Weltjugendtag

Politik auf dem Palaverplatz

Von Peter Schilder, Düsseldorf

Zelte soweit das Auge blickt

Zelte soweit das Auge blickt

16. August 2005 Pfadfinder schlafen nicht auf dem Schwingboden einer Turnhalle oder in leergeräumten Klassenzimmern. Pfadfinder schlafen in Zelten. Auf den Rheinwiesen in Düsseldorf, wo vor einem Monat noch die größte Kirmes am Rhein stattgefunden hat, haben sie eine Zeltstadt errichtet für 6000 Menschen. Jurten aus schwarzen Zeltbahnen, Koten, in denen man auch Feuer machen könnte, viele weiße Zelte, rund und rechteckig, in denen zwölf bis zwanzig Personen Platz finden, sowie viele, viele Kleinzelte geben zusammen ein buntes Bild.

Statt des für Pfadfinder typischen Donnerbalkens sind Toilettenwagen und Toilettenhäuschen vorhanden. Zwei große Duschzelte, eines für Frauen und eines für Männer an der jeweils gegenüberliegenden Seiten des Platzes, erleichtern die Körperpflege. Das Wasser ist warm - und das war in den vergangenen Tagen auch bitter nötig.

Ein Campingplatz mit Kreuz

Ein großes Kreuz zeigt von weitem, daß es sich hier nicht um einen üblichen Campingplatz handelt. Sogar einen dreischiffigen Zeltdom haben sie aus Baumstämmen und Jurte-Planen errichtet. Der Boden darin ist wie an vielen Stellen zwischen den Zelten matschig. Für den Dom hat die Stadt Düsseldorf eine dicke Schicht Rindenmulch versprochen, für draußen setzen die Pfadfinder auf die Sonne. „Hauptsache, es regnet nicht mehr.“ Dann steht der Katechese an diesem Mittwochmorgen, die Bischof Felix Genn aus Essen halten wird, nichts mehr entgegen. Das Zeltlager am Rhein in Düsseldorf ist offizielle Wohnstatt des Weltjugendtags.

Pfadinder aus fünfzig Nationen haben sich hier eingefunden, aber auch andere Jugendtagsteilnehmer sind herzlich aufgenommen. Allein schon diese Mischung macht die Unterkunft zum Ereignis. Italienische Pfadfinder scheinen ständig zu singen. Es ist, als ob an irgendeiner Ecke des weitläufigen Platzes immer Messe gefeiert würde. Polnische Pfadfinder treten morgens vor ihrem Zelt an und richten sich zum Appell aus. Da reibt sich manch deutscher St.-Georgs-Pfadfinder die Augen. Auch die Franzosen sehen das lockerer. Lässig geht es überhaupt zu in der Zeltstadt. Die einen schauen noch verschlafen aus ihren Zelten, die anderen stehen in Gruppen zusammen oder bilden einen Kreis und reden oder singen. Es ist ein Kommen und ein Gehen. Man könnte von einem Palaverplatz sprechen.

Diskussion um die Gesundheitsvorsorge in der Welt

„Scout-mission“ heißt das Motto dieser Tage. Darin sind die Pfadfinder und das katholische Missionswerk in Aachen zusammengebunden. Es geht um den Missionsauftrag der Kirche. Weil das immer konkret ist, geht es um die Gesundheitsvorsorge in der Welt, oder noch konkreter um die HIV-Problematik. Beide Organisationen haben Projekte dazu. In Workshops wird diskutiert - über mögliche Präventionsmaßnahmen oder auch über die ungerechte Verteilung von Arzneimitteln in der Welt. HIV-Infizierte in Afrika und Südamerika, so beklagen sie, könnten sich die teuren Medikamente nicht leisten. Außerdem wird man wohl die Anregungen der Reformbewegung „Wir sind Kirche“ und anderer kritischen Gruppen aufnehmen, die den Vatikan im Verein mit dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle aufforderten, das Kondom-Verbot aufzuheben.

Am Dienstag ist davon aber noch nicht viel zu sehen. Eine Pfadfindergruppe aus Bolivien zeigt spontan das „Theater um die Gesundheit“ und lädt zum Mitmachen ein. Mit dem Bundespräsidenten Horst Köhler, der am Freitag in dem Camp zu Gast ist, wollen sie über Gesundheitspolitik, aber auch über Bildung sprechen. „Eben über das, was uns angeht.“ Das wird nicht aggressiv sein, eher höflich. Vor allem die Gäste aus dem Ausland werden die Gelegenheit nutzen, dem deutschen Staatsoberhaupt ziemlich nahe zu kommen. Am Dienstag inspizierten schon einmal die Sicherheitsbeamten die Örtlichkeiten.

Alkohol ist verboten, um 22 Uhr ist Nachtruhe

„Das ist eben unsere Spiritualität“, sagt Michael Scholl, der Sprecher der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, zu der gesellschaftspolitischen Akzentuierung. Glauben und Verantwortung ließen sich eben nicht trennen. Tatsächlich wirkt die bunte Schar nicht gerade wie eine frömmelnde Clique, wenn auch viele Lieder, die sie singen, fromme Inhalte beschrieben.

An den Standorten des Weltjugendtags werden am Mittwoch und am Freitag die großen Katechesen von Bischöfen in deutsch, englisch und französisch gehalten. Auch für das religiöse Gespräch und für Gebete ist viel Raum. Als Standort des Weltjugendtages gelten im Pfadfinderlager auch die Regeln des Weltjugendtages. Um 22 Uhr beginnt die Nachtruhe. Rauchen ist nur in Raucherzonen gestattet, und Alkohol ist verboten. Zwar gibt es keine Lagerpolizei, die zwischen den Zelten patrouilliert und lauscht, was darinnen vorgeht. Aber am Montagabend ist schon eine Flasche Hochprozentiges einkassiert worden.

In den Köpfen festsetzen

Man versammelt sich auf dem Marktplatz vor dem Zeltplatz. Zur Sicherheit dürfen nur diejenigen hinein, die dort auch schlafen. Der Marktplatz soll Begegnungsplatz sein. Doch Düsseldorfer lassen sich dort recht selten sehen. Begegnungsplatz ist die ganze Landeshauptstadt auf der anderen Seite des Rheins. Dort mischen sich die Pfadfinder mit den anderen Weltjugendtagsbesuchern. Zu erkennen sind sie an ihrem blauen Rucksack, in dem sie die wichtigen Dinge mit sich herumtragen. Der Fährmann, der während der großen Kirmes eine dritte Verbindung herstellt, bietet auch jetzt seine Dienste an. Ein paar Euro für die Überfahrt sind für manchen Jugendlichen nicht gerade billig, aber der Rückweg über eine der beiden Rheinbrücken kann lang sein.

Auch so ein Zeltlager ist nicht kostenlos. Die Pfadfinderschaft hat dafür neben dem Beitrag aus der Weltjugendtagskasse Eigenmittel investiert und Drittmittel mobilisiert. Es gibt etliche Sponsoren. Darunter auch der Obi-Baumarkt, der 2225 Kleinzelt gespendet hat. Unter den Pfadfindern besteht ein stabiles Netzwerk. Wer einmal Pfadfinder war, bleibt es immer. Um solche Traditionsbildung geht es nun auch beim Weltjugendtag. Das Treffen soll sich für immer in die Köpfe der jungen Leute als schöne Erinnerung festsetzen.

Text: F.A.Z., 17.08.2005, Nr. 190 / Seite 7
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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