Charles Hallgarten

Eine Art Beichtvater der Zeitsorgen

Von Konstanze Crüwell

21. Mai 2008 Als Thomas Mann in seinem Roman „Königliche Hoheit“ einen amerikanischen Millionär und Wohltäter namens Samuel Spoelmann schilderte, soll ihm der Frankfurter Charles Hallgarten als Vorbild gedient haben. Wahr oder nur gut erfunden? Für die literarischen Ehren spricht jedenfalls, dass Hallgartens Sohn Robert, der als Privatgelehrter in München lebte, den Dichter über eine Kulturzeitschrift kannte. Freundschaftliche Beziehungen zwischen beiden Familien, besonders zwischen Erika Mann und Richard Hallgarten, entstanden später durch ihre Nachbarschaft.

Ähnlich waren sich Charles Hallgarten, dem jetzt die Universitätsbibliothek eine Ausstellung widmet, und die Romanfigur Spoelmann auch darin, dass beide Amerikaner waren, die aus gesundheitlichen Gründen in Deutschland lebten - Hallgarten in Frankfurt, der fiktive Spoelmann in einer ebenso fiktiven Residenz -, zwei steinreiche Kapitalrentner, die mit ihren üppigen Ressourcen die Armen in großzügiger Weise unterstützten.

Die Phantasiegestalt Spoelmann verteilte zudem „gewaltige Schenkungen an Kollegien, Konservatorien, Bibliotheken, Wohltätigkeitsanstalten“ - genau wie es Hallgarten in der Realität tat: „Es haben sich in seiner Stube vielerlei Leute getroffen, Minister, Kirchenräte, Rabbiner, Abgeordnete, Finanzleute, Künstler, Männer, Frauen, Projektemacher und Notleidende, viele, die etwas von ihm haben wollten, auch solche, die sein Geld haben wollten und sonst nichts von ihm“, erinnerte sich der evangelische Theologe und liberale Politiker Friedrích Naumann. „Und in der Mitte dieser vielen Anforderungen sahen wir ihn immer ruhig, geduldig, klar im Zuhören und Antworten, ein Mann des Pflichtbewußtseins gegenüber den Aufgaben, die er sich selbst stellte.“

Täglich erreichten ihn Bittgesuche

Absurd adressierte Bettelbriefe an Mr. Spoelmann, wie Thomas Mann sie im Roman beschreibt, hat Hallgarten tatsächlich erhalten. Als Baron, Fürst, Ehr- oder Hochwürden wurde er auf den unzähligen Bittgesuchen bezeichnet, die ihn tagtäglich erreichten. Robert Hallgarten beschreibt das in der Biographie, die er über das Leben seines Vaters verfasste. Eine Frau habe ihren Bittbrief sogar mit dem Angebot beendet: „Würde Ihnen, sehr geehrter Herr, auf Verlangen die Füsse küssen.“ Als eine Sachsenhäuserin schriftlich um ein Almosen bat, da sie elf unmündige Kinder habe und ihr Mann „luftkrank“ sei, hat ihr Charles Hallgarten natürlich geholfen, sagte im Hinblick auf die hohe Kinderzahl aber trocken zu seinem Privatsekretär: „Was würde der Mann erst tun, wenn er Luft hätte?“

„Ein Amerikaner in Frankfurt am Main. Der Mäzen und Sozialreformer Charles Hallgarten“ heißt die kleine Ausstellung, die zu seinem 100. Todestag in der Universitätsbibliothek in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum präsentiert wird: ein verdienstvoller Schritt, um an einen großen Frankfurter zu erinnern, dessen fast vergessenes Leben und Wirken mit Dokumenten und Fotografien nun anschaulich wird.

Wenn Hallgarten im Gedächtnis der Stadt heute endlich den ihm gebührenden Platz einzunehmen beginnt, so ist das auch Arno Lustiger zu verdanken. Schon in den frühen achtziger Jahren hielt er Vorträge über ihn, wies die Stadt - leider vergeblich - auf den 75. Todestag des bedeutenden Philanthropen hin und würdigte ihn 1985 in dieser Zeitung. Aber noch 2001, als man das Jubiläum der FAAG und der „Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen“ feierte, wurde Hallgarten nicht einmal erwähnt. Er war es aber, der angesichts des Mangels an Wohnungen für die rasch wachsende Bevölkerung 1890 mit Georg Speyer und Carl Becker die Initiative zur Gründung der „Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen“ ergriff, die als Erstes den Burgstraßenblock baute.

Im November 1838 in Mainz geboren - als Karl Hallgarten

Mittlerweile schließt sich die kollektive Erinnerungslücke: Vor fünf Jahren gab Arno Lustiger die im Societäts-Verlag erschienene Hallgarten-Biographie heraus, mit eigenen Beiträgen und Texten des Historikers Hans-Otto Schembs - beide gehören auch zu den Autoren des Begleitbuchs zur jetzigen Ausstellung, die noch bis zum 6. Juni läuft.

Charles - ursprünglich Karl - Hallgarten kam am 18. November 1838 in Mainz zur Welt, als drittes von fünf Kindern des Handelsmanns Lazarus Hallgarten und dessen Ehefrau Eleonora, geborene Darmstaedter. Dreizehnjährig wanderte er mit der Familie nach New York aus, wo der Vater das Bankhaus Hallgarten & Co. gegründet hatte, das sich glänzend entwickelte und um 1870 mit der Finanzierung der Eisenbahn einen grandiosen Aufstieg erlebte. Charles ging in New York zur Schule und aufs College und arbeitete schließlich nach der Banklehre in der väterlichen Bank. 1868 wurde er Teilhaber.

Der gebildete junge Mann, der selber Gedichte schrieb, liebte englische und amerikanische Literatur, hörte auch eine der berühmten Lesungen von Charles Dickens in Amerika. Und vielleicht waren es die traurigen Geschichten von „Oliver Twist“ oder „David Copperfield“, die ihn bewogen, notleidenden Kindern zu helfen. Soziale Fragen wurden ihm jedenfalls immer wichtiger. Er engagierte sich in der „Hebrew Benevolent Society“ und setzte sich aktiv dafür ein, die Vernetzung und planvolle Koordinierung der privaten Wohltätigkeitsvereine in New York zu fördern und auszubauen. Aber er wollte sich auch ein persönliches Bild von den schlimmen Zuständen in den Slums machen, und vermutlich hat er sich bei seinen Besuchen dort mit der Schwindsucht infiziert.

Mehr als 40 Hilfsvereine unterstützt

Für diese Erkrankung war das New Yorker Klima sehr ungünstig, und deshalb kehrten Hallgarten, seine Frau Elise und die beiden Kinder, die später noch zwei Geschwister bekamen, 1875 nach Europa zurück. 1877 kam die Familie nach Frankfurt und bezog an der heutigen Siesmayerstraße, dort, wo bis vor einigen Jahren das amerikanische Generalkonsulat residierte, ein prachtvolles, vom Architekten Franz von Hooven im Stil der Neorenaissance erbautes Haus. Aus dem aktiven Geschäft hatte sich Hallgarten zurückgezogen, er blieb aber stiller Teilhaber des Bankhauses und fuhr einmal im Jahr nach New York.

In Frankfurt entfaltete er nun sein menschenfreundliches Lebenswerk. Zunächst engagierte er sich im Almosenkasten der Israelitischen Gemeinde und im Israelitischen Hilfsverein, weitete aber schon bald seine Aktivitäten aus: Mehr als 40 Hilfsvereine unterstützte er mit seinem Vermögen, aber auch mit seinen in New York erworbenen Erfahrungen und Kenntnissen, wie private und öffentliche Wohltätigkeit sinnvoll verknüpft werden konnten.

Hallgarten finanzierte Milchküchen, um die Säuglingssterblichkeit zu verringern, ein Asyl für Obdachlose, den Verein für Mutterschutz, eine Rechtsschutzstelle für Frauen, Kinderhorte und vieles mehr. Auch eines seiner größten Projekte wird in der Schau in der Universitätsbibliothek vorgestellt: Im Kalmenhof in Idstein, damals „Idiotenanstalt“, heute „Jugendheim Charles Hallgarten“ genannt, zogen 1888 die ersten behinderten Kinder ein. Der unermüdliche Finanzier und kreative Organisator von Fürsorgeeinrichtungen, der noch heute sichtbare Spuren in Frankfurt hinterlassen hat, zeichnete sich aber vor allem auch dadurch aus, dass er immer für jeden zu sprechen war, der ihn um Hilfe bat. „Der Mensch selbst ist das oberste Besitztum der Menschheit. Das ist das Salz, in dem sich bei ihm Volkswirtschaft, Politik und Wohltätigkeit berührten“, schrieb Naumann über Hallgarten, der mit Wilhelm Merton 1890 das „Institut für Gemeinwohl“ gründete, das Vorschläge erabeiten sollte, wie die Sozialfürsorge zu optimieren sei.

20.000 Menschen im Trauerzug

Hallgarten sei überzeugter Jude, aber nicht religiös gewesen, schreibt Helga Krohn im Ausstellungskatalog. Unermüdlich setzte er sich, „eine Art Beichtvater der Zeitsorgen“ (Naumann), mit Felix Warburg und Jacob Schiff in der „Jewish Colonization Association“ für die Einwanderung russischer und rumänischer Juden in die Vereinigten Staaten ein. Die Bezeichnung „Antisemiten“ hielt er für falsch: „In Wahrheit müssten sie Judenhasser heißen.“

Charles Hallgarten starb am 19. April 1908. Mehr als 20.000 Menschen waren auf den Beinen, als sich der Trauerzug auf dem Weg zum Jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße bewegte. „Wo immer die Menschen waren, sie waren ihm alle die Nächsten“, sagte Rabbbiner Horovitz in einem Nachruf. „Wir wollen als Christen diesem edelsten der Juden unseren Dank und unsere Verehrung aussprechen“, sagte der evangelische Pfarrer Battenberg. So wahr es sei, dass er die Interessen der jüdischen Gemeinschaften mit Liebe und Tatkraft wahrgenommen habe, so gewiss sei doch auch seine Freiheit von jeder konfessionellen Engherzigkeit. „Er wußte, dass Kern und Herzschlag aller Religionen die Liebe ist, und dass keine Konfession allein die Liebe in Anspruch nehmen kann.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Hagmann, Roger

 

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