Trockenheit

Aprilenglut tut selten gut

Der Pegel der Elbe bei Dresden lag am Donnerstag bei 120 Zentimetern

Der Pegel der Elbe bei Dresden lag am Donnerstag bei 120 Zentimetern

26. April 2007 Dieser April ist nicht normal. Das dürfte inzwischen auch dem letzten Wetter-Muffel klar sein. Dass die Messwerte wahrscheinlich alle Rekorde brechen werden, auch. Doch welche Dimension die Sache hat, das zeigen erst die jüngsten Prognosen des Deutschen Wetterdienstes: In den Hochrechnungen der Offenbacher Staatsmeteorologen erreicht die Monatsdurchschnittstemperatur für Deutschland 11,8 Grad. Das sind sagenhafte 4,4 Grad mehr als üblich und das höchste Aprilmittel seit Beginn der regelmäßigen Wettermessungen im Jahr 1901. Noch nie lag der deutsche Monatsdurchschnitt im April über der 11-Grad-Marke, der bisherige Rekord aus dem Jahr erreichte 10,6 Grad.

Ähnlich warm wie in diesem Jahr ist es im April normalerweise im französischen Bordeaux (11,1 Grad), im spanischen Bilbao (11,8 Grad) oder im italienischen Venedig (12,2 Grad). Noch erstaunlicher sind die Prognosen für die Sonnenscheindauer: Die wird für den April auf insgesamt rund 280 Stunden taxiert - etwa 180 Prozent der üblichen Dauer von 152,3 Stunden. Der bisherige Rekordwert aus dem Jahr 1968 (216,9 Stunden) wird damit deutlich in den Schatten gestellt, und selbst der legendäre August 2003, als sich die Sonne über Deutschland durchschnittliche 277,2 Stunden lang zeigte, dürfte bis einschließlich Montag übertroffen werden.

Schließlich dürfte der April 2007 auch bei der Trockenheit bemerkenswerte Maßstäbe setzen: Auf 4,1 Millimeter durchschnittlichen Niederschlag schätzen die Wetterdienstler die monatliche Regenmenge. Auch das hat es seit 1901 noch nie gegeben. Bislang galt der April 1974 mit 21,3 Millimetern als der trockenste aller Zeiten - kein Wunder bei einem Normalwert von 58,3 Millimetern. Behalten die Meteorologen mit ihrer Prognose recht, dann ginge der diesjährige April als der trockenste Monat überhaupt in die Annalen ein und würde den bisherigen Rekordhalter, den Oktober des Jahres 1908, in dem es 4,2 Millimeter regnete, noch unterbieten. (bad.)

***

Der April lässt es wachsen - normalerweise. In diesem Jahr allerdings treiben Trockenheit und Wärme die Landwirte in die Verzweiflung. Das Wintergetreide, das schon im Herbst gesät wurde und jetzt die Halme ausbilden sollte, könne bei einem solchen Trockenstress statt vier Halmen eben nur noch zwei Halme ausbilden, sagt Michael Lohse vom Deutschen Bauernverband. Da seien Ernteeinbußen programmiert. Sommergetreide wie Sommergerste und Hafer wiederum, auch Zuckerrüben und Mais, die im Frühjahr gelegt wurden, müssen nun Wurzeln bilden, damit sie Wasser - und mit dem Wasser Nährstoffe - aus dem Boden ziehen können. Da es lange nicht geregnet hat, in einigen Gegenden Deutschlands sogar im April noch gar nicht, ist für die Pflanzen nichts zu holen.

Besonders die Oberkrume ist staubtrocken. Weil Lößböden etwa in der Soester oder der Magdeburger Börde ein besseres Wasserhaltevermögen haben, sind sie nicht so betroffen wie leichte Sandböden, die den Pflanzen nichts mehr bieten können. Bei 30 Grad, wie sie in diesen Tagen teilweise herrschen, verdunstet zudem das bisschen Wasser, das die Pflanzen gespeichert haben. Auch das Gras wächst nicht so, wie es sollte: Es müsste Ende April eigentlich doppelt so hoch sein. Bald muss gemäht werden, weil die Gräser schon blühen.

Aber aus wenig Gras werden nur flache Silos an den Bauernhöfen entstehen. Das heißt, dass viele Landwirte jetzt schon damit rechnen müssen, Winterfutter für die Tiere zuzukaufen, weil die Silage nicht ausreicht. Von dem schönen Wetter profitieren eigentlich nur die beregneten Obst- und Gemüsefelder. Die Obstblüte verlief in diesem Jahr nach Worten Lohses sehr gut. Und der Spargel, der tiefer in den Boden reicht und zudem oft durch Planen abgedeckt ist, liebt die Wärme. Er wird seit vier Wochen geerntet. Selbst in Thüringen wurde schon am Mittwoch die Saison eröffnet. Während im vergangenen Jahr vor allem die Spargelbauern klagten, weil der Ertrag wegen Kälte und Nässe zurückgegangen war, freuen sie sich nun über wachsende Erträge - und alle anderen Bauern haben zu klagen. (kai.)

***

Die Binnenschiffer auf dem Rhein blicken vor dem Ablegen immer nach Oestrich im hessischen Rheingau. Nahe am historischen Weinverladekran von 1745 wird automatisch und kontinuierlich die Wassertiefe gemessen. Hier ist der Strom mit rund 1000 Metern besonders breit und so flach wie sonst nirgendwo im Rhein. Der Pegel Oestrich fällt in diesem regenarmen Frühjahr seit einigen Wochen langsam, aber stetig. Für diesen Freitag sind 1,30 Meter vorhergesagt, 50 Prozent weniger als noch vor vier Wochen. Das ist zwar wenig, aber noch weit von den dramatischen Tiefstständen von 50 Zentimetern entfernt, die im Jahr 2003 die Schifffahrt behindert und schließlich weitgehend lahmgelegt hatten.

Auf diesen Pegelwert kann der Schiffsführer noch 1,05 Meter Wasser hinzurechnen, um den Wert für die Tiefe der Fahrrinne und damit den maximalen Tiefgang zu erhalten. Das garantiert das zuständige Wasser- und Schifffahrtsamt. Sonst werden die durch Anschwemmungen entstandenen Untiefen ausgebaggert. Anders als bei Hochwasser entscheidet bei Niedrigwasser nicht eine Behörde über die Schiffbarkeit des Rheins und seiner Nebenflüsse, sondern die Ökonomie. Der Pegel Oestrich diktiert den Kapitänen die sogenannte Abladetiefe für ihre Schiffe: Je schwerer die Ladung, desto höher der individuelle Tiefgang der einzelnen Schiffe. Unter Berücksichtigung des Tiefgangs, des aktuellen Oestricher Pegelwerts und der Tendenz bei der Entwicklung des Wasserstands bis zum Passieren des Mittelrheintals kann der Schiffsführer die maximale Ladung bestimmen.

Je weiter der Pegel fällt, desto geringer der maximale Tiefgang, desto geringer die transportierbare Ladung und desto ungünstiger die Kalkulation für einen Gütertransport über den Rhein. 20 Zentimeter sollten es zwischen Kiel und Rheingrund schon immer sein, um ein gefahrloses Navigieren sicherzustellen. Zudem gilt die Strecke zwischen Mainz und Koblenz als nautisch besonders anspruchsvoll. Seit der Beseitigung des „Binger Lochs“ im Jahr 1974 gilt ein fünf Kilometer langer und kurviger Abschnitt zwischen Oberwesel und St. Goar als der anspruchsvollste auf deutschen Binnenwasserstraßen. Im Rheintal zwischen Stromkilometer 580 und 500 wechselt die Strombreite zudem zwischen 170 und 1100 Metern, weshalb sich die Wasserstände bei wechselnden Zu- und Abflüssen sehr unterschiedlich verändern. Gefahrlos ist der Weg daher nicht, auch wenn seit 40 Jahren kaum noch Lotsen eingesetzt werden. Und der Blick der Kapitäne geht immer nach Oestrich. (obo.)

***

Ins Freibad gehen Karlsruher seit Jahren früher als andere. Vor allem abgehärtete Senioren stiegen schon am 24. Februar in das Freiluftbecken des Sonnenbades, das seinen Gästen für diesen Service einen Heizkostenzuschuss von 1,50 Euro abnimmt. Doch während an kühlen Tagen die zwei, drei Meter zwischen den beheizten Umkleidekabinen und dem angenehm temperierten Wasser im Spurt überwunden werden, schlendern die Badegäste seit einigen Tagen gemächlich zum Beckenrand.

Während der „Wasseraufbereiter“ Patrick Fischer erzählt, dass sich werktags schon knapp 1000 Leute statt der zu dieser Jahreszeit üblichen 300 abkühlen, klingt im Hintergrund Geschrei wie an einem Hochsommertag. Am vergangenen Sonntag kamen sogar 1800 Badegäste. Andernorts startet die Badesaison erst an diesem Wochenende. In Berlin geht es von Samstag an „nischt wie raus nach Wannsee“.

Nur im Strandbad Weißensee, das auch im Winter nicht schließt, wird schon früher gebadet. Auch in Frankfurt öffnet das Freibad Hausen schon im April. Einige Städte reagieren spontan auf den ungewöhnlich heißen Frühling und ziehen die Badesaison, die gewöhnlich am 1. Mai beginnt, um einige Tage vor. In München öffneten die Stadtwerke schon am Mittwoch das Michaelibad, in Hamburg konnten die ersten Badegäste am Donnerstag in drei Freibädern im Sonnenschein schwimmen. (rsch.)

***

Waldbesucher sollten wegen der großen Brandgefahr keine Zigarettenkippen wegschmeißen, kein offenes Feuer entzünden und Autos außerhalb des Waldes parken. Nach Angaben des Bundesgeschäftsführers der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, Christoph Rullmann, ist die Waldbrandgefahr „sehr dramatisch“. Langfristige Schäden wegen der großen Hitze seien indes noch nicht absehbar. Der Deutsche Wetterdienst hatte schon Anfang der Woche für fast ganz Deutschland die zweithöchste Waldbrand-Gefahrenstufe ausgerufen, im Osten sogar die höchste. (kn.)

***

In einigen Teilen Italiens macht schon das Wort vom „Notstand“ die Runde, nachdem Anfang der Woche im Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung Experten zusammengekommen waren. Das brachte den Italienern zu Bewusstsein, dass der frühe Ausbruch des Sommers und das strahlende Sonnenwetter auch negative Auswirkungen haben könnten. Als da sind, wie die Sadisten des Ministeriums sogleich auflisteten: Wasserrationierung oder zumindest glühende Aufrufe zum Sparen, Stromsperren für große Unternehmen und kleine Verbraucher, teure Stromzukäufe im Ausland.

Dazu wurde in den Medien sofort Bedenkliches illustriert: der Po, der größte Fluß der Apennin-Halbinsel im Norden, auf besorgniserregend tiefe Wasserstandsmarken gefallen; die norditalienischen Alpenseen weit unter ihrem aprilgemäßen Niveau; Bauern, die ihr Gesicht in zerquälte Falten legen; dazu die anklagenden Verweise darauf, dass die Wasserleitungen in Italien alt seien, uralt, ja teilweise gar antik, und deshalb mehr als 30 Prozent des Wassersegens auf dem Weg zum Endverbraucher versickerten.

Das ist allerdings schon seit Jahrzehnten so, ohne dass man, wie einst im Süden, die Sanierung der großen und kleinen Rohre als nationale Aufgabe angesehen hätte. Denn eigentlich fehlt es in Italien nicht an Wasser. In den Alpen und im langen Apennin regnet es, übers Jahr gesehen, genug. Also werde, so denkt man, wohl auch in diesem Jahr die Katastrophe ausbleiben. Und richtig. In der Wochenmitte sorgten Gewitter in den Bergen für Wassernachschub, und die römischen Brunnen sprudeln weiter sehr verschwenderisch. (hjf.)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, Franz Bischof, ZB

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Das Luftbild zeigt Bewässerungsanlagen auf einem Feld in der Nähe von Mintraching in der OberpfalzDie Gebote für den Wald: keine Zigarettenkippen wegschmeißen und kein offenes FeuerSengende Hitze macht auch den Tulpen zu schaffenDas Getreide zeigt erste Schäden: bei Trockenstress können nicht alle Halme wachsenZartes Grün: Sie müssen nun Wurzeln bilden, damit  sie Wasser aus dem Boden ziehen könnenEin Pflänzchen kämpft sich durch die trockene ErdeAuch in Düsseldorf führt der Rhein NiedrigwasserKleingärtner freuen sich: die Vegetation blüht viel früher als normalBeim Wandern knirscht es derzeit unter den StiefelnAbkühlung: dieses Jahr wird schon früher gebadet Die Waldbrandgefahr ist “dramatisch“ - in Hanau-Wolfgang hat es schon gebranntTrockenheit in der Lausitz - nach mehreren Wochen ohne Regen enstehen StaubfahnenGegen den ausgedörrten Boden hilft nur eins: die BewässerungsanlageDie Boote der Freizeitkapitäne am Ufer des Sylvenstein Stausees liegen auf dem TrockenenDie Trockenheit treibt die Landwirte in die VerzweiflungBei der Hitze hilft nur eins: mit dem Handtuch kapitulierenJe weiter der Pegel des Rheins fällt, desto gefährlicher wird es für ContainerschiffeAufgegeben: Wer nicht genug Wasser gespeichert hat, der vertrocknetDas Leben genießen - wie hier im Freibad in MagdeburgMassenandrang: mehr als 2200 Frankfurter zog es am Wochenende ins Freibad Hausen
Anzeige

Kredit Vergleich - ab 3,45% eff. p.a.!
Vergleichen Sie hier kostenlos die aktuellen Konditionen der Banken und sehen Sie auf einen Blick die besten Kredite. Schnelle Antwort der Banken!
Kreditbetrag in €
Laufzeit