Von Alexander Marguier, Medan
13. Januar 2005 In Banda Aceh mangelt es an vielem, eines allerdings gibt es im Überfluß: Gerüchte. Das Chaos aus Tod und Zerstörung, in das die Flutwelle die Hauptstadt von Sumatras Nordprovinz versetzt hat, ist dafür der ideale Nährboden. Eines dieser Gerüchte hält sich ganz besonders beständig, und es gibt zahlreiche Hinweise darauf, daß die Geschichten die Wirklichkeit abbilden. Sie handeln von Kindesentführungen. Genauer gesagt davon, daß Menschenhändler sich die immer noch unübersichtliche Lage in Banda Aceh zunutze machen, um ihren finsteren Geschäften nachzugehen.
Wie viele Kinder durch die Katastrophe ihre Eltern verloren haben, läßt sich im Abstand von zweieinhalb Wochen noch längst nicht genau sagen, zumal der Begriff "Waise" ungebräuchlich ist, weil die Familien hier meist so groß sind, daß immer irgendein entfernter Verwandter dasein wird, der sich um hinterbliebene Kinder oder Jugendliche wird kümmern können. Aber weil die Zusammenführung der Menschen in diesem heillosen Durcheinander wie eine langwierige Puzzlearbeit ist, sind viele der Heranwachsenden erst einmal auf sich selbst gestellt. Und soviel ist sicher: Es gibt Tausende von ihnen.
Auch Bundesgrenzschutz kontrolliert einreisende Kinder
Mitarbeiter der örtlichen Kinderhilfsorganisation "The children of Sumatra" etwa berichten von einem Fall, bei dem drei Tage nach der Flut eine Gruppe von vierzig elternlosen Jungen und Mädchen im Alter zwischen acht und 14 Jahren aus Banda Aceh in die 600 Kilometer entfernte Millionenstadt Medan geflogen worden sei, wo man sie in Obhut hätte nehmen sollen. Als ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation die Gruppe am Flughafen in Empfang nehmen wollte, sei sie verschwunden gewesen - bis heute spurlos.
Es ist nicht das einzige Vorkommnis dieser Art, von dem die Rede ist, so daß die indonesische Regierung mittlerweile Wachtposten an den Flughäfen von Medan, Banda Aceh und Jakarta sowie an den Grenzübergängen zur Aceh-Provinz plaziert hat, die sicherstellen sollen, daß Kinder und Jugendliche nur in Begleitung von erwachsenen Verwandten ausreisen. Dem entsprechen die verschärften Kontrollen an den deutschen Grenzen und Flughäfen, mit denen der Bundesgrenzschutz das illegale Einschleusen von Kindern aus den Katastrophengebieten seit Anfang der Woche verhindern will.
Adoptionsverbot für Aceh
In Medan, das als eine Drehscheibe des internationalen Kinderhandels gilt, wurden in der vergangenen Woche zwei Männer festgenommen, die im Verdacht stehen, zwei acehnesische Kinder entführt zu haben. Der indonesische Justizminister Hamid Awaluddin verkündete gar ein vorläufiges Adoptionsverbot für aus Aceh stammende Jugendliche unter 16 Jahren, um Menschenhändlern möglichst das Wasser abzugraben. Man habe sich zu diesem Schritt gezwungen gesehen, weil es die einzige Möglichkeit sei, Entführungsgerüchten entgegenzuwirken.
Awaluddin gab aber zu bedenken, daß es nicht einfach sein werde, des Problems Herr zu werden, weil die Menschenhändler enggeflochtene Netzwerke mit vielen Hintermännern unterhielten. Auch andere nehmen die Lage ernst. Das zeigt sich beispielsweise daran, daß die nicht für blinden Aktionismus bekannte Organisation "International Justice Mission" mit Sitz in Washington eigens einen Mitarbeiter in die Krisenregion entsandt hat, der dem vermeintlichen Kinderhandel auf den Grund gehen soll.
Das Problem existierte schon vor der Flutkatastrophe
Der indonesische Polizeichef, General Dai Bachtiar, hat derweil sämtliche Ordnungskräfte angewiesen, besonders hohe Aufmerksamkeit wegen des Kinderhandels walten zu lassen. Das ist nicht ganz ohne faden Beigeschmack. Denn die für ihre Korruption berüchtigte indonesische Polizei hat schon vor der Flutkatastrophe nicht allzuviel unternommen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Aber seit die Weltöffentlichkeit wegen des Tsunami auf Indonesien blickt, werden zwangsläufig viele Mißstände innerhalb des Vielvölkerstaates offenbar, für die sich zuvor kaum ein Ausländer interessiert hat.
Jetzt jedenfalls haben die Ordnungshüter nach offiziellen Verlautbarungen Hinweise darauf erhalten, daß "Gruppen und Einzelpersonen" aus der Naturkatastrophe Profit zu schlagen versuchen und entwurzelte, allein zurückgebliebene Kinder als Ware anbieten. Die mutmaßlichen Täter haben sich laut Polizei als Mitarbeiter von Wohltätigkeitsorganisationen ausgegeben, die sich um die Vermittlung der Waisen an Pflegeeltern hätten kümmern wollen. Einige seien auch direkt als adoptionswillige, durchaus verantwortungsvoll erscheinende Personen aufgetreten.
Chaotische Flüchtlingscamps in Banda Aceh
Daß derlei Tricks in den chaotischen Flüchtlingscamps von Banda Aceh funktionieren könnten, ist nicht unwahrscheinlich. Aber auch unter den unüberschaubar vielen Hilfsorganisationen selbst, die im Katastrophengebiet aktiv sind, befinden sich offenbar einige schwarze Schafe, die schon in der Vergangenheit durch die illegale Vermittlung von Adoptionen auf sich aufmerksam gemacht haben. Hinzu kommt, daß seit mehreren Tagen in ganz Indonesien Textnachrichten über die Mobilfunknetze zirkulieren, in denen nach adoptionswilligen Paaren gesucht wird. Wer deren genaue Urheber sind, ist unklar. So trägt auch das zur Anspannung der Lage bei.
Unumstritten ist jedenfalls, daß es bereits vor der Flutkatastrophe im Norden der Insel Sumatra Kinderhandel gegeben hat - und zwar nicht nur in Einzelfällen. Kinder aus armen Familien werden regelmäßig an Schleuserbanden verkauft und landen als billige Arbeitskräfte in Sweatshops, wo zu Dumpingpreisen Kleidung und Schuhe für den Weltmarkt produziert werden. Der "Lohn" besteht aus einer Unterkunft und ausreichend Nahrung. Andere Kinder vermitteln die Schleuser gegen hohe Gebühren an kinderlose Ehepaare. Sogar die Ausbeutung von Mädchen als Zwangsprostituierte in Taiwan, Malaysia und anderen asiatischen Ländern ist dokumentiert.
Korrupte Polizisten halten die Hand auf
Das lukrative Geschäft kann nur deshalb so blühen, weil korrupte Polizisten und Staatsangestellte die Hand aufhalten oder gleich selbst mitmischen. "Es gibt auf Sumatra definitiv eine Mafia von Kinderhändlern, die sich vor allem die Not der Familien aus der Provinz Aceh zunutze machen", sagt Katie Pavett, die aus London stammende Mitbegründerin der Organisation "The children of Sumatra". Und Not kannten die Acehnesen, deren an Rohstoffen (vor allem Öl) reiche Heimat beinahe schon traditionell von der Zentralregierung und von multinationalen Energiekonzernen ausgebeutet wird, lange vor der Flutkatastrophe. Der auch von genau diesem Mißstand herrührende Bürgerkrieg in der Provinz Aceh sorgt außerdem dafür, daß der Nachschub an Waisenkindern so schnell nicht versiegt.
"Wenn Sie in Medan an der Ampel stehen, und es kommen kleine Kinder herbeigelaufen, die Ihnen Zeitungen und Süßigkeiten verkaufen, dann stammen nicht wenige von ihnen aus Aceh", berichtet Katie Pavett. Die Tageseinnahmen müßten die Kinder abends bei ihren Herren abliefern, welche die Straßenhändlersyndikate in der Millionenmetropole betreiben. Die Rede ist auch von Verstümmelungen, die Kindern beigebracht würden, damit sie beim Betteln mehr Mitleid erregen. Und immer wieder sieht man Straßenjungen, die sich mit Klebstoff aus der Plastiktüte betäuben, um ihr qualvolles Dasein zu ertragen. Gleichzeitig ruinieren sie sich damit ihr Gehirn.
Adoptionen nur durch Muslime
In Anbetracht solcher Szenarien scheint es verständlich, daß die indonesische Regierung die Bewegungsfreiheit für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren eingeschränkt hat, damit ihnen anderswo kein Leid zugefügt werden kann. Jegliche Adoptionen von Flut-Waisen sollen streng reglementiert und überwacht werden. Ohnehin sieht ein Gesetz des Landes vor, daß Adoptiveltern der gleichen Glaubensgemeinschaft angehören müssen wie die Kinder. Auf diese Weise will man verhindern, daß muslimische Waisen von "Falschgläubigen" erzogen werden - eine tiefsitzende Angst in der Bevölkerung Nordsumatras, die besonders streng islamisch ist. Daß vielen hinterbliebenen Kindern damit von Anfang an die Chance genommen wird, in einem anderen Land eine liebevolle Pflegefamilie zu finden, scheint dabei keine allzu wichtige Rolle zu spielen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.01.2005, Nr. 11 / Seite 7
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