Mafia in Italien

Vom „Picciotto“ bis zum „Mastro di Giornata“

Von Tobias Piller, Rom

30. August 2007 Nach den Morden von Duisburg geben sich Italiens Sicherheitskräfte so, als sei eigentlich schon alles klar und beinahe vorhersehbar gewesen: Ziel des Anschlags soll vor allem Marco Marmo gewesen sein, der erst wenige Tage vor dem Mord in Deutschland eingetroffen sei. Der Fündundzwanzigjährige werde verdächtigt, an Weihnachten an einem Mordanschlag beteiligt gewesen zu sein, bei dem nicht der verfeindete Boss, sondern dessen 33 Jahre alte Frau, Maria Strangio, ums Leben kam.

Es heißt, die Fortsetzung der blutigen Fehde im kalabresischen Dorf San Luca sei durch die Polizeipräsenz unmöglich gewesen. Und dass viele männliche Familienmitglieder, die in die Blutrache verwickelt sein könnten, das Dorf verlassen hätten.

Die Ermittlungen enden oft an der Staatsgrenze

Obwohl die italienischen Behörden viele Hintergründe und Zusammenhänge kennen, fällt es ihnen schwer, die Angehörigen des organisierten Verbrechens in Kalabrien konkreter Straftaten zu überführen. Zum einen gibt es im Gegensatz zu den 1500 Überläufern in Sizilien in Kalabrien gerade einmal 40, die in der Rolle von Kronzeugen über die Organisationen berichten - denn aufgenommen werden in der Regel nur Blutsverwandte. Zum anderen klagte Italiens oberster Mafiajäger Pietro Grasso, dass die italienischen Ermittler machtlos seien, wenn es darum gehe, Zahlungsströme etwa im internationalen Kokainhandel nachzuweisen. So lange die Banken nicht zu Auskünften verpflichtet seien, endeten die Ermittlungen oft an der Staatsgrenze.

Die italienischen Behörden hätten auch anderen Ländern ihre Erkenntnisse über die Strukturen der sizilianischen Mafia, der neapolitanischen Camorra und der kalabresischen 'Ndrangheta zur Verfügung gestellt, sagte Pietro Grasso. Doch wenn die Zusammenhänge nicht erkannt würden, oder wenn es keine strafrechtliche Handhabe gegen die Bildung einer kriminellen Vereinigung gebe, könne man im Ausland nur schwer gegen kommerzielle Aktivitäten der Unterwelt vorgehen.

Schriftlich fixierte Riten

Beim Entschlüsseln der Ereignisse helfen den Italienern aber dennoch die lange gesammelten Erkenntnisse über die Regeln und Riten der 'Ndrangheta. Zwar heißt es übereinstimmend in Italien, dass die kalabresische Art des organisierten Verbrechens nach außen kein Leitbild einer „ehrenwerten Gesellschaft“ geschaffen habe, wie es für Siziliens Mafia galt. Doch im Gegensatz zur Mafia in Sizilien gibt es für die 'Ndrangheta schriftliche Regeln, die gefunden wurden.

Bekannt ist etwa, dass die Treffpunkte der örtlichen Organisation, die „locali“, mit feierlichen Riten geweiht werden. Diese gibt es auch für die Aufnahme von neuen Mitgliedern. Dafür muss Blut gegeben werden, zudem wird ein Heiligenbild verbrannt und die Asche über die Wunde gestreut.

Erkennungszeichen und Rangordnung

Als Erkennungszeichen haben die verdienten Mitglieder ein Kreuz auf dem rechten Daumen. Sie tragen auf der Brust ein Kreuz mit einem darauf montierten Stern. Es gibt eine Rangordnung, vom „Picciotto“ (dem Lehrling) zum „Sgarrista“ (der schon eine wichtige Aktion ausgeführt hat), vom „Camorrista“ bis zum „Capo Società“ (Chef der Gesellschaft) oder „Mastro di Giornata“, dem Boss. Zur Organisation gehört neben dem Boss auch der „Contabile“ als Finanzchef und Referent für Investitionen, daneben der „Crimine“ als Organisator der blutigen Verbrechen und Befehlshaber der „Gruppo di Fuoco“, der berufsmäßigen Killer im Clan.

Weil in der 'Ndrangheta verwandtschaftliche Bindungen wichtig sind, gelten viele Kinder auch als Ausdruck von Macht. Wenn es andererseits zu blutigen Fehden zwischen den Clans kommt, machen diese auch vor jugendlichem Alter nicht Halt - aus Angst, dass die jüngeren Mitglieder von verfeindeten Familien in späteren Jahren ihre Rache suchen könnten.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 

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