Mailänder Möbelmesse

Auf violettem Nerz zu Hause

Von Peter-Philipp Schmitt, Mailand

22. April 2007 Armani, Fendi, Missoni und Versace: Es ist wieder Möbelmesse in Mailand - und auch Italiens Modeschöpfer versuchen sich an Inneneinrichtungen. Giorgio Armani bittet zum exklusiven Rundgang durch seine „Armani Casa“ an der Via Manzoni, Fendi und Missoni sind auf dem neuen Messegelände der Fiera Milano im lombardischen Städtchen Rho vertreten, das gut 15 Metro-Stationen und damit eine gute halbe Stunde Fahrzeit vom Mailänder Dom entfernt liegt. Versace zeigt seine „collezione casa“ an der Via Gesu. Dort stehen zwar auch Tische, Stühle und Vasen mit dem unverkennbaren „Medusa“-Gesicht, besonders erwähnenswert scheint jedoch der im - wie es heißt - „Königreich des Luxus“ zur Schau gestellte Lamborghini und ein von Versace entworfener Helikopter.

Missoni wiederum hat ein paar Sesseln Missoni-Kleider übergestreift, und Fendi (mit dem wohl einzigen Messestand mit „Türkontrolle“) richtet sich mit seinen gelackt wirkenden Ledersofas offenbar vor allem an arabische Potentaten und russische Neureiche. Von hoher Qualität ist das meiste nicht. Immerhin sorgen die Couturiers für ein wenig Glamour - und das nutzen auch etablierte Möbelhersteller, die ganz bewusst mit berühmten Modedesignern zusammenarbeiten. Bestes Beispiel: Das aus Mailand stammende Unternehmen Kartell konnte Dolce & Gabbana dafür gewinnen, dem von dem Franzosen Philippe Starck entworfenen Kunststoffstuhl „Mademoiselle“ ein künstliches Leopardenfell überzuziehen.

Beine und Lehnen laufen wie ein Knoten zusammen

Stefan Diez, Joris Laarman, Edward Barber und Jay Osgerby: Es ist wirklich Möbelmesse in Mailand - und die besten Produktdesigner der Welt zeigen auch herausragende Neuheiten. Wie jedes Jahr gibt es einige wenige Namen, die man zwar nicht zum ersten Mal, aber plötzlich doch fast überall zu hören bekommt. In diesem Jahr zählen unter anderen der Münchner Diez (Jahrgang 1971), die Briten Barber und Osgerby (beide Jahrgang 1969) und der 1979 geborene Niederländer Laarman dazu. Diez, der längst kein Newcomer mehr ist und zuletzt mit seinem „Ideal House“-Entwurf bei der Kölner Möbelmesse 2006 für Furore sorgte, hat sich an einen Bugholzstuhl für das traditionsreiche Familienunternehmen Thonet im hessischen Frankenberg gewagt.

Herausgekommen ist eine kleine Sensation - und das in nur neun Monaten: Diez' „404“ erinnert stark an den Bugholzklassiker „209“, auch „Wiener Sessel“ genannt, der um 1900 von August Thonet entworfen wurde. Beim „404“ indes laufen die gebogenen Beine und Lehnen unter der Sitzfläche wie in einem Knoten zusammen, eine Verbindung, die ohne jede Zarge oder Verschraubung auskommt. Auch die Sitzfläche ist dank modernster Technologie markant gebogen, das Holz, in dessen Unterseite der „Knoten“ eingelassen ist, wird zum Rand hin dünn und dünner, wodurch das Möbel fragil, fast zerbrechlich wirkt. Die schlanke Rückenlehne aus Holz federt zudem beim Zurücklehnen angenehm nach.

Zwei Messen auf einem Gelände

Barber-Osgerby, in Mailand unter anderen bei Cappellini, Magis und Quodes vertreten, zeigen ihren Garderobenständer „Saturn“ (Classicon). Das aus drei 165 Zentimeter langen Holzbögen bestehende Objekt scheint auf seinen drei Beinen zu tänzeln, ist aber enorm standfest. Leicht lassen sich Mäntel und Jacken überstülpen, an im Holz befestigten Metallhaken kann man auch einfach Kleiderbügel hängen. Joris Laarman, bekannt geworden mit seinem sich an der Wand entlangrankenden Heizkörper „Heatwave“, präsentiert am „Euroluce“-Stand von Flos seine Leuchte „Nebula“, die aus Nebelhörnern zusammengesetzt zu sein scheint. Das voluminöse, doch elegante Gebilde strahlt hell wie ein Stern oder, so drückt es Laarman aus, wie ein „leuchtender Galaxiennebel, der von der Decke hängt“.

Gleich zwei Messen sind seit Mittwoch und noch bis zum heutigen Montag auf dem rund 210.000 Quadratmeter großen Gelände in Rho zu sehen: der „Salone Internazionale del Mobile“ auf rund 160.000 Quadratmetern und mit 1415 Ausstellern (2006 waren es noch 1506 auf 150.000 Quadratmetern), davon 248, die nicht aus Italien stammen; und die Beleuchtungsmesse „Euroluce“ (gut 50.000 Quadratmeter groß), die nur alle zwei Jahre stattfindet.

Kölner Möbelmesse verkommt

Die Zahl der deutschen „Salone“-Aussteller ist fast unverändert: 2006 waren es 21, diesmal sind es 22. Viel scheint das nicht, allerdings haben zum Beispiel auch nur drei Hersteller aus den Vereinigten Staaten einen Platz auf der Messe bekommen. Das im vergangenen Jahr eröffnete Gelände des Architekten Massimiliano Fuksas ist schon jetzt viel zu klein. Es heißt, man denke über eine Erweiterung nach.

Nach den Jahren der konjunkturell bedingten Einbrüche zeigt sich die Möbelindustrie in Mailand wieder guten Mutes. Die Nachricht, dass Jochen Witt, Chef der Kölnmesse, vom Kölner Oberbürgermeister beurlaubt wurde, erreichte die stolzen Lombarden gerade zur rechten Zeit - am Tage vor dem Beginn des „Salone“. Seit Jahren schon verfolgen die Organisatoren der erfolgreichsten Möbelmesse der Welt, Cosmit, genüsslich, wie die Möbelmesse am Rhein zu einer Veranstaltung von nur noch regionaler Bedeutung verkommt.

Winterlicher Einsatz von Fell

Ob es an der gehobenen Stimmung liegt oder am nahenden Sommer: Die Möbel wirken wieder freundlicher und scheinen eine Spur erlesener zu werden. Weißes Leder in Verbindung mit hellem Holz findet sich beinahe an jedem Stand. So bringt Vitra eine „Sommervariante“ seines berühmten „Lounge Chair“ von Charles und Ray Eames auf den Markt. In Walnussholz und mit weißem Leder hat man den mehr als 50 Jahre alten Klassiker noch nicht gesehen. Auch der Franzose Philippe Starck setzt für Cassina genauso auf helle Tierhaut wie die Spanierin Patricia Urquiola für B&B Italia.

Eher winterlich mutet hingegen der Einsatz von Fell an. Sah man in den vergangenen Jahren vor allem das Haarkleid von Pony und Kuh auf Sesseln, Sofas und Barhockern, so sind es nun erlesene Pelze. Cappellini verweist in seinem „Store“ an der Piazza San Babila selbstbewusst auf die Zusammenarbeit mit dem dänischen Hersteller Saga Furs. So hat etwa der Designer Christophe Pillet seinen Sessel „Sunset“ (Cappellini) mit weißem, braunem und violettem Nerz bezogen.

Kanzlerin bestellte himmelblaue Sofas

Für den Garten ist dieses Mobiliar natürlich nicht geeignet, doch kehrt sich dieser Trend augenscheinlich gerade um: Versuchten Designer in den vergangenen Jahren, die Wohnzimmereinrichtung so wetterfest zu machen, dass sie ganzjährig auch im Regen stehen konnte, erobern künftig geflochtene Outdoor-Möbel die heimischen vier Wände. Miteinander verknüpfte Kunstfasern für drinnen und draußen halten an vielen Messeständen Einzug - Folge der Wellnesswelle, die auch den privaten Wohnraum überrollt.

Dort soll man sich nun gänzlich zurückziehen können: auf Sofas und Sesseln (etwa auf der „Fat Sofa“-Familie von Patricia Urquiola für B&B Italia), die sich durch besonders hohe Lehnen auszeichnen. Ein Trend - aber nicht nur für zu Hause: Das „Alcove Sofa“ vom bretonischen Brüderpaar Ronan und Erwan Bouroullec (Vitra) kann durchaus auch der Vereinzelung in der Öffentlichkeit dienen. Das erkannte als eine der Ersten die Bundeskanzlerin, die gleich mehrere in Himmelblau für die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Gründung der Europäischen Union bestellt hatte, damit sie sich völlig geschützt und ungestört hinter „hohen Mauern“ mit ihren Kollegen unterhalten konnte.



Text: F.A.Z., 23.04.2007, Nr. 94 / Seite 9
Bildmaterial: Mailänder Möbelmesse

 
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