stellte Katrin Hummel.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Hintersteiner, Kiwi Verlag, Kiwi-Verlag

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