Universum

Unglaublich, dieser Kosmos

10. März 2004 Einen unglaublichen Einblick in die unermeßliche Tiefe des Universums liefert ein eindrucksvolles Foto des Hubble-Weltraumteleskops, das insgesamt 11,3 Tage lang belichtet worden ist - ein „Schnappschuß“ der besonderen Art. Erst durch die lange Belichtungszeit sind Galaxien in dem Zustand sichtbar geworden, den sie 400 bis 700 Millionen Jahre nach dem Urknall einnahmen, also vor mehr als dreizehn Milliarden Jahren. Sie befinden sich demnach nahe der Grenze des theoretisch sichtbaren Alls.

Selbst mit dem Hubble-Teleskop ist es nicht einfach, so weit in das Universum hineinzublicken - in eine Zeit, in der sich die meisten Galaxien noch am Anfang ihrer Entwicklung befanden. Damals gab es auch schon spiralförmige und elliptische Sternsysteme ähnlich jenen in unserer Nachbarschaft, aber die Hauptphase des Wachsens durch das Verschmelzen mit anderen Sternsystemen stand den meisten Galaxien noch bevor. Es dominierten exotische Formen, die von einer chaotischen Frühzeit des Universums zeugen.

Jeder Fleck ein Sternsystem

Die hellen und größer erscheinenden Galaxien auf dem Bild sind ungefähr eine Milliarde Lichtjahre von der Milchstraße entfernt und schon längst „erwachsen“. Für die „klassische“ Astronomie ist auch das eine gewaltige Distanz - im Vergleich zu der Entfernung von 2,3 Millionen Lichtjahren, in der sich der Andromedanebel befindet. Bei praktisch jedem Fleck auf der Aufnahme handelt es sich um ein eigenes weit entferntes Sternsystem. Sterne aus der Milchstraße, die normalerweise auf astronomischen Bildern dominieren, sind mit zwei Ausnahmen - zu erkennen an den Strahlenkreuzen - nicht zu sehen.

Das Hubble-Teleskop wurde für die Aufnahme in Richtung des Sternbilds Fornax gerichtet, eine Gegend am Himmel, die vollkommen leer zu sein scheint. Das war die Voraussetzung für einen ungestörten Blick in die Ferne des Kosmos. Schon zweimal haben die Astronomen mit dem Hubble-Teleskop einen solchen Blick gewagt, allerdings nicht ganz so weit. Die „Hubble Deep Fields“ von 1995 und 1998 reichten „nur“ bis auf eine Milliarde Jahre an den Urknall heran.

Pro Minute ein Photon

Will man noch weiter vorstoßen, muß man die Belichtungszeit dramatisch verlängern. Von den lichtschwächsten Flecken auf dieser Aufnahme des „Hubble Ultra Deep Field“, die zwischen dem 24. September 2003 und dem 16. Januar 2004 entstand, hat pro Minute nur ein einziges Photon das Teleskop erreicht. Von den näher gelegenen Galaxien konnten immerhin Millionen von Protonen pro Minute registriert werden. Für das Hubble-Teleskop ist mit der Aufnahme die Grenze erreicht. Erst mit seinem Nachfolger wird man die Grenze - frühestens im Jahr 2011 - noch ein wenig verschieben können.

Die Aufnahme ist in ungefähr 800 Belichtungsphasen entstanden. Das jeweils registrierte Licht wurde dabei nach und nach addiert. Um ein nahezu perfektes Ergebnis zu erhalten, haben die Astronomen mit zwei Kameras des Weltraumobservatoriums gearbeitet: Die erst im Jahr 2002 montierte „Advanced Camera for Surveys“ (ACS) hat ein doppelt so großes Blickfeld und eine wesentlich höhere Lichtempfindlichkeit als die 1993 installierte „Wide Field Planetary Camera 2“, die bis dahin verwendet wurde. Die zweite Kamera, „Near Infrared Camera and Multi-Object Spectrometer“ (Nicmos), ist dagegen auch für infrarote Strahlung empfindlich. Damit wurde es möglich, auch die entferntesten Objekte zu erfassen, deren Licht wegen der sogenannten Galaxienflucht weit in den roten und infraroten Spektralbereich hinein verschoben ist.



Text: G.P. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2004, Nr. 60
Bildmaterial: AP

 
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